Rezension zu »Kalmann« von Joachim B. Schmidt

Kalmann

von


Fast alle in seinem Dorf in der Abgeschiedenheit der isländischen Provinz unterschätzen Kalmann als harmlosen Naivling. Bis der Außenseiter dazu verhilft, einen rätselhaften Mord zu lösen.
Kriminalroman · Diogenes · · 352 S. · ISBN 9783257071382
Sprache: de · Herkunft: ch

Der Sheriff von Raufarhöfn

Rezension vom 30.12.2020 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Die Halbinsel Melrakkaslétta, nur knapp zwei Kilometer vom Polarkreis entfernt, ist so ziemlich die nörd­lichste Region Islands. Sie ist nicht nur weitab vom Schuss, sondern auch gebeutelt von den Wirtschafts­krisen der Welt und ein Opfer der Regle­mentie­rung der Fisch­fang­quoten. Dort liegt die 173-Seelen-Gemeinde Raufar­höfn, der niemand eine Zukunft prophe­zeien mag und wo der Prota­gonist eines bemerkens­wert warm­herzigen, origi­nellen Kriminal­romans agiert. Kalmann Óðinnson, 33, etwas unförmig und ein wenig langsam im Kopf, zu seinem Leidwesen immer noch allein­stehend, ist ein Einzel­gänger, der lieber mit den Tieren redet. Menschen können ihn bisweilen in Rage ver­setzen. Dann lässt er seine Wut aber eher an sich selber aus, oder er mal­trätiert die Gegen­stände im Haus. Als Ich-Erzähler gibt er uns einen naiven, geradezu kind­lichen Blick auf sein mori­bundes Dorf und seinen persön­lichen Alltag, auf die Welt im Kleinen und im Großen, und alles wirkt recht schlicht. Kalmann ist ein Stiller und gibt nur wenige Worte von sich, aber er hat einen eigen­willigen Spürsinn, der ihn wohl befähigt, genau das wahrzu­nehmen, was andere nicht sehen. Das plaudert der harmlose Erzähler dann ganz spontan und arglos aus – und handelt sich damit bisweilen Kalami­täten ein.

Die Raufarhöfner nehmen den Sonderling, wie er ist, als liebens­werten Dorf­trottel mit ein paar Macken. Die augen­fälligste darunter ist eine ungewöhn­liche Kostümie­rung, die niemand weiter beachten oder bereden würde, wären wir in Texas. Aber hier in der polar­nahen Provinz würden »Cowboy­hut, Sheriff­stern und Mauser« (eine Knarre Modell C96) jeden Fremden stutzig machen (wenn sich denn jemals einer hierher verirren würde). Für Kalmann ist das volle Outfit eine Schutzaus­rüstung, die ihn zum wahren Mann macht. Stilecht sagt er »Okidoki« und tippt dabei leicht an die Krempe seines Cowboy­huts, wenn er durchs Dorf zu seinem Boot läuft, um mal wieder draußen auf dem Meer Haifische zu angeln.

Die Western-Marotte ist vom Erbe seines leiblichen Vaters übrig geblieben. Quentin Boat­wright war auf der US-Militär­basis Keflavík statio­niert und hatte eine außer­eheliche Affäre mit Kalmanns Mutter, die dort eine Zeitlang als Sekre­tärin jobbte. Kurz bevor er neun Jahre später samt Ehefrau und ehe­lichem Kind nach Amerika zurück­beordert wurde, bestand er darauf, seinem Sohn ein »Erbstück« zu hinter­lassen: eine Kiste mit Ziga­retten, Kaugummi, Schoko­lade, Militär­kleidung und dem besagten Ensemble aus Cowboyhut, Sheriff­stern und Mauser C96. Letztere stamme von seinem Vater, »der im Korea­krieg gekämpft und nur knapp überlebt habe«. Zwar wollte Mutter nichts von alledem, »schon gar keine Waffen«, doch die letzten Worte seines »Samen­spenders« hat Kalmann bis heute nicht vergessen: »I want him to fucking have it!«

In ihren jungen Jahren hat Kalmanns Mama gewiss ihr Bestes gegeben, um ihr geliebtes Söhnchen, das etwas anders als die anderen tickte, zu erziehen. Wirklich Zeit hatte sie aber nie für ihn. Sie war unver­heiratet, musste Geld verdienen, arbeitete nach der Keflavik-Zeit in einer Fisch­fabrik. Nach dem Tod ihrer Mutter zog sie mit ihrem Kleinkind zu dessen Großvater, der verständ­nisvoll die Rolle des Ersatz­vaters übernahm. Er machte nicht nur den besten Gammelhai (das fermen­tierte Fleisch des Grönland­hais), sondern gab dem Enkel alles mit, »was man eben braucht, um zu überleben«. Dazu gehörte auch ein Gewehr nebst Schieß­übungen (die bei Nachbars Katze zu einem unerwar­teten Lebens­ende und bei Mutter zu einen Tob­suchts­anfall führten). Im Übrigen steht sich der tollpat­schige, vergess­liche Kalmann jedoch sowohl im Gelände als auch auf dem Meer selbst im Wege »wie der hinter­letzte Trottel«, so dass »die Schnee­hühner aufge­schreckt davon­flatter­ten [und] die Polar­füchse das Weite suchten, bevor wir sie überhaupt erspäht hatten«.

Bis zum Alter von vierzehn Jahren besucht der Junge die Schule. Aber weder am Lernen noch an seinen Klassen­kameraden findet er Gefallen. In der Verban­nung auf der hinters­ten Schulbank fristet er seine Tage allein, und der Platz neben ihm wird nur gelegent­lich und notge­drungen mit Übel­tätern besetzt. Selbst mit zugehal­tener Nase können die Strafver­setzten die Ausdüns­tungen kaum ertragen, die von Kalmanns Pausen­proviant (einer Dose mit klebrigem Gammel­hai) ausgeht. Im Sport­unter­richt lachen die Kumpanen und rufen: »Run, Forrest, run!«. Zwar kennt Kalmann den gehandi­capten Film­helden, aber anders als der kann er weder schnell laufen noch Pingpong spielen.

Viele Jahre später ist der geliebte Großvater immer noch die einzige Person, der sich Kalmann offen­baren kann. Doch er lebt jetzt im Altenheim und ist nicht mehr Herr seines Gehirns. Die Vergan­genheit hat er vergessen, er ist miss­trauisch und barsch, erkennt den Enkel nicht mehr richtig. So hat es wenig Sinn, ihm die Sache mit Róbert McKenzie, dem »Quoten­könig« des Fisch­fangs, zu berichten, ein Erlebnis, das den »Anfang vom Ende« bedeutet. Die Mutter lebt zu weit weg und ist obendrein mit ihrem Job als Kranken­schwester voll ausge­lastet. Und würde sie verstehen, was ihr Sohn ihr anver­traut? Auch Nói, sein bester Freund, mit dem er per Internet kommu­niziert, wohnt weit weg. Der neunzehn­jährige Computer­nerd aus der über 600 km entfern­ten Haupt­stadt Reykjavík ist ein Genie und insofern »mein Gegen­stück … wenn wir beide eine Person wären, wären wir unschlag­bar«.

So fühlt sich Kalmann ganz allein gelassen mit dem ganzen Schla­massel. Warum musste er auch ausge­rechnet an jenem Tag auf Jagd gehen? Der Spur eines Polar­fuchses folgend fand er auf einmal Blut – verwir­rend viel Blut, als habe hier ein gefähr­licher Eisbär gewütet. Das ist zwar in Island ein selten gesehenes Tier, aber Kalmann kennt nun mal nur seine eigene Sicht und teilt sie allen mit, der Polizei, den Fernseh­leuten und damit sämtlichen Haus­halten Islands. Schnell machen die kühnsten Mut­maßungen die Runde: Róbert McKenzie, der reiche Big Boss eines Hotel- und Fischerei­unter­nehmens, ist wie vom Erdboden verschwun­den. Hat er Selbst­mord begangen, weil seiner Firma die Pleite droht? Oder haben ihn seine litaui­schen Ange­stellten umge­bracht? Oder die gut organi­sierten Drogen­schieber, die ihre in Tonnen ver­steckte Ware an Bojen vertäuen?

Der Autor dieses literarischen Schneekristalls aus einer uns kaum be­kannten Region am Ende der Welt heißt Joachim B. (Beat) Schmidt, wurde 1981 in der Schweiz geboren und lebt und arbeitet als Touristen­führer in Reykjavík. »Kalmann« ist bereits sein vierter Roman. Mit zartem Fein­gefühl zeichnet der Autor seinen kauzigen Prota­gonisten und ungewöhn­lichen Ich-Erzähler. Da der stets etwas neben der Spur läuft, ent­wickelt sich eine skurrile Handlung. Während alle im Dunkeln tappen und Kalmanns absurd erschei­nenden Hinweis auf einen Eisbären belächeln, nimmt die sympa­thische, ruhige Kommis­sarin Birna den vermeint­lichen Spinner ernst und baut ein Ver­trauens­verhält­nis zu ihm auf. Das fulmi­nante Ende erweist (so viel sei verraten), dass sie den richtigen Weg beschrit­ten hat, und Kalmann wird – wer hätte das je gedacht? – zum gefeierten Helden.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Winter 2020 aufgenommen.


War dieser Artikel hilfreich für Sie?

Ja Nein

Hinweis zum Datenschutz:
Um Verfälschungen durch Mehrfach-Klicks und automatische Webcrawler zu verhindern, wird Ihr Klick nicht sofort berücksichtigt, sondern erst nach Freischaltung. Zu diesem Zweck speichern wir Ihre IP und Ihr Votum unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Ja« oder »Nein« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.

»Kalmann« von Joachim B. Schmidt
erhalten Sie im örtlichen Buchhandel
oder bei Amazon als
Gebundene Ausgabe E-Book


Kommentare

Zu »Kalmann« von Joachim B. Schmidt wurde noch kein Kommentar verfasst.

Schreiben Sie hier den ersten Kommentar:
Ihre E-Mail wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Ihre Homepage wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Hinweis zum Datenschutz:
Um Missbrauch (Spam, Hetze etc.) zu verhindern, speichern wir Ihre IP und Ihre obigen Eingaben, sobald Sie sie absenden. Sie erhalten dann umgehend eine E-Mail mit einem Freischaltlink, mit dem Sie Ihren Kommentar veröffentlichen.
Die Speicherung Ihrer Daten geschieht unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Senden« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.


Go to Top