Rezension zu »Der stumme Besucher« von Jan-Erik Fjell

Der stumme Besucher

von


Kriminalroman · rororo · · Taschenbuch · 413 S. · ISBN 9783499257377
Sprache: de · Herkunft: no

Die Cosa Nostra auf Abwegen in Norwegen

Rezension vom 14.12.2011 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Norwegen: Herr Wilhelm Martiniussen, Hauptaktionär der Mardan AG, lädt den Vorstand und weitere Großaktionäre zu einer Eilsitzung. Was er ihnen mitzuteilen hat, haben die Anwesenden schon im Vorfeld befürchtet; daher hören die meisten zwar enttäuscht, aber doch ruhig zu. Nur einer unter ihnen verliert seine Contenance, als Martiniussen verkündet, dass er das milliardenschwere Kanada-Projekt nicht durch seine Unterschrift absegnen wird.

Der Grund für seine Entscheidung ist Nora, eine knapp 30-jährige Umweltaktivistin und seit drei Monaten die große Liebe des doppelt so alten Bosses. Sie hat ihm dermaßen den Kopf verdreht, dass er seine Prioritäten radikal verändert hat. Seine Nobelkarossen hat er teils verkauft, teils in der Garage geparkt, denn jetzt nutzt er Busse und Bahnen oder bewegt sich gar per Pedes. Logisch, dass er das Kanada-Projekt, dessen Ölbohrungen in Teersanden zu ökologisch gigantischen Verschmutzungen geführt hätte, nicht mehr verantworten kann.

Die Versammelten werden Wilhelm zum letzten Mal lebend gesehen haben. Denn in der folgenden Nacht wird er auf dem Weg zu seiner Wohnung im Fahrstuhl mit einer Klaviersaite erdrosselt.

Nora, die derweil auf der Couch schlief, bemerkt den Toten erst am nächsten Tag und informiert die Polizei. Hauptkommissar Anton Brekke, sein Kollege Simon Haugen und ein Student der Polizeihochschule, Magnus Torp, bilden das Ermittlerteam. Die Spurensicherung ist auf verlorenem Posten: Hier agierte ein Profi, der nichts berührt, nichts gestohlen und nichts hinterlassen hat.

Zunächst fällt der Verdacht auf die um ihre zukünftigen Gewinne gebrachten Miteigentümer der Mardan AG. Aber die haben alle wasserdichte Alibis. Man tappt weiter im Dunkeln.

Während der Autor die polizeilichen Tätigkeiten gemächlich, aber logisch dahinfließen lässt, springen wir zwischendurch zu einem zweiten Handlungsstrang nach New York und in die Vergangenheit – 1962. Der 22-jährige Vincent Giordano wird heute seinen Eid ablegen, um als Ehrenmann in die Cosa Nostra aufgenommen zu werden. Zunächst wird er eine illegale Spielhölle betreiben und für Don Domenico Abtrünnige, Verräter oder die in Jersey agierenden Gegenspieler, die gegen Absprachen verstoßen haben, kurz und schmerzlos abknallen. Bald steigt er in der Hierarchie der alles bestimmenden Mafia-Organisation zum zweiten Mann auf.

Zurück in Norwegen haben Brekke und sein Team mittlerweile Zeugen gefunden, die Wilhelm am Abend vor seinem Tod gesehen haben. Auf einem Foto erkennt man Wilhelm und einen fremden Mann – ausgerechnet dieser wird in der Tatnacht überfallen und landet mit schweren Hirnverletzungen auf der Intensivstation, liegt im Koma. Aber Brekke identifiziert ihn, denn er erinnert sich an Presseberichte über einen spektakulären Mordfall, der vor Jahren vor einem New Yorker Gericht verhandelt wurde: Der Angeklagte war der berüchtigte Mafioso Vincent Giordano. Was macht der hier und jetzt in Norwegen?

Seite für Seite gibt der Autor immer mehr preis, baut eine absolut stimmige und logisch überzeugende Krimihandlung auf. Der Schluss ist nicht spektakulär, aber doch eine gelungene, unerwartete Überraschung.

Die Cosa Nostra, ihre Strukturen und einem Ehrenkodex folgenden Regeln sind authentisch und packend beschrieben. Bis auf eine sehr grausame tödliche Bestrafung kommt der Autor ohne blutrünstige Szenen aus – was mir gut gefällt. Eigentümlich und befremdlich ist der Effekt, dass Vincent dem Leser als Person sehr nahekommt, fast schon sympathisch wird, je mehr er über das Leben dieses gnadenlosen Killers erfährt.

Der Autor Jan-Erik Fjell hat mit Brekke, Haugen und Torp ein ungleiches Ermittlertrio geschaffen, das reichlich Anlass für Spannungen und Unterhaltung bietet. Brekke ist ein süchtiger Spielerjunkie, der Gewinne und Verluste immer so gerade im Gleichgewicht hält, durch sein lockeres, schnoddriges Mundwerk auffällt und seinen Kollegen auch gern mal einen Streich spielt. Aber er ist das Zugpferd unter den dreien, denn er hat den richtigen Riecher und die passenden Beißwerkzeuge. Dem 60-jährigen Haugen, einem Paragraphenreiter, ist das Benehmen seines Kollegen oft sehr peinlich. Auch er selber muss im Polizeibüro manche Häme einstecken: Erst kürzlich hat man ihn ins Wasser gestoßen, und nun fürchtet er, dass seine starken Beschwerden am After bekannt werden. Die Salben auf seinem Schreibtisch sind verräterisch genug ...

Fjells Krimidebüt "Der stumme Besucher" stand monatelang an der Spitze der norwegischen Bestsellerliste. Wie vor ihm schon Jo Nesbø und Anne B. Radge wurde Jan-Erik Fjell mit dem Preis des Norwegischen Buchhandels ausgezeichnet.

Er hat es verdient! Die Reihe wird fortgesetzt. Band zwei ist in Arbeit.


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