Rezension zu »Das Ende« von Salvatore Scibona

Das Ende

von


Belletristik · Arche · · Gebunden · 352 S. · ISBN 9783716026403
Sprache: de · Herkunft: us

Ein verwirrend schöner Flickenteppich

Rezension vom 10.04.2012 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Umfassend belesenen Freunden ungewöhnlicher zeitgenössischer Prosa bringt dieser Roman (den Steffen Jacobs übersetzt hat) sprachlichen Genuss und intellektuellen Gaumenkitzel. Zur schlichten Unterhaltung aufgeschlagen, kann er manchen Leser enttäuschen.

Der Einstieg in den Roman ist ein wahrer Sprachgenuss. Die Beschreibung des Bäckers Rocco ist ein Feuerwerk von Vokabeln, von bildhaften Vergleichen ("ein Mann in Form einer Glühbirne" mit "an Regenwolken erinnernden Tränensäcken", S. 9), von ungewöhnlichen Attributierungen (seine Backstube hat eine "Allez-hopp-Tür", S. 10), von eindringlichen Ausführungen über sein Seelenheil und sein Schicksal. Trotz seiner täglichen Fünfzehn-Stunden-Plackerei schafft es der Mann nur selten, vielleicht sonn- oder feiertags, bis zu einer Fleischbeigabe bei Tisch. Er gibt alles und sein Bestes, und doch reicht das wohl nicht, um sein Stückchen des American Dream zu verwirklichen. Der Preis ist hoch: Seine Frau verlässt ihn mit seinen Lieblingssöhnen für immer. Nur Mimmo, der mittlere Sohn, bleibt ihm noch eine Weile, ehe er auch den hergeben muss, denn er fällt für Amerikas Krieg in Korea.

Rocco und seine Kunden und Freunde leben in Elephant Park, einem (fiktionalen) Stadtteil von Cleveland, Ohio. Das ist ein Little Italy, Heimstatt der italienischen Einwanderer. Ihre Charaktere, Historien, Eigenheiten, Abenteuer und Geheimnisse sind der Stoff, aus dem Salvatore Scibona seinen bunten Erzählteppich webt, und er kreiert ein breites Repertoire von Protagonisten, darunter ...

- Witwe Constanza Marini: Ihr seliger Gatte, der Arzt Nico, hatte ihr zu seinen Lebzeiten nicht nur medizinische Fachliteratur über "Blutkrankheiten, Anatomie, Ernährung, Geburtshilfe und Hygiene" (S. 84) gekauft, sondern ihr über seine Beziehungen zur Universitätsleitung auch einen Sitzplatz im Vorlesungssaal verschafft. Jetzt kann sie sich mit illegalen Abtreibungen im Kellerraum ihrer Villa einen komfortablen Lebensstandard erwirtschaften und sich dessen endlich auch erfreuen. Denn Nico – "zum Teufel mit ihm" (S. 85) – fand es immer unschicklich, Geld für gutes Essen und Opernbesuche auszugeben.

- Ciccio, das lang ersehnte Kind von Carmelina und Enzo: Er wird seiner Mutter nie verzeihen, dass sie an einem Nachmittag in seinem neunten Lebensjahr die Familie ohne ersichtlichen Grund verlässt. Als Carmelina nach Jahren anlässlich einer Beerdigung nach Ohio zurückkehrt, zieht er bei Mrs. Marini in den Kellerraum ein.

- ein mysteriös-kauziger Juwelier, der ein dunkles Geheimnis trägt. Zu Ferragosto (Mariä Himmelfahrt) steht er auf einer Brücke und hadert mit seinem Leben. Er sucht nach dem Gegenstand seiner Furcht, denn wenn er seiner habhaft werden könnte, könnte er sie ablegen und "die Erfüllung des Wissenden empfinden" (S. 321). Zwei Frauen umgeben ihn: die Frau mit dem Zwiebelsack aus Jute auf der Schulter und das Mädchen "im Schürzenkleid mit seinen rosa Beinen" (S. 322).

Macht nicht schon diese kleine Übersicht Appetit? Der Plot scheint verständlich, vielschichtig und verspricht Spannung. Und doch hat meine anfängliche Begeisterung leider nicht lange angehalten.

Figurenzeichnung und Plot-Gestaltung sind nicht so konsequent und strukturiert, wie man das wahrscheinlich gewohnt sein wird. Man möchte sich gern mit den Personen auseinandersetzen, ihren Weg verfolgen – doch dann erhält man in vielen angerissenen Episoden nur kurze Einblicke in individuelle Lebensphasen. Wilde Zeitsprünge zwischen 1913 und 1953, leicht surreal anmutende Texteinschübe (wie zum Beispiel Mrs. Marinis Heimsuchung durch den Teufel) und ähnliche stilistische und strukturelle Eskapaden erschweren den inhaltlichen Überblick ebenso, wie sie die gute alte Identifikation verhindern (wenn man die denn sucht). Manche Figuren driften ab, monologisieren seitenlang – ist das Traum oder ihre Wirklichkeit? Am Ende schließt man das Buch, und viele Fragen bleiben unbeantwortet.

"Das Ende" erfordert höchste Konzentration und ist durchaus keine leichte Lesekost. Aber durchweg beweist der Autor, über welch beeindruckende Phantasie und Sprachmächtigkeit er verfügt.

Salvatore Scibona, 1975 in Cleveland geboren, ist einer der wichtigsten amerikanischen Autoren der jüngeren Generation. Nachdem "The End" 2008 in den USA erschien, wurde der Autor mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und für den National Book Award nominiert.


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