Rezension zu »Angst« von Robert Harris

Angst

von


Thriller · Heyne · · Gebunden · 383 S. · ISBN 9783453267046
Sprache: de · Herkunft: gb

Lebt es?

Rezension vom 17.12.2011 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Haben Sie ein Aktienportfolio bei einer Bank oder trauen Sie sich sogar zu, online selber zu handeln, so empfehle ich Ihnen nach der Lektüre von Robert Harris' neuestem Thriller "Angst", aus dem Zockergeschäft der Wetten auf steigende oder fallende Kurse schleunigst auszusteigen. Denn Sie sind (höchstwahrscheinlich) nur ein kleines Licht und versuchen, mit Vernunft zu agieren. Doch mit Verstand lassen sich Kursentwicklungen oft nicht erklären: Gewinnprognosen der Konzerne lassen deren Indizes oft absinken, während Hiobsbotschaften zu Kurssteigerungen führen können. Und die Tage des von Menschenhirn gesteuerten Parketthandels sind ohnehin gezählt, denn bald wird die gesamte Finanzwelt fast ausschließlich von Computern beherrscht.

Wie nah wir dieser Zukunftsvision schon waren, erlebten wir am 6. Mai 2010. Innerhalb von Minuten rauschten die Aktienkurse im freien Fall nach unten, der Dow Jones verlor um die 1000 Punkte. Man setzte den Handel kurzfristig aus. Seltsamerweise stieg das Barometer anschließend und machte seine Verluste wieder um zwei Drittel wett. Doch innerhalb von zehn Minuten waren beinahe 1,3 Milliarden Aktien gehandelt worden, das Sechsfache des Durchschnitts und mehr als im gesamten Jahrzehnt zwischen 1960 und 1970. Die Orders wurden binnen Millisekunden erteilt – für den menschlichen Verstand kaum nachvollziehbar.

Was damals geschah, ist nie ganz aufgeklärt worden. Im Abschlussbericht der Securities and Exchange Commission (SEC) heißt es, eine einzelne Investmentgesellschaft habe ein computergesteuertes Verkaufsprogramm initiiert. Rund 75.000 sogenannter E-Mini-Kontrakte wurden zu jedem Preis losgeschlagen, was wie Panikverkäufe aussah und eine Kettenreaktion auslöste. Eine Billion Dollar Marktkapital wurde dadurch vernichtet. Das "Flash Crash" benannte legendäre Szenario bescherte der auslösenden Investmentgesellschaft 4,1 Mrd. Dollar Gewinn, denn sie hatte sich mit der legitimen "Hedging"-Strategie gegen Verluste abgesichert.

Der erste Hedge-Fonds, auf Absicherung und Gewinnmaximierung ausgelegt, wurde schon im Jahre 1949 von A. W. Jones gegründet. Was damals noch Broker machten, nämlich Indizes analysieren, den richtigen Einstiegszeitpunkt für die Transaktionen auswählen usw., wird heute von Computern übernommen, die, mit Algorithmic-Trading-Software programmiert, selbstständig agieren.

In einem Handelsblatt-Interview vom 23.11.2011 zieht Robert Harris folgendes Resümee: "Die Vorgänge auf den Finanzmärkten sind viel wichtiger als zum Beispiel die Bedrohung durch islamistische Extremisten."

Auf Basis des realen Ereignisses und der denkbaren weiteren Entwicklung in der Zukunft mit möglicherweise noch katastrophaleren Auswirkungen hat Harris seinen fiktionalen Finanzthriller geschrieben. Wir sind in einer vollständig digitalisierten und kontrollierten Welt angekommen.

Der 42-jährige amerikanische Physiker Dr. Alexander Hoffmann, ein ehemaliger Mitarbeiter bei CERN (der Europäischen Organisation für Kernforschung in Genf), hat sich selbstständig gemacht und VIXAL-4 geschaffen, eine algorithmisch perfekte Software , die die Volatility des S&P 500 auswertet, aus Fehlern lernt und sich damit selbst fortentwickelt – also eine künstliche Intelligenz. Um sein Produkt gewinnbringend zu vermarkten, hat er die Firma "Hoffmann Investment Technologies" gegründet und die besten Mathematik- und Physik-Hochschulabsolventen mit Höchstgehältern geködert. Zur absoluten Geheimhaltung verpflichtet, arbeiten nun fünfzig quantitative Analysten, geringschätzig Quants genannt, vor den Monitoren ihrer Multi-Screen-Computer in den papierlosen Büros eines Hochsicherheitstrakts.

Da Hoffmann, ein spröder, introvertierter Einzelgänger, die Öffentlichkeit hasst, hat er einen gleichberechtigten Geschäftspartner an seine Seite genommen, der für das Anwerben von Investoren zuständig ist. Er heißt Hugo Quarry und ist ein blasierter, manierierter Südengländer, geschickt im Umgang mit Menschen.

Heute sind eine Handvoll Großkapitalisten geladen, denen Quarry VIXAL-4 vorstellen soll. Während er sich auf die Konferenz vorbereitet, spielen die Monitore verrückt, denn VIXAL-4 agiert: 1,5 Millionen Verkaufsoptionen, eine absolut ungewöhnlich hohe Zahl an Trades – und alles Short-Positionen auf eine einzige Aktie, die der Vista-Airways. Später wird bekannt, dass eine Vista-Maschine beim Anflug auf Moskau abgestürzt ist. Konnte VIXAL-4 das etwa prognostizieren? In der Tat ist das Programm darauf spezialisiert, dass es Katastrophen, Unruhen, Ängste im Markt frühzeitig erkennt, daraus autonom weiterlernt und sich situationsentsprechend verhält. In der Folge werden viele weitere Aktien aus dem S&P 500 abgestoßen, und der Dow stürzt ab. Hoffmann bekommt es mit der Frankenstein-Angst zu tun: Ist sein selbstgeschaffenes Kind ein Monster? Ist es für den Crash der Märkte verantwortlich? Irgendwie muss er VIXAL-4 abschalten – aber wie?

Schon seit dem frühen Morgen war Hoffmann psychisch unter Druck. Um Mitternacht blätterte er in einer Erstausgabe von Charles Darwins "The Expression of the Emotions in Man and Animals" aus dem Jahr 1872, die ihm ein Antiquariat aus Amsterdam geschickt hatte, dann brach ein Mann in seine mit Codes und Kameras gesicherte Villa ein. Als er erfährt, dass er selber das Buch per Email geordert und von seinem Konto bezahlt hat, dass er selber den Einbrecher bestellt und ihm die Codes genannt hat, dass er sämtliche Exponate seiner Frau (einer Künstlerin) am Tag der Vernissage gekauft hat, überkommt Alex große Angst vor sich selbst – denn er kann sich an nichts von alledem erinnern. Als einzige Erklärung glaubt er an eine große Intrige gegen sich.

Damit die Handlung nicht nur vordergründig und tagesaktuell konsumiert wird, sondern größere geistesgeschichtliche Zusammenhänge erkennbar werden, hat Harris jedem der neunzehn Kapitel ein Zitat vorangestellt, die meisten aus Darwins "Die Entstehung der Arten" (1859) und "Die Abstammung des Menschen" (1871), die übrigen von Bill Gates, Elias Canetti und anderen. Bemerkenswert ist schon das erste Zitat (aus Mary Shelleys "Frankenstein"-Roman von 1818): "... wie gefährlich Wissen ist und wieviel glücklicher derjenige Mensch, welcher seine Geburtsstadt für die Welt hält, als derjenige, der größer werden will, als es seine Natur erlaubt."

Robert Harris' Finanzthriller "Angst" hätte zu keinem besseren Zeitpunkt auf dem Markt platziert werden können als jetzt. Denn die Finanzkrise, die uns Wissenschaftler und Politiker mit immer neuen Wortschöpfungen als gerade noch beherrschbar schönreden, macht in Wirklichkeit jedem Angst. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn die Milliarden, die täglich von irgendwoher zugebuttert werden, die Märkte letztendlich doch nicht stützen könnten. Sind die Computer schon auf Absturz programmiert? Einige wenige Mitmenschen mit Durchblick, Dreistigkeit, Risikobereitschaft oder Glück würden Cash machen; die Zeche aber würde an uns Normalbürgern hängenbleiben.

Was verspricht die Zukunft? Wie können wir sie gestalten? Diese Analyse muss nüchtern geführt werden, und da ist Angst immer ein schlechter Ratgeber ...


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