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Rezension zu »bleiben« von Judith W. Taschler

bleiben

von


Belletristik · Droemer · · Gebunden · 256 S. · ISBN 9783426281321
Sprache: de · Herkunft: de

Zu viel Gestaltung

Rezension vom 28.11.2016 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Wenn ein Mensch geht, was bleibt von ihm? Wie war sein Leben? Was hat sein Leben bestimmt – der Zufall, das Schick­sal, eine höhere Macht? Was konnte er selbst lenken, gestalten? Wenn er anders gehan­delt, andere Menschen kennen­gelernt hätte, wäre alles genauso geschehen? Solchen Fragen geht jeder nach. Allge­mein­gültig beant­worten kann sie keiner, auch eine Schrift­stelle­rin nicht.

Was zum Beispiel hat Paul, Juliane, Felix und Max veran­lasst, sich im Nacht­zug nach Rom in ein und dem­selben Abteil nieder­zulas­sen? Nichts hat die vier jungen Leute bisher verbunden. Dass alle ihrer Ver­gangen­heit ent­fliehen wollen, ist ein allzu dünnes Band. Juliane hat noch nicht ver­wunden, dass ihr kleiner Bruder vor ein paar Jahren durch sie zu Tode kam (Zufall? Schuld?). Paul ist frisch ge­schieden. Felix will in Süd­tirol den Spuren der Lebens­ge­schichte seiner Mutter nach­gehen. Max verfolgt seinen Traum, sich als Maler zu ver­wirk­lichen.

Wenn es denn damals Zufall war, ist es zwei Jahr­zehnte später noch einmal der Zufall, der sie erneut zu­sammen­führt? Was immer dahinter steckt, die Kon­struk­tion des Romans »bleiben« ist ein recht ge­zwungen wir­kender Kraftakt seiner Schöp­ferin, der 1970 in Linz gebore­nen Autorin Judith W. Taschler.

In vier Strängen lesen wir je einen Dialog, den Felix, Max, Paul oder Juliane führt, und zwar im Mai (Felix), Juni (Paul), Sep­tember (Max) und Dezem­ber (Juliane) des Jahres 2015. Jede Haupt­figur vertraut darin ihre bis­herigen Lebens-, Familien- und Be­ziehungs­geschich­ten und ihre aktuelle Situation weit aus­holend und detail­reich einem Partner an. Diese Gespräche werden aber nicht einfach in vier Kapiteln wie­der­gege­ben, sondern aufge­teilt in acht Runden gleichen Musters: Paul – Juliane – Felix – Max. In der letzten Runde fehlt jedoch Felix' Part, denn er ist zwischen­zeitlich seiner tödlichen Krankheit erlegen.

Eine weitere Komplizierung tritt durch Taschlers Entschluss ein, konsequent nur den Dialog­anteil des je­wei­ligen Prota­gonis­ten wieder­zugeben und den seines Partners komplett auszu­blenden. De facto lesen wir also vier Monologe (oder auch Ich-Erzäh­lungen). Dass es sich über­haupt um Dialog­situa­tionen handelt, er­schließt sich allein dadurch, dass die Sprecher ihre Zuhörer häufig direkt anreden, »noch ein Bier« vor­schlagen oder ihre Fragen auf­greifen. (Letz­teres klingt nach meinem Geschmack oft schreck­lich unnatür­lich: »... Seine Hand war unter meiner Bluse, meine Zunge in seinem Mund. Wie es war beim ersten Mal? Als er mir die Bluse ausziehen wollte, blieb ...«)

Die eigenwillige Zerstückelung der Struktur und die Beschnei­dung der Perspek­tive haben ihren Preis. Man ist ja beim Lesen mit mehreren Denk­auf­gaben beschäf­tigt: Was für Charak­tere sind die vier Erzähler, welche Probleme und Sorgen bewegen sie, wie sind ihre Lebens­wege mit­einander verknüpft? Hinzu kommt jetzt: Mit wem plaudern sie da, wo, aus welchem Anlass und warum gerade mit dieser Person? Stellt sich am Ende wo­möglich über­raschend heraus, dass es nicht nur um ein Quartett, sondern, erweitert um die Gesprächs­partner, um ein Bezie­hungs­oktett geht? Das Rätseln ist über­flüssig – die stillen Zuhörer fungieren einfach nur als Mikro­fone, die ange­strengte formale Kon­struk­tion fügt der Aussage nichts Sub­stan­zielles hinzu.

Was wird erzählt? Juliane ist mittlerweile mit Paul verheiratet. Der Tradition seiner gesell­schaftlich heraus­ragenden Herkunft folgend, arbeitet er als Anwalt in der Wiener Kanzlei der Familie. Juliane ist in ihrer glück­lichen Ehe und dem Fami­lien­leben mit zwei Kindern aufge­gangen. Dafür hat sie ihre musika­li­sche Leiden­schaft als Cellistin nie verwirk­lichen können.

Durch einen Zufall begegnet Juliane in einer Galerie den Jugend­bekannt­schaften Max (inzwischen arri­vierter Maler) und Felix (Werbe­fotograf) wieder. Zwischen Juliane und Felix entbrennt eine stür­mische Affäre. Als Felix sich abrupt zurück­zieht, glaubt Juliane, er habe sie ledig­lich benutzt. Den wahren Grund für sein Verhalten erfährt sie ausge­rechnet von Paul, ihrem Mann.

Felix ist an Krebs erkrankt. Er weiß, dass er bald sterben wird. Und er erfährt auch, was seine Krankheit ausgelöst hat. Dahinter verbirgt sich eine Kette von schuld­haftem Verhalten, morali­schem Versagen, Schick­sal­haftig­keit – oder blinden Zufällen? –, die sich strecken­weise lesen wie ein un­glaub­licher Krimi.

In den einunddreißig Gesprächskapiteln dieses unge­wöhn­lichen, viel­schich­tigen Romans geht es um Freund­schaft, Loya­lität, Liebe, Familie, Heimat und Zuge­hörig­keit als (stets gefähr­dete) Funda­mente der mensch­lichen Existenz. Mit Felix' Schicksal stellen sich die großen Fragen um die letzte Lebens­phase eines Tod­kranken: Wie begleitet man einen Sterbenden, wie »bleibt« man bei ihm, wie lässt man los?

Schade, dass dieses Buch thema­tisch und struk­turell so artifiziell ist.


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