Rezension zu »Der Schmerz der Engel« von Jón Kalman Stefánsson

Der Schmerz der Engel

von


Belletristik · Piper · · Gebunden · 352 S. · ISBN 9783492053907
Sprache: de · Herkunft: is

Der Tod ist allgegenwärtig

Rezension vom 12.01.2012 · 10 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Jón Kalman Stefánssons Roman "Der Schmerz der Engel" ist nach "Himmel und Hölle" der zweite Teil seiner Trilogie. "Der Schmerz der Engel" wurde zur Frankfurter Buchmesse im Oktober 2011 herausgegeben, deren Ehrengast die kleine Insel Island war.

Stefánssons Protagonist ist "der Junge", die einzige namenlose Figur. Handlungsort ist der dünn besiedelte Nordwesten Islands mit seinen Fjorden und dem massiven Gletscher Drangajökull. Es ist April, Ende des 19. Jahrhunderts, der Winter hat diese Gegend noch fest im Griff.

Nun ist "der Junge" schon seit Tagen unterwegs, er kann die Hand kaum vor Augen sehen, Schneetreiben und ein heftiger Sturm machen das Vorwärtskommen nahezu unmöglich. Er begleitet Jens, den Postboten, dessen Pflicht es ist, die Post zu den entlegenen Höfen zu bringen. Der ist ihm plötzlich einfach davon gerannt, dabei hatte dieser wortkarge, kräftige Sturkopf nach langer Zeit ein paar Worte mit "dem Jungen" gewechselt: "Könnte es passieren, dass wir abstürzen, ruft der Junge [...] Wir finden es heraus, wenn es so weit ist, ruft Jens zurück [...] die erste Kontaktaufnahme, nach dem Muster: besorgte Frage, beschwichtigende Antwort, isländischer Umgang miteinander in nuce" (S. 219 f.). Trotz seiner Erschöpfung treibt "den Jungen" ein bisschen Lebenswillen weiter, eine Unterkunft zu finden, bevor die Nacht hereinbricht. Plötzlich überfällt ihn ein Gefühl, das ihm bisher völlig fremd war: Sehnsucht. Er hatte nur Trauer gekannt: Seine Familie ist verstorben, als Waise war er seitdem immer nur weggelaufen – "weg aus dem Fisch, ...weg aus der Heuarbeit, weg von der ununterbrochenen, zermürbenden Mühsal des Alltags, ..." (S. 222). Seit drei Wochen lebt er in Geirþrúðurs Haus mit Helga und dem blinden Kapitän Kolbeinn. Bei ihnen scheinen sämtliche Gesetze des Lebens auf den Kopf gestellt: Er sei für die harte Arbeit nicht geschaffen, so wollen sie ihm Bildung mitgeben. Zuletzt hatte er dem mürrischen alten Kolbeinn sehr holprig Shakespeares "Hamlet" und "Othello" in Englisch vorgelesen. Bald soll er regelmäßig unterrichtet werden. Rechnen bei Helga, Englisch bei Hulda und Isländisch, Geschichte und Literatur bei Gísli, dem Schulrektor ...

Gegen jegliche Vernunft und unter Missachtung der Warnungen der wenigen Menschen, die ihnen Unterkunft und Essen geboten hatten, setzen Jens und "der Junge" ihre Höllentour unbeirrt fort. "Der Junge" rudert Jens, der unter Wasserphobien leidet, in einer Nussschale über den tosenden, aufgewühlten Fjord, rettet ihm das Leben, quält sich mit ihm über zwei Bergplateaus bis auf den gottlosen Gletscher. Sie haben ihren Auftrag, die Postpakete abzugeben, fast erfüllt, da steckt "der Junge" in dichtem Schneetreiben fest, dem Tode näher als dem Leben. Doch Jens taucht wieder auf, reißt "den Jungen" aus den Träumen, aus dem Schlaf in daunenweicher Umarmung des Todes. Weit weg von den Menschen, findet Jens in diesen Extremsituationen zu sich selbst.

Endlich erreichen sie in der Einöde ein Bauernhaus, wo ein Vater mit seinen Kindern und seinem Knecht lebt. In der Räucherkammer liegt seit Tagen die verstorbene Frau des Bauern in ihrem Sarg; an eine Bestattung auf dem Friedhof jenseits des Berges ist angesichts der unbarmherzigen Winterstürme nicht zu denken. Seit Wochen hatte sich keine Menschenseele in diese Gegend gewagt. So muss "der Herr" dem Bauern die beiden Männer geschickt haben: Zu dritt können sie es schaffen. "Der Junge", Jens und der Knecht machen sich auf den Weg zurück über den Berg, sie ziehen und schieben den Sarg auf einem Schlitten bis zum Friedhof, wo die Frau ihre ewige Ruhe finden soll.

Jón Kalman Stefánsson lehrt uns Leser in "Der Schmerz der Engel" das Fürchten, aber auch Ehrfurcht und Demut. Unvorstellbar, solch unerbittlichen Naturgewalten ausgeliefert zu sein und sich ihnen gegenüber mutig zu behaupten. Wochenlang leben die Menschen, die das Schicksal dorthin geworfen hat, ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt, Gefangene in ihren Erdbehausungen, die sich unter den Schneemassen kaum abbilden. Hunger und Krankheiten bestimmen ihren Alltag. Wünschen sie sich, sie wären nie geboren worden? Wundert es, dass die Männer dem Alkohol verfallen, verstummen oder ihre rechtlosen Frauen vergewaltigen? Jede Familie, jeden Hof treffen furchtbare Schicksalsschläge: Männer kommen bei stürmischer See auf den Fjorden ums Leben; andere verlaufen sich im Schneetreiben, verhungern und erfrieren elendig; die Verzweifeltsten stürzen sich bewusst in den Tod, erschlagen einen Mitmenschen oder verfallen dem Irrsinn.

Wo manche Gegenden so gut wie nie die Sonne zu sehen bekommen, wo selbst im kurzen Sommer alles nebelverhangen ist, da entstehen andersartige, zarte Formen der Poesie: Nur Menschen, die sich – wie Jens – lieber in Schweigen hüllen, kein Wort zuviel sprechen, hören Berge singen, Eiszapfen lachen, das Meer brüllen ...

Ausgerechnet diesem starrköpfigen Einzelgänger setzt der Autor "den Jungen" an die Seite, der sich so gerne unterhalten möchte. Wie Stefánsson diese beiden ungleichen Charaktere auf ihrem langen, entbehrungsreichen, immer lebensbedrohlichen Marsch einander behutsam annähern lässt, ist eine literarische Meisterleistung. Jens hat Geirþrúður zwar versprochen, auf "den Jungen" zu achten, doch das tut er auf seine eigentümliche Weise: Er ignoriert ihn, den Schlappschwanz, der mit seiner ewigen unverständlichen Faszination für Gedichte zu nichts zu gebrauchen ist, während sich seine eigene spröde und harte Schale gerade nur einen Spalt weit öffnet, so dass ein wenig von dem sensiblen, verantwortungs- und pflichtbewussten Kern erkennbar wird. Den Jungen beschäftigen derweil auf beeindrucke Weise existentielle philosophische Gedanken – wenn er sich nicht wieder einmal aus den Schneemassen herausbuddeln muss.

Was sind Worte, was bedeuten sie? Kann Poesie Erfüllung geben? Sind wir nicht doch zum Unglücklichsein Verdammte? Die Lieder, die "der Junge" gegen den Willen seines immer voranschreitenden Postboten singt, können die anderen, die trüben Gedanken nicht vertreiben. Der Tod ist allgegenwärtig, er wartet auf jeden von uns – und ist es nicht besser zu sterben, als sich täglich dem Kampf stellen zu müssen, den wir am Ende doch verlieren müssen?

Für seinen Roman "Der Schmerz der Engel" wurde der isländische Schriftsteller Jón Kalman Stefánsson mit dem Per-Olov-Enquist-Preis ausgezeichnet.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner ganz privaten aktuellen Lesetipps aufgenommen.


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