Rezension zu »Die Verschwörung der Idioten« von John Kennedy Toole

Die Verschwörung der Idioten

von


Belletristik · Klett-Cotta · · Gebunden · 462 S. · ISBN 9783608939002
Sprache: de · Herkunft: us

Ein Held zum Lachen, Wundern und Hassen

Rezension vom 11.06.2012 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

John Kennedy Toole, 1937 in New Orleans geboren, wird nach seinem Studium in New York zum Militärdienst eingezogen. In dieser Zeit arbeitet er an einem Südstaatenroman: "A Confederacy of Dunces". Im Verlag Simon & Schuster ist man prinzipiell an diesem Sujet interessiert, wünscht aber wiederholt Überarbeitungen des Manuskripts. Es kommt zu keinem Abschluss; Toole zieht sich frustriert zurück. Depressiv und alkoholabhängig leidet er unter den politischen Zuständen der Sechziger Jahre, die ihre Tiefpunkte in der Ermordung John F. Kennedys (1963) und Martin Luther Kings (1968) finden. 1969 begeht Toole, 31 Jahre alt, Selbstmord.

Seine Mutter setzt alles daran, das Vermächtnis ihres Sohnes doch noch publizieren zu lassen. Schließlich findet sich ein kleiner Universitätsverlag, der den Roman 1980 veröffentlicht, und ein Jahr später wird Toole – posthum – der Pulitzerpreis verliehen.

Nachdem das Kultbuch lange vergriffen war, ist es nun bei Klett-Cotta wieder erschienen, von Alex Capus überarbeitet, neu übersetzt und mit einem Nachwort versehen. Da erfahren wir, dass Toole sich in vielen Zügen in seinem Protagonisten Ignatius J. Reilly spiegelt. Beide haben eine gestörte narzisstische "Anakonda" als Mutter; beide sind schwul, leiden an Übergewicht, treiben sich im French Quarter, dem Sündenpfuhl von New Orleans, herum, werden von ihren Müttern aus den Bars herausgezerrt und erhalten von ihnen Moralpredigten ob der schlechten Gesellschaft, in der sie verkehren.

Nur wenige der handelnden Figuren sind frei erfunden. Tatsächlich jobbte auch Toole in einer Hosenfabrik und in einer Würstchenbude, wo er all die Beobachtungen, Erfahrungen und Vorbilder sammelte, die er dann in seiner einzigartig skurrilen, ja bis zum Wahnsinn verzerrten Romanwelt wiederauferstehen lässt.

Hochkant herauswerfen müsste man den 30-jährigen Ignatius J. Reilly, der sich immer noch im Hotel Mama von vorne bis hinten bedienen lässt, dabei seine Mutter undankbar beschimpft und terrorisiert. Egozentrisch geht er allein seinen Interessen nach. In seinem Zimmerloch lässt er seinen Flatulenzen freien Lauf, es stinkt nach alten Teebeuteln, überall fliegen Schreibhefte herum, in denen er seine Visionen der Menschheitsgeschichte niederschreibt. Plätzchen mampfend liegt er fett, faul und behäbig auf seinem Bett und schaut sich immer wieder die gleichen Fernsehsendungen an, um sich dabei lautstark und fürchterlich über den Verfall der Sitten und die zweifelhaften Charaktere aufzuregen. So hängt die Nachbarschaft ständig am Fenster, um hautnah mitzuerleben, wie bei Reillys die Post abgeht.

Mutter Irene Reilly ist wirklich nicht zu beneiden, denn egal wo sie mit Ignatius auftaucht, fällt er nicht nur durch sein unverschämtes, unflätiges, frechdreistes Benehmen auf; schon sein Äußeres erregt aller Aufmerksamkeit: dicke Knollennase, schwarzer Schnauzbart, volle Lippen, Kartoffelchips-Reste in den Mundwinkeln. Zwei verschiedenfarbige Augen – eines blau, das andere gelb – nehmen die Umgebung genau wahr. Auf dem kugelrunden Kopf sitzt eine viel zu kleine grüne Jagdmütze mit Ohrenklappen, kariertes Flanellhemd und Wollschal signalisieren ein reiches Seelenleben, die Tweedhose lässt genügend Beinfreiheit.

Wegen eines dummen Fahrfehlers mit dem 46er Plymouth hat Irene Schulden an der Backe, die sie unmöglich allein zurückzahlen kann. Deswegen soll der Nichtsnutz Ignatius endlich arbeiten. Doch so etwas ist nun wirklich nicht der Lebenssinn eines verkrachten Intellektuellen, der in höheren Sphären lebt. Ihn reizt nicht nur die Geschichte der Menschheit als solcher, er versenkt sich auch gern in die Philosophie Boethius', und er steht in ständigem Briefwechsel mit Myrna Minkoff, einer Exkommilitonin und Aktivistin, die zur Rettung der Welt "freien Sex" verkündet.

Ignatius findet eine erste Anstellung in der heruntergekommenen Fabrik Hosen-Levy. Hier schafft er auf seine Weise rasch Ordnung im Büro, arbeitet für die anderen augenscheinlich sehr innovativ, ohne tatsächlich etwas zu tun, schreibt einen bitterbösen, beleidigenden Brief an einen Kunden des Hauses, zettelt eine kleine Revolution der farbigen Arbeiter an, die Sklavenarbeit tun müssen – und schnell ist er den Job wieder los. Seine wichtigsten Erkenntnisse aus der Arbeitswelt dokumentiert er in seinem "Tagebuch eines Jungproletariers oder: Mein Kampf gegen die Faulheit".

Alsbald schiebt Ignatius einen Hotdog-Karren durchs French Quarter. Nein, wie schämt sich Irene – was mögen die Nachbarn sagen? Auch sein Arbeitgeber ist ständig unzufrieden, denn viel Geld bringt ihm der Neue nicht ein; er isst die Würste lieber selber auf als sie zu verkaufen ...

So führt eine Szene zur anderen; aus Missverständnissen erwachsen groteske Komödien; die zahlreichen Figuren fügen sich zu einem kunterbunten Panoptikum alles Unnormalen. Jeder ist jedem schon irgendwo einmal begegnet, und überall taucht der Polizist Mancuso auf, der seinem Vorgesetzten endlich einen Kriminellen abliefern muss, sonst kann er demnächst die Straße fegen. So hängt er als Undercover-Agent in täglich neuer Kostümierung an allen Fersen ...

"Die Verschwörung der Idioten" – ein einziger Klamauk? Nein: Dieser Roman ist mehr als eine Groteske. Sein Protagonist, der Loser schlechthin, wird hochstilisiert zum Intellektuellen, zum philosophischen Antihelden, zum politischen Kämpfer gegen den Kapitalismus samt seiner Ausbeuter.

Dabei wird jede Figur, jedes beschriebene Milieu, jedes Thema zum Gegenstand von Tooles spitzer Karikaturfeder – die oberflächliche Ehe des Hosenfabrikbesitzers ebenso wie die Geldgier der Barbesitzerin, die zwecks Umsatzankurbelung eine neue Nummer aufzieht: In der "Night of Joy" soll eine Stripperin mit Kakadu auftreten – doch wie zu erwarten, kommt Ignatius ins Spiel, und alles läuft anders als einstudiert.

Als das Chaos am Ende des Romans perfekt ist, entschließt sich Mutter Irene, ihren Sohn in die Psychiatrie einweisen zu lassen. Doch Rettung naht in letzter Sekunde ...

Dieser "Südstaatenroman" voller Absurditäten, mit seinem paranoiden, geradezu ekelhaften Helden und seinem irren Weltbild, ist Tooles sarkastisches Abbild der USA jener Zeit.


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