Rezension zu »Olympia – Der achte Rath-Roman« von Volker Kutscher

Olympia – Der achte Rath-Roman

von


Die Olympiade in Berlin verschafft Hitler internationale Anerkennung. Im Inneren erhöht sein Regime den Druck auf unliebsame Kritiker. Der Bewegungsspielraum für Menschen, die nicht die richtige Haltung zeigen, wird zusehends enger. Kommissar Gereon Rath riskiert eine Gratwanderung zwischen Anpassung bei seiner Arbeit und Widerstand.
Historischer Kriminalroman · Piper · · 544 S. · ISBN 9783492070591
Sprache: de · Herkunft: de

Glorie und falscher Schein

Rezension vom 19.12.2020 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Die Spiele der XI. Olympiade, der Völkerverständigung und dem Friedensgedanken verschrieben, fanden im August 1936 in Berlin statt. Die größten Profi­teure der ein­drucks­vollen Veran­staltung waren die NSdAP und ihr Reichs­kanzler Adolf Hitler. Dessen aggres­sive Politik war inter­national auf Besorgnis und Kritik gestoßen, und viele Diplo­maten (die USA bereits 1933) hatten dazu geraten, die Wett­kämpfe zu boykot­tieren. Dass die Warnungen am Ende aus unter­schied­lichsten Gründen ohne Konse­quenzen blieben, erlaubte es den Nazis, ein glanz­volles, von Leni Riefen­stahl mit einem Meilen­stein der Filmkunst geadeltes Spektakel in Szene zu setzen, ihr Land und sich selbst als weltoffen und fried­liebend zu präsen­tieren und alle bösen Gerüchte Lügen zu strafen. Der schöne Schein war einer ihrer wichtig­sten Propa­ganda­erfolge, während hinter den Kulissen längst die übelsten Projekte vorange­trieben wurden. Seit 1935 galten beispiels­weise die »Nürn­berger Gesetze« zur Rein­haltung deutschen Blutes.

Citius, altius, fortius – schneller, höher, stärker: Das olympi­sche Motto struktu­riert den neuen drei­teiligen Kriminal­roman um die Berliner Olympiade und den Kommissar Gereon Rath, dessen bishe­rigen Werdegang durch auf­regende Krisen­zeiten Volker Kutscher in sieben Vorläufer­bänden mit umwer­fendem Erfolg erzählt hat. Schil­derte Band 1 (»Der nasse Fisch«) die Wirren der »Roaring Twenties« im Jahr 1929, so sprangen die Folge­bände jeweils um etwa ein Jahr weiter zu einem neuen Kriminal­fall und verfolg­ten gleich­zeitig höchst eindring­lich, wie sich öffent­liches und privates Leben im erstar­kenden National­sozialis­mus ent­wickelte.

Mit Gereon Rath hat Volker Kutscher einen idealen Protago­nisten für dieses Langzeit­projekt geschaf­fen, eine gebro­chene, ständig gefor­derte Persön­lichkeit, die sich in einem heillos zersplit­terten Umfeld voran­tastet. Ihn leiten keine politi­schen Prinzi­pien, wohl aber der gesunde Menschen­verstand, ein Gespür für Gerech­tigkeit und ein ethisch-morali­scher Kompass. Er durch­schaut die hohle Fassade, die für das Fest der Nationen aufge­richtet wird: »Der Stürmer«, eine juden­feind­liche Wochen­zeitung der NSdAP, ver­schwindet aus den Schau­kästen, antisemi­tische Schilder sind abgebaut, Schau­fenster mit olympi­schen Ringen dekoriert, an Autos flattern Olympia­fähnchen und Wimpel. Auf dem Boulevard Unter den Linden wurden Bäume gefällt und an ihrer Statt eine Allee von Fahnen­masten errichtet. Die Welt erliegt der infamen Täuschung, und 49 Nationen mar­schieren mit ihren Mann­schaften zur Eröff­nungs­feier ins Olympia­stadion auf dem Reichs­sportfeld ein. Nur Spanien (wo der Bürger­krieg wütet) und die Sowjet­union bleiben fern.

Wie so viele in jener Zeit bewegt sich Gereon Rath auf dünnem Eis. Dem Druck, der Partei beizu­treten, entzieht er sich standhaft, was ihn jedoch gerade als Polizist kriti­schen Blicken aussetzt. Anderer­seits fordert Ehefrau Charlotte (»Charly«) deut­licheres Engage­ment von ihm. Sie zum Beispiel verhilft im Unter­grund Verfolg­ten zur Flucht ins Ausland. Dass Gereon sich bereit erklärt, in der gemein­samen Wohnung für die Zeit der Spiele auslän­dische Gäste zu beher­bergen, verur­teilt sie als Zuge­ständnis zugunsten Hitlers Propa­ganda. Ange­sichts solch inakzep­tablen Mitläufer­tums packt sie ihre Koffer und zieht aus.

Zum Unrecht seines Staates will Gereon keineswegs beitragen, doch kann er sich natürlich nicht wehren, wenn er jetzt vorüber­gehend vom LKA zu einer Kriminal­wache abge­ordnet wird, die dringend Verstär­kung benötigt. Denn mitten im olympi­schen Dorf gab es einen Todesfall, der das Bild harmloser Spiele trüben könnte. Ein Funk­tionär ausge­rechnet der US-Dele­gation ist nach dem Mittag­essen mit den Sportlern zusammen­gebrochen, und kein Wieder­belebungs­versuch kann ihn retten. Erste Mut­maßun­gen gehen von Herzver­sagen als Todes­ursache aus, und dabei soll es offiziell auch bleiben.

Die Obduktion deckt allerdings einen Giftmord auf. Sogleich wird hinter der Tat eine Verschwö­rung vermutet (»Feinde, Saboteure der National­sozialis­tischen Regierung«; »Kommu­nisten, Juden oder Pluto­kraten«), und um einen politi­schen Eklat, der zum Abbruch der Spiele führen könnte, zu verhüten, sollen die Täter schnells­tens ermittelt und unauf­fällig beseitigt werden.

Bald fasst man einen suspekten Ex-Kommunis­ten und zwingt ihn durch grausame Folte­rungen (bei deren Schil­derung uns der Autor nichts erspart) zu aber­witzigen Geständ­nissen. Rath weiß, dass dem Mann die Depor­tation in ein Lager mit Zwangs­arbeit bevor­steht, und bemüht sich, seine Unschuld zu beweisen, doch verschlech­tert er damit die Situation des Inhaf­tierten noch und bringt sich überdies selbst in Gefahr. Seine Vorge­setzten zwingen den unbequem wider­borstigen, unbeug­samen Kollegen, bei der bestia­lischen Spezial­behand­lung des vorgeb­lichen Volks­feindes zugegen zu sein – ein Triumph ihrer Macht, und für Rath ein schmerz­volles Erlebnis, ein emotio­naler Tief­schlag, eine bittere Demüti­gung und ein böses Omen.

Auch in seinem privaten Umfeld muss Gereon Enttäu­schungen verar­beiten. Auf Anord­nung des Jugend­amtes wird der fünfzehn­jährige Waise Friedrich Thormann, der vor einiger Zeit in die Obhut des Ehepaares Rath gegeben worden war, aus der Familie genommen. Das Paar ohne Partei­zugehörig­keit sei »politisch unzuver­lässig«. In sein neues Lebens­umfeld, eine regime­treue Vorzeige­familie, fügt sich »Fritze«, früher ein Straßen­junge, reibungs­los ein und wird sogar für den Jugend­ehren­dienst auser­wählt, eine Garde besonders eifriger Hitler­jungen, die den Olympio­niken während der Spiele in weißer Uniform als Beglei­tung zur Seite stehen. Insge­heim hofft er, dabei ein Autogramm von Jesse Owens, dem schnell­sten Mann der Welt, zu ergattern. Seinem Pflege­vater fehlt dafür freilich jegliches Ver­ständnis. »Neger­sportler« gehören seiner Meinung nach von der Olympiade ausge­schlossen. Ein »Tier«, das gegen Menschen um die Wette läuft – »was soll das für einen Sinn haben?«

Fritzes Wunsch erfüllt sich nicht, sondern bringt ihn in größte Schwierig­keiten. Zufällig ist er zugegen, als »der dicke Ami … krepiert«, und nachdem er wenig später auch bei einem vermeint­lichen Selbst­mord im Wald anwesend ist, gerät das Leben des Jungen in Gefahr, und er taucht auf der Flucht vor der Gestapo unter.

Dem Giftmord im olympischen Dorf folgen kurz nacheinander mehrere seltsame Unglücks­fälle. Jemand schubst einen Mann, der im Rollstuhl sitzt, in einen See, ein anderer wird von einem LKW über­fahren. Diese und noch zwei weitere Tote sind Wehr­machts­angehö­rige, die zum engeren Kreis um General Göring gehörten. Die Vorfälle knüpfen an eine Geschichte aus Gereon Raths Vergangen­heit an, die »Marlow«, der siebte Teil der Reihe, erzählt hat [› Rezension].

Volker Kutscher darf man ohne Bedenken als derzeit besten deutschen Autor histori­scher Kriminal­romane preisen, und das nicht nur wegen seiner Auflage- und Ver­filmungs­erfolge. Wie er nun schon über acht Bände die hoch­komplexe und folgen­schwere politi­sche und kultu­relle Entwick­lung der Zwanziger- und Dreißiger­jahre porträ­tiert und klug mit einem äußerst span­nenden, fiktio­nalen Handlungs­geflecht verquickt, ist eine aner­kennens­werte Leistung – die nach­haltige Vermitt­lung bedrü­ckender Zeitge­schichte ohne aufdring­liche Belehrung. Zugrunde liegt den Büchern jeweils ein Kriminal­fall, aber was Kutscher daraus macht, ist ein beein­drucken­des Panorama einer ganzen Gesell­schaft, die in ihrem Alltag zwischen Ideolo­gien, Krisen aller Art, Propa­ganda, Fort­schritt, Rüchwärts­gewandt­heit, neuen Medien, Gewalt, Manipu­lations- und Herrschafts­mechanis­men beein­flusst, ermutigt, einge­schüch­tert, hin und her geworfen, zerrissen und gespalten wird, bis schließ­lich die Diktatur alle in den Gleich­schritt zwingt und jeden, der aus der Reihe tanzt, ausgrenzt und ver­nichtet. Viel­fältige private Perspek­tiven und Befind­lichkei­ten machen die Kom­plexität der Zeit erlebbar. Prota­gonist Gereon Rath müht sich redlich, standhaft zu bleiben und seinen Kurs möglichst unauf­fällig zu verfolgen. Doch der bestän­dige Druck von Erpres­sung und Demüti­gung zermürbt auch einen wie ihn, droht ihn zum Hand­langer zu degra­dieren.

Bemerkenswert finde ich überdies, dass Kutschers prägnanter Stil solide genug ist, um sich auch über Hunderte Seiten nicht durch Gewöhnung abzu­nutzen. Detail­liert und dicht, unter­haltsam, aber ohne Effekt­hasche­rei, so zieht er den Leser weiter, und ebenso stimmig schreitet die Handlung bis zum höchst span­nenden Ende Schritt für Schritt voran, wobei alle Figuren, Handlungs­elemente und Motive ineinander­greifen wie die Zahn­rädchen einer komplexen Maschine.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Winter 2020 aufgenommen.


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