Rezension zu »Sisi« von Karen Duve

Sisi

von


Eine Serie aufschlussreicher Momentaufnahmen aus dem Leben der kaum vierzigjährigen Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn offenbart ein verstörendes Bild einer Frau von großer Kraft und vielen Schwächen, von Siegen und Niederlagen.
Belletristik · Galiani · · 416 S. · ISBN 9783869712109
Sprache: de · Herkunft: de

Die Entzauberung einer Legende

Rezension vom 20.03.2023 · 1 x als hilfreich bewertet mit 1 Kommentaren

Dieses Buch ist eine Fleißarbeit. Über Jahre verschaffte sich Karen Duve einen riesigen Fundus an Material über »Sisi«, eine histo­rische Figur, zu der viele doch schon alles zu wissen glaubten. Daraus entstand nicht etwa eine Biografie, sondern ein unge­wöhn­lich struktu­rierter Roman. Er schlägt keinen großen Bogen von der Geburt bis zum Grab der Kaiserin Elisabeth (1837-1898), sondern be­schränkt sich auf nur zwei Jahre – 1876/77 – in ihrem ereignis­reichen Leben. Die kurze Zeit­spanne aber breitet sie derart intensiv aus, hautnah an ihrer Heldin, ihrem Alltag, ihren Gedanken und Empfin­dungen, dazu prallvoll von bedeut­samen und trivialen Details und Sach­erläute­rungen, dass sich uns beim Lesen all der vielen erzählten Szenen ein Bild zusam­menfügt wie ein riesiges Mosaik, in dem markante Wesens­züge deutlich hervor­treten. Dazu bedarf es keiner fort­laufen­den Handlung und keines Span­nungs­bogens. Die Autorin ordnet ihren Stoff einfach in relativ kurzen Kapiteln zu einzelnen Themen an.

Was wir sehen, ist kaum in Einklang zu bringen mit den sonnigen Eindrü­cken, die wir aus den drei »Sissi«-Filmen mit Romy Schneider (1955 bis 1957) im Hinter­kopf haben. Kaiserin Elisabeth, jetzt 39 bis 40 Jahre alt, erscheint als prob­lema­tischer, wider­sprüch­licher Charakter, herrisch und kom­promiss­los, egois­tisch und narziss­tisch, rastlos auf der Suche nach Erfüllung und doch von Frustra­tionen gequält und von Ängsten verfolgt, rebel­lisch und doch in Zwängen gefangen – eine gealterte Frau, die so gar nicht unsere Herzen gewinnen kann.

Das Image des strahlend schönen Mädels, etwas drauf­gänge­risch, etwas verwöhnt, das mit seinem Charme den feschen jungen Franz Josef und sein ganzes Volk bezau­berte und (nach einer gewissen Zähmung) zur Kaiserin aufstieg, haben nicht erst die bunten »Sissi«-Filme verbrei­tet, sondern schon der Hof in Wien. In unzäh­ligen Porträts ließ der Kaiser ihre jugend­liche Schönheit doku­men­tieren. Mit der Zeit ist all dies für Elisabeth zu einer schweren Hypothek geworden. »Die Schönheit der Kaiserin ist legendär. Dabei ist sie schon achtund­dreißig Jahre alt.« Und mit vierzig hat es sich für die meisten Frauen ausgelebt, so plaudert ihr Leibarzt. Wer genau hin­schauen darf, kann Makel entdecken – »den Ansatz eines Doppel­kinns«, die Zähne, wegen deren Zustand Ihre Majestät spricht und lächelt, ohne die Lippen zu bewegen. Jetzt sind Abbil­dungen, die Verfall erkennen lassen, uner­wünscht.

Mit ihrem eigenen Image als »schönste Frau Europas« Schritt zu halten ist für Elisabeth inzwi­schen eine Obses­sion. Zum Erhalt ihrer Aus­strah­lung erlegt sie sich ein exzes­sives Fitness- und Körper­pflege­pro­gramm auf, das ihren gesamten Tages­ablauf bestimmt: Gewalt­märsche, Sport, Diäten, eisige Bäder und stunden­lange Pflege ihrer über­langen Haare.

Neben dem Selbstbild und dem Reisen gehört die größte Leiden­schaft der Kaiserin den Pferden. Doch auch das Reiten betreibt sie als Manie mit einem Bewusst­sein für die Außen­wirkung. Jagd­gesell­schaf­ten mit ab­schlie­ßen­den glamou­rösen Festen waren ein irrwitzig kost­spieliger Zeit­vertreib des Adels und auch beim einfachen Volk beliebt, gab es doch immer viel zu erleben, zu gaffen und zu berichten (»Eine Parforce­jagd bringt Pracht und Sensation.«). Wenn gar die legendäre Kaiserin von Öster­reich-Ungarn mit ihrer Entourage anreiste, bot ihr jeder Gastgeber gern eine große Bühne – das würde ihren und seinen Ruhm im Volke mehren. Genau damit stimmt uns der Roman ein. Auf dem Gelände eines engli­schen Schlosses herrscht geschäf­tiges Treiben, denn der fünfte Earl of Spencer hat zur Fuchsjagd geladen. In zahllosen Details (Aus­stat­tung, Natur, Gespräche, Vorgänge, Er­klärun­gen, Gedanken …) schildert die Autorin die lebhafte Szene – ein Meister­stück ihrer subtilen Kunst zu schildern und zwischen den Zeilen Signale zu senden.

Gelegentlich liest sich Duves Roman wie ein Sachbuch über aristo­krati­schen Reitsport und Jagden im 19. Jahr­hundert. Das stellt das Wissen bereit, um Sisis Fanatis­mus einzu­ordnen. Sie lässt keine der renom­mierten Fuchs-, Parforce- und Treib­jagden in England, Öster­reich und Ungarn aus. Wie sie vor dem Aufbruch über einer quirligen Meute von Jagd­hunden thront, dann im Damen­sattel kühn ihren Beglei­tern davon­stürmt und ohne Rücksicht auf Leib und Leben über Gräben, Zäune und Baum­stämme springt, ist sie eine faszinie­rende Ikone, erwirbt sich einen Ruf als beste Reiterin Europas. Karen Duve schaut hinter die Fassade: »Acht­und­dreißig tote Tiere sind es diesmal. Das ist ein schöner Ausdruck reprä­senta­tiver Lebens­lust.« Den Sarkasmus der Autorin würde Sisi wohl kaum teilen. »Sie will schnell sein, unein­holbar, ihren finsteren Gedanken entkommen […]. Wenn sie galop­piert, lodert eine Glut in ihr.«

Was treibt diese Frau in ihre selbst­zer­störe­rischen Exzesse? Sie scheint zerrieben zwischen dem Wunsch nach Einfluss­nahme (die ihr in der Politik nicht gewährt wird), dem Bedürfnis nach Zuneigung und Liebe (die sie von ihrem Gemahl nicht wie gewünscht erhält und die sie ihren Kindern selbst nicht schenken kann), dem Kampf gegen Ein­schnü­rung (wie sie das Hof­zeremo­niell vor­schreibt), dem Drang nach Freiheit und Selbst­verwirk­lichung (in dem ihr der Kaiser teure Spiel­räume lässt), dem perma­nenten Druck, ihrer öffent­lichen Rolle als Kaiserin, Idol, Frau und Mutter gerecht zu werden, und dem Hinnehmen-Müssen ihrer Grenzen in ihrer Zeit.

Unseren Blick auf die kompli­zierte Protago­nistin erweitern Menschen aus deren vertrau­lichstem Umkreis, wie ihr Ehemann Franz Joseph. Der Herrscher über ein riesiges Viel­völker­reich scheint die Wünsche, Eskapaden und Marotten seiner meist ab­wesen­den Gemahlin gutmütig zur Kenntnis zu nehmen, ohne ihren psycho­logischen Hinter­grund erschlie­ßen zu können. Als sie ein eigenes Bade­zimmer verlangt, denkt er sich seinen Teil: »Ist man ein Amphib. Die Sisi hat immer die selt­sams­ten Ideen.«

Die Kaiserin dagegen setzt entschie­den ihren Kopf durch, so frag­würdig uns ihr Handeln manchmal erschei­nen mag. Ihrer erge­bens­ten Hofdame Marie Gräfin Festetics verbietet sie eine Heirat. Die Willkür setzt der Gräfin, einer scharf­sich­tigen Beob­achterin, zu und zermürbt sie, ohne jedoch ihre Loyalität beschä­digen zu können. Elisa­beths achtzehn­jährige Nichte Marie Louise von Wallersee hatte Sisi schon in früheren Jahren fast wie eine Tochter bei sich aufge­nommen. Als ihr Charme, ihre hübsche Aus­strah­lung und ihre beacht­lichen Reit­künste nun der alternden Kaiserin die Show zu stehlen drohen, ist es vorbei mit der fürsorg­lichen Liebe, und die berech­nende Tante fädelt für sie eine Ehe ein.

Schon bei Duves Vorgängerroman »Fräulein Nettes kurzer Sommer«, der auf ähnliche Weise ent­standen und angelegt war, begeis­terte uns die hoch­präzise Wortwahl und der viel­seitige Schreib­stil der Autorin [› Rezension]. So blitzt jetzt auch in »Sisi« ihre Sicht auf die Gesell­schaft der Zeit in trockenen oder süffi­santen For­mulie­rungen, offenem oder ver­steck­tem Humor, sanfter oder beißender Ironie durch – manchmal auch in bitterem Zynismus: »Die englische Fuchsjagd ist die wag­hal­sigste aller über­flüssi­gen Aktivi­täten […]. Das House of Lords ist voller Roll­stühle – alles Jagd­unfälle. In den vornehmen Sana­torien vege­tieren die Jagd­reiter mit irrepa­rablen Hirn­schäden vor sich hin.«

Karen Duves Porträt der Kaiserin Elisabeth von Öster­reich-Ungarn ist ein Meister­werk gründ­licher, schonungs­loser Wahr­heits­suche. Es reißt sämtliche Schalen herunter, mit denen Romy Schnei­ders »Sissi«-Filme die histori­sche Person verhüllt, verklärt und ver­fälscht haben. Unter dem lange gehegten zucker­süßen Image eines braven, hin­gebungs­vollen Mädels, wie es der Jugend der Fünf­ziger­jahre zum Vorbild dienen sollte, wird jetzt eine Frau erkennbar, die, wie viele ihrer modernen Alters­genos­sinnen, um ihre eigene Per­sönlich­keits­findung ringen. Was Sisi dank ihrer privile­gierten Position ziemlich hem­mungs­los ausleben konnte, ist heutzu­tage auch emanzi­pierten Frauen aus ›niederen Ständen‹ möglich, aber der Preis ist unter Umständen immer noch hoch. Wo Sisi Befreiung und Teilhabe suchte und mit un­nach­giebi­gem Druck gegen andere und sich selbst durch­setzen wollte, ließ sie schlimmen Charakter­zügen ihren Lauf, musste sie ihre Mit­menschen brüs­kieren, in Obses­sionen flüchten, Einsam­keit ertragen, körper­liche Qualen erleiden. Am Ende konnte sie die erhofften Erfolge nur in engem Rahmen erzielen. Persön­liches Glück, so muss man anneh­men, war ihr keines­wegs vergönnt.


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Kommentare

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Zu »Sisi« von Karen Duve wurden 1 Kommentare verfasst:

Nadine schrieb am 13.04.2023:

Wer glaubt, dass Kaiserin Sisi wie in den Romy Schneider Filmen war, sollte das Buch nicht lesen. Für diejenigen bricht dann eine Welt zusammen.
Für alle die sich ausgiebiger mit Kaiserin Sisi beschäftigt haben, ist es sehr unterhaltsam und zeigt ihre ambivalenten Wesenzüge sehr deutlich.
Leider sind viele Rechtschreib- und Grammatikfehler drin. Schade.

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