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Rezension zu »Das Leben einer anderen« von Joyce Maynard

Das Leben einer anderen

von


Belletristik · Goldmann · · Gebunden · 320 S. · ISBN 9783442312832
Sprache: de · Herkunft: us

Der Geschmack von Erdbeeren

Rezension vom 28.12.2012 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Ein echter Frauenroman, in den man eintaucht und nicht eher wieder Luft holen kann, bis man auf der letzten Seite angekommen ist - um verwundert festzustellen, wie die Zeit verronnen ist und dass man die Dinge des Alltags fast vergessen hätte.

Dabei empfand ich "Das Leben einer anderen" anfangs als einfach gestrickte, leicht durchschaubare Schnulze. Doch mit zunehmendem Handlungsverlauf habe ich dieses Urteil revidiert. Zwar wurden manche meiner ursprünglichen Vermutungen, was das Familiengeheimnis betrifft, bestätigt, aber das hatte letztendlich keinerlei Bedeutung mehr. Die Lebensumstände der handelnden Figuren entwickelten eine Eigendynamik, der ich mich nicht mehr entziehen konnte.

Was zu bemängeln bleibt, sind leichte literarische Schwächen. Die Autorin wiederholt sich stellenweise inhaltlich, springt schon mal unsystematisch in den Handlungssträngen hin und her. Das Rätsel löst sich vorhersehbar, aber es kommt ein bisschen anders, als man denkt ...

Kapitelweise alternierend erzählen uns die beiden Frauen Ruth Plank und Dana Dickerson ihre Lebensgeschichten. Eine zentrale Rolle spielt das Familienerbe der Planks, eine Farm aus dem 16. Jahrhundert. Im Alter von 60 Jahren können sie dieses Landgut gemeinsam und ganz im Sinne von Ruths Vater Edwin in letzter Sekunde vor dem Verkauf retten.

Die Geschichte setzt vor der Geburt der Protagonistinnen ein. Die Planks sind angesehene Farmer seit Urzeiten. Sie haben schon vier Töchter und erwarten ein weiteres Kind. Die Dickersons hingegen sind erst vor wenigen Jahren in New Hampshire gestrandet. Sie ist Künstlerin, er verkappter Schriftsteller - ein unruhiges, unstetes Paar. Ihr vierjähriger Sohn Ray wird bald ein Geschwisterchen bekommen.

Am 4. Juli 1950 begegnen sich die beiden Mütter erstmals in der Entbindungsabteilung des Krankenhauses und gebären im Abstand von zwei Stunden ihre Töchter Ruth und Dana. Obwohl die Familien vorher nie Kontakt hatten und in ihrer Lebensweise und ihren Einstellungen grundverschieden sind, gibt es zwischen ihnen ein Band, das sie über viele Jahre verbinden wird, selbst als die Dickersons nach Pennsylvania weitertingeln.

Alljährlich besucht man sich anlässlich des identischen Geburtstags. Die unfreiwilligen Zufallsgeschwister selbst sehen diesen Treffen allerdings eher skeptisch als mit Vorfreude entgegen. Ruth fühlt sich im Vergleich mit ihren älteren Schwestern weniger geliebt, und sie leidet darunter, dass ihre Mutter sowohl ihre schulischen Fortschritte als auch ihre körperliche Entwicklung ständig mit denen Danas misst. Für ihre künstlerischen Ambitionen findet Ruth keinerlei Anerkennung; ihr Wunsch, an der Kunsthochschule zu studieren, stößt auf Widerstand. Aber Vater Edwin, der Ruth mit Hingabe liebt, hilft ihr, die Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen. Ruth wird angenommen und erhält sogar ein Stipendium.

Dana erlebt eine ganz andere Kindheit. Ihre Mutter Val ist keine kümmernde, sich sorgende Hausfrau. Sie kennt nur ihre brotlose Kunst und verschwindet dafür in ihrem Atelier. Vater George hat nie gelernt, Geld zu verdienen, und auch als Schriftsteller taugt er nicht viel. Er ist oft unterwegs und kommt dann mit neuen Ideen zurück, die er Gewinn bringend umsetzen zu können hofft. Doch weder als Muschel- noch als Gemüseverkäufer lässt sich die Zukunft sorglos gestalten.

Danas Bruder Ray, ein hübscher Bursche, Scherzbold und Unruhestifter, der alle Mädels beeindruckt, übt auch auf Ruth eine besondere Anziehungskraft aus. Einmal drückt er ihr mit einem harmlosen Kuss eine Erdbeere von seinem in ihren Mund; den speziellen Erdbeergeschmack behält sie ihr Leben lang auf der Zunge, ebenso wie den roten Saft, der aus dem Munde läuft, vor Augen. Das zarte Erlebnis begründet ihre immerwährende Sehnsucht nach diesem Mann und lässt keinen anderen in ihr Leben treten.

Der chaotische Familienhaushalt ist Danas Ordnungsliebe und Sehnsucht nach Stabilität vollkommen zuwider. Außerdem hat sie schon von klein auf ein Faible für Pflanzen und Tiere. Sie genießt es, wenn sie während der Besuche bei den Planks mit Ruths Vater Edwin über die Farm streunt, die Mais- und Erdbeerfelder aufsucht und ihm zuhören kann, wie er von zukünftigen Pflanzenzüchtungen spricht. Nach der Schule schreibt sie sich für ein Studium der Agrarwissenschaften ein.

Für einige Jahre trennen sich dann die Wege der beiden Frauen. Nur auf Umwegen hören sie das eine oder andere voneinander, etwa dass Ray nach Kanada zog, um dem Kriegseinsatz in Vietnam zu entgehen. Als er sich Jahre später telefonisch bei Ruth meldet, kündigt sie Hals über Kopf ihren Job und verlässt ihre Bleibe in Boston, um ihm in eine erbärmliche Hütte in der Einöde Kanadas zu folgen. Dort erlebt sie mit einem melancholischen, einfühlsamen Mann die Erfüllung ihres Lebens. Aber der Preis, den Ruth und Ray dafür zahlen müssen ist, ist schmerzhaft. Warum das alles? Ein Geheimnis, das Ruths Mutter mit ins Grab nehmen wird.

Joyce Maynards Roman "The good daughters" Joyce Maynard: 'The good daughters' bei Amazon, den Sibylle Schmidt übersetzt hat, ist prall gefüllt mit dichtem emotionalem Leben voller Glück und bitteren Schicksalsschlägen, eingebettet in eine Zeit voller Vorurteile gegen sexuelles Anderssein. Ruth und Dana sind zwei grundverschiedene Frauen, die in ein tobendes Meer hineingeworfen, auf den Wellenkämmen hoch geschleudert und im Sog des Unterdrucks wieder hinabgezogen werden. Die zwei starken Frauen nehmen den Kampf in jeder Lebenssituation an - und gehen am Ende nicht unter.


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