Rezension zu »Die uns lieben« von Jenna Blum

Die uns lieben

von


Belletristik · Aufbau · · Gebunden · 518 S. · ISBN 9783351035884
Sprache: de · Herkunft: us

Ein Leben ohne Normalität

Rezension vom 17.06.2015 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Trudy Swenson, 56, ist Professorin am Historischen Institut in Minneapolis. Ihr Spezialgebiet ist die Ge­schichte des Dritten Rei­ches. Im Auftrag des Zentrums für Holocauststudien soll sie (im Winter 1996) Zeitzeugen interviewen. Dazu passend hält sie ein Seminar zum Thema »Die Rolle der Frauen in Nazi­deutschland«. Sie will hinterfragen, in welchem Ausmaß die arische Frau »fanatisch antisemitische« Täte­rin und »Teil der Kriegsmaschinerie« war. Für eine differenzierte Sicht, wie sie ihr am Herzen liegt, sollen ihre Studierenden genauer hinsehen: Was bedeutete es, unter den bedrohlichen Bedingungen der allumfas­senden Diktatur zu leben und Entscheidungen treffen zu müssen, von denen Leben und Tod abhängen konnte? Im Rückblick ist es offensichtlich, dass die mutigen Frauen, die ihr Leben riskierten, um Juden zu helfen, das Richtige getan haben. Doch konnten nicht Situationen auftreten, in denen »der Zweck die Mit­tel« heiligte, in denen eine Frau zu Handlungen gezwungen war, die sie eigentlich für falsch hielt, die ihr zutiefst zuwider waren? Rechtfertigt beispielsweise die Aussicht, das eigene Leben und das anderer sichern zu können, sich auf eine Beziehung mit einem SS-Schergen einzulassen?

Trudys Fragestellung kommt nicht von ungefähr. Sie nähert sich auf diesem Weg der ihr noch unbekannten Geschichte ihrer eigenen Familie an. Das Verhältnis zu ihrer Mutter Anna (Jahrgang 1920) ist schon im­mer kühl-distanziert gewesen. Seit dem Tod ihres Vaters Jack drei Jahre zuvor führten sie nur noch unum­gängliche Pflichtbesuche zu Annas Farm in New Heidelberg. Nach­dem die Mutter zuletzt gesundheitlich und mental schwer abgebaut, sogar ihr altes Haus in Brand gesteckt hatte, brachte Trudy sie kürzlich in ei­nem Pflegeheim unter.

Jetzt muss die Universitätsdozentin das verkommene Anwesen zum Verkauf vorbereiten. Viel Zeit kann sie dafür nicht investieren. Aber überall warten Reminiszenzen – billiger Schmuck, altmodische Kleidung, teils ungetragen, noch mit den Preisschildern ver­se­hen. In einer einzelnen Wollsocke in der untersten Schublade findet Trudy, was sie schon als Kind und Jugendliche immer wieder hervorgeholt und sich heimlich angesehen hatte: die »einzige Erinnerung an das Leben ihrer Mutter zur Zeit des Krieges«. Es ist ein goldfarbenes Metalletui, auf dem, von kleinen Diamanten gerahmt, ein silbernes Hakenkreuz prangt.

Öffnet man den Deckel, kommt eine Fotografie zum Vorschein. Anna, die junge Mutter, hält ihr Töchter­chen Trudy auf dem Schoß. Das Kind trägt ein Trachtenkleid, hat die Haare zu Zöpfen geflochten. Hinter ihnen steht stolz und aufrecht ein SS-Offizier in voller Uniform, die Hand wie besitzergreifend auf Annas Schulter lastend. Seine Schirmmütze ist tief in die Stirn geschoben, so dass seine Gesichtszüge nicht zu er­kennen sind. Aber Jack ist es nicht.

Als kleines Mädchen hatte Trudy ihre Mama nach dem Mann befragt: »Wo ist er? Warum ist er nicht hier bei uns? Er fehlt mir ...« Doch Anna verbot ihr, je wieder von ihm zu sprechen. Sie soll sogar jede Erinne­rung an ihn auslöschen, denn »die Vergangenheit ist tot«. Anna hält sich an die Order, tabuisiert die Ge­schichte und weiß bis heute nicht, wer ihr wahrer Vater ist.

Jenna Blums Erstlingsroman »Those who save us« Jenna Blum: »Those who save us« bei Amazon (erschienen 2004, jetzt von Yasemin Dinçer übersetzt) ist in­haltlich zwei­ge­teilt. Zwei Handlungsstränge entwickeln sich zunächst unabhängig voneinander und werden alternierend erzählt – einer in der Ge­gen­wart, der andere in den Jahren 1939/1940 in Weimar. Das von Trudy geleitete Projekt führt sie ganz am Ende zusammen – ein handwerklich geschicktes, aber recht kon­struiert wirkendes Strukturkonzept.

Gerhard Brandt ist Anwalt in Weimar, NSDAP-Mitglied, Antisemit und politisch ambitioniert. Oft lädt er wichtige Persönlichkeiten zum Abendessen ein. Seit dem Tod seiner Frau hat die neunzehnjährige Tochter Anna sämtliche Hausarbeiten übernommen, und überdies ist sie eine hübsche Attraktion, für die sich eine erstklassige Partie finden lassen sollte. Wenn sich die gestiefelten und uniformierten Herren nach dem Es­sen zu geheimen Gesprächsrunden zurückziehen, ist die junge Frau freilich weder erwünscht, noch hat sie selbst irgendein politisches Interesse. Vielmehr widert sie des Vaters »geckenhaftes Speichelleckerverhal­ten« an.

Annas Herz schlägt für den früheren Hausarzt der Familie, den Juden Dr. Maximilian Stern. Wenn sie ihn besucht, spielen sie Schach, trinken Tee, kommen sich näher. Nicht nur sein Lächeln hat es ihr angetan, sondern auch die Kompetenz, Fürsorglichkeit und Bildung des nahezu doppelt so alten Mannes. Zwar warnt er sie, dass sie sich nach den neuen Rassegesetzen strafbar mache, wenn sie ihn aufsucht, doch die reichlich naive Anna lächelt seine begründeten Bedenken einfach weg.

Im März 1940 holt die Realität sie ein. Als die SS die Bewohner des jüdischen Viertels von Weimar ver­schleppt, findet Anna Max' Wohnung verwüstet und von ihm keine Spur. Sie hat Gerüchte gehört, wonach die Juden in ein Lager im nahen Buchenwald gebracht würden, aber was dort wirklich geschieht, davon hat sie keine Ahnung. Es stellt sich heraus, dass Max noch auf freiem Fuß ist und eine führende Rolle in der Widerstandsbewegung spielt. Anna versteckt und versorgt ihn auf dem Dachboden. Sie planen, mit ge­fälschten Papieren in die Schweiz zu flüchten und dort heimlich hergestelltes und weitergereichtes Bild­material über die Zustände im Lager Buchenwald zu veröffentlichen ...

In der Gegenwartshandlung lesen wir Protokolle der Interviews, die Trudy Swenson mit überlebenden Tä­tern und Opfern des Nazi-Regimes führt. Sie berichten von ihren Beobachtungen und vagen Vermutungen, von Gerüchten, Misstrauen und Ver­leum­dung, von Loyalität und Verrat, von materieller Not, Verzweif­lung und Gewissenskonflikten. In diesen Texten erfahren wir, ebenso wie in der weiteren Handlung um Anna Brandt, konkrete Beispiele der Demütigungen, denen Juden im Alltag ausgesetzt waren, und grau­same Details der Misshandlungen, denen sie in den Lagern unterzogen wurden, teilweise im Namen »des wis­sen­schaft­li­chen Fortschritts«.

Der Roman ist stark von der Biografie der Autorin geprägt. Jenna Blum, Tochter eines jüdischen Vaters und einer Mutter mit deutschen Großeltern, hat selbst intensiv über den Holocaust geforscht, Deutschland bereist und (als Interviewerin für Steven Spielbergs Stiftung Survivors of the Shoah) mit Überlebenden ge­sprochen. Ihre Recherchen haben keine unbekannten Fakten zutage gefördert oder neue Deutungen inspi­riert, sie sind nicht einmal direkt in den Roman eingeflossen. Die Erkenntnisse kris­tal­li­sie­ren jedoch in der fiktionalen Gestaltung der realistischen Protagonistin Anna Brandt, die mit beiden Beinen im Alltag ihrer Zeit steht. Ihre Tochter Trudy Swenson, die zweite Hauptfigur, ist keineswegs ein Ebenbild der Autorin, spiegelt aber zu­min­dest deren eigenes Interesse daran, wie das Leben einer deutschen ›Durchschnittsfrau‹ im Nationalsozialismus aus­ge­se­hen haben mag.

Annas Leben nimmt eine drastische Wendung. Ein SS-Offizier kommt hinter die verschwörerischen Akti­vitäten der Widerständler, die Lagerinsassen mit Nahrung und sogar Waffen versorgt haben. Max endet im Konzentrationslager, andere werden hingerichtet – doch Anna, die inzwischen ihre Tochter geboren hat, bewahrt der Offizier vor dem Tod. Mit allem, was er von ihr weiß, liegt ihr Leben vollständig in seiner Hand, und nur dank seines Schutzes kann sie weiterleben, sich um ihr Kind kümmern. Ihre Ab­hän­gig­keit nutzt er aus, um seine sexuellen Wunschträume mit ihr auszuleben. In drastischen Bildern schildert die Autorin die be­schä­men­den, entwürdigenden Praktiken, die er Anna zumutet. »Alles, was ich je getan habe, habe ich für dich getan«, erklärt sie viele Jahre später ihrer Tochter Trudy.

Mit ihrem Roman leistet Jenna Blum einen Beitrag, um zu verwirklichen, was viele der befragten Zeitzeu­gen wünschten: »Die Welt soll wissen, was wir durchgemacht haben, damit es nie wieder geschieht.«


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