Rezension zu »Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke« von Karen Joy Fowler

Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke

von


Belletristik · Manhattan · · Gebunden · 352 S. · ISBN 9783442547371
Sprache: de · Herkunft: us

Zuviel des Guten

Rezension vom 01.09.2015 · 4 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Die Familie Cooke aus Bloomington, Indiana, das ist wahr­haftig eine un­ge­wöhn­liche Ge­mein­schaft. Sie wird uns von Rose­mary, der 1970 ge­bo­re­nen Toch­ter, aus der Ich-Per­spek­tive vor­ge­stellt. Ihr Bruder Lowell ist etwas älter. Vince Cooke, beider Vater, war Pro­fes­sor für ver­glei­chen­de Ver­hal­tens­psy­cho­lo­gie bei Mensch und Tier, ein pe­dan­ti­scher, ehr­gei­zi­ger Wis­sen­schaft­ler, absent father, work­aholic, Ket­ten­rau­cher und Trinker, bis er 1998 an einem Herz­infarkt verstarb. Seine Frau (die namen­los bleibt) war ihren Kindern eine sensible und für­sorg­liche Mutter. Dass sie, als Rose­mary neun Jahre alt war, eine Fehl­geburt erlitten habe, war nur eine Legende, um zu be­gründen, warum ihr Töchter­chen plötzlich bei den Groß­eltern unter­gebracht werden musste. In Wirk­lich­keit hatte eine urplötzl­ich herein­brechende, unaus­weich­liche Ver­ände­rung in der Familie Mom derart aus der Bahn gewor­fen, dass sie für lange Zeit in De­pres­sio­nen fiel und den Haus­halt nicht mehr führen konnte. Heute lebt Rose­mary, die Grund­schul­kinder unter­richtet, mit ihrer über sechzig­jähri­gen Mutter in einem gemein­samen Haus­halt.

Rosemary war gerade einen Monat auf der Welt, als sie eine Art Schwes­ter bekam: ein Schim­pansen­baby namens Fern und bereits drei Monate alt. Die beiden würden ihre ersten Lebens­jahre intensiv teilen, und bis heute be­trachtet Rose­mary ihr un­gewöhn­liches Familien­mit­glied als ihren ›Zwilling‹.

Dass Fern ganz anders aussieht, sich anders verhält und anders spricht als sie selbst, fällt der kleinen Rose­mary nicht auf. Im Gegen­teil: Sie ahmt die men­schen­ähn­lichen Ver­hal­tens­wei­sen ihrer tieri­schen Schwes­ter nach, bis sie ihr selbst zu­eigen werden. Sehr lange läuft das Mäd­chen auf allen vieren, klettert über Tisch und Bänke. Im Kin­der­gar­ten wird sie von Anfang an als »Mon­key-Girl« ge­schnit­ten, nicht nur wegen ihrer auf­fäl­li­gen Mimik und Gestik, sondern auch wegen ihrer Vor­liebe, andere Kinder zu beißen oder an den Haaren zu ziehen. Auch in der Schule findet sie keine Freun­din, bleibt das »Affen­mäd­chen« mit »höchs­tens teil­mensch­licher Natur«. Aus­ge­stoßen aus der Ge­mein­schaft er­fin­det sich Rose­mary eine Freun­din in der Fan­tasie und schenkt ihr den zwei­ten Teil des ei­ge­nen Namens: Mary.

Mit ihrer ›Zwillings­schwester‹ hat sie derweil längst ein inniges, intimes Ver­hält­nis entwickelt. Die ge­mein­samen Spiele, der stetige enge Körper­kontakt, der Geruch, der feucht­klebrige Atem im Nacken, wenn Fern mit ihren »Pfei­fen­reini­ger-Armen« Rose­mary umklam­mert, all das ließ beide gerade­zu zu einer Per­son ver­schmel­zen.

Dann wird das Fern-Projekt abrupt beendet. Der ver­ant­wort­liche Professor Cooke verliert seine For­schungs­stelle, seine wissen­schaft­lichen Mit­arbeiter müssen sich neue Arbeits­plätze suchen. Die beiden Unter­suchungs­objekte Fern und Rose­mary haben eben­falls aus­ge­dient: Der Affe wird aus der Familie ge­nom­men, das Mädchen bleibt allein zurück. Die Folgen sind drama­tisch und nach­haltig über Jahr­zehnte. Der Vater kom­pen­siert den Verlust seiner Re­puta­tion durch regel­mäßigen Alkohol­konsum, die Mutter bricht zu­sam­men, muss ihre kleine Tochter zu den Großeltern aus­quar­tie­ren, Sohn Lowell setzt sich für immer ab, wird später als Akti­vist der »Ani­mal Libera­tion Front« vom FBI gesucht.

Rosemary, einst eine nicht zu stop­pende »Quas­sel­strippe«, hört auf zu sprechen. Mit ihrem »Ver­stum­men« beginnt eine Zeit der »merk­würdi­gen Stille«, die sich auch zwischen den Eltern breit macht, während sich Rose­marys psychi­sches Leiden als lebens­langes Trauma in stereo­typen Zwangs­hand­lungen nieder­schlägt: mit dem Körper schaukeln, Nägel kauen, Augen­brauen aus­rei­ßen ...

Warum und wie genau das alles so ge­kom­men ist, warum Rose­mary die Zu­sammen­hänge – ein­schließ­lich ihrer möglichen eigenen Schuld­anteile – erst nach vielen Jahren begreift, das erzählt sie nach und nach in kleinen Portiön­chen, weit aus­holend und un­chrono­logisch. Ihre Erzählung setzt »in der Mitte meiner Ge­schichte« ein, im Winter 1996. Da studiert Rose­mary schon im fünften Jahr Ge­schich­te, Volks­wirt­schaft und Philo­sophie weit weg vom Eltern­haus an der Uni­ver­sity of Cali­fornia in Davis. Ihren Bruder Lowell hat sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen, Fern ist seit sieb­zehn Jahren ver­schwun­den. Den struktu­rellen Trick, mitten­drin zu beginnen, wählt die Erzäh­lerin bewusst, um Ferns wahre Iden­tität vorläufig zu ver­schleiern. Bis nach etwa neunzig Seiten enthüllt wird, dass die ›Zwil­lings­schwes­ter‹ ein Schim­panse ist, soll ihr Wesen immer un­durch­sichtiger und exoti­scher erscheinen. Freilich können selbst Leser, die sich vorab kein bisschen über ihre neue Lektüre informiert haben, durch­aus er­schlie­ßen, was es mit der merk­wür­di­gen Kreatur auf sich hat. Die Ver­rätse­lung wirkt daher künst­lich und auf­gesetzt.

Karen Joy Fowlers Grundkonzept, eine un­ge­wöhn­liche Famil­ien­kon­stel­lation zu ent­wickeln, in deren Zen­trum ein Mensch und sein nächster Ver­wandter aus dem Tier­reich ge­mein­sam auf­wachsen, ist reiz­voll und birgt zahl­lose dar­stel­lens- und dis­ku­tie­rens­werte Themen. Was sollen wir von einem Vater halten, der seine eigene Tochter zum ›Ver­suchs­tier‹ macht? Zwar lau­tete das offi­zielle For­schungs­ziel zunächst, zu er­grün­den, wie weit ein Affe die mensch­liche Sprache er­ler­nen könne, doch immer stär­ker gerät in den Fokus, wie sich Rose­marys Ver­halten im stän­digen Zu­sam­men­sein mit der zwangs­zu­ge­führ­ten Ge­fähr­tin ent­wickelt, insbe­sondere ob das Men­schen­kind irgend­wann mit dem Tier sprechen kann. Sehr gut nach­voll­zieh­bar arbeitet die Autorin die Kon­se­quen­zen die­ses frag­wür­digen Ex­peri­ments heraus, Rose­marys emo­tio­nales Leid nach der abrup­ten, un­ver­ständ­lichen Trennung von Fern, ihre soziale Störung, das Zer­bre­chen der Familie.

Warum aber überzeugt dieser Roman (der sprach­lich vor­wie­gend sach­lich-nüch­terne oder unter­hal­tende bis kräftig witzige Töne an­schlägt) am Ende doch nicht recht? Nach meinem Ein­druck will Karen Joy Fowler einfach zuviel – zu Unter­schied­liches, zu Wider­sprüch­liches, zu schwer Ver­ein­bares. So viel­fältig ist zwar das Leben, dieser Roman aber kann nicht, wie er es an­strebt, dessen Tiefe bieten. Manche Pas­sa­gen sind brül­lend komisch, aber die tief­trau­rigen Er­eig­nisse schaffen es nicht, bis unter die Haut des Lesers zu wirken. Die Er­zäh­lung soll nicht einfach an der Hand­lungs­ober­fläche plät­schern, sondern wis­sen­schaft­liche Unter­maue­rung mit­liefern. Also kommt Rose­mary immer wieder auf die Ver­hal­tens­for­schung bei Prima­ten zu sprechen und erwähnt Er­kennt­nisse re­nom­mier­ter For­scher wie Jane Goodall, Call und Toma­sello, Day und Davis, Iwanow. Da pur­zeln die wis­sen­schaft­lichen Fach­aus­drücke nur so über die Seiten (»So­lipsis­mus«, »Idio­glos­sie«, »Meta­kogni­tion« ...), aber dem un­bedarf­ten Leser bringt all das weder einen fun­dier­ten Wis­sens­zu­wachs noch erhöht es den er­hoff­ten Unter­haltungs­wert. Das Misch­konzept führt zu nichts Halbem und nichts Ganzem.

Und dann all diese thema­ti­schen Ab­schwei­fun­gen und blinden Neben­hand­lungen: ein Disko­besuch, ein Haus­meister, eine Mit­kommili­tonin, die sich in Lowell verliebt; ein Koffer mit Mutters Tage­büchern geht verloren, dafür taucht eine Bauch­redner­puppe namens »Madame Defarge« auf; eine Vor­lesung über »Reli­gion und Gewalt«; eine in­halt­liche Exkur­sion über weib­liche Gewalt am Bei­spiel des WKKK (weib­licher Ku-Klux-Klan). In einem Kurs über Euro­päische Lite­ratur erregt Franz Kafka Rose­marys Auf­merk­sam­keit; jedem der sechs Haupt­teile ist eine kurze Passage aus seinem »Bericht für eine Aka­demie« voran­gestellt (den die Erzählerin – wen wundert's – »gänz­lich un­meta­phorisch« auf­fasst).

Ein besonderes Lob gebührt dem Über­setzer Marcus Ingen­daay, dem es gelungen ist, die unter­schied­lichen Töne und Stile dieses Unter­haltungs­romans verlust­los ins Deutsche zu trans­po­nie­ren. Ein Blick in seine Werk­statt – drei Ver­gleiche mit der eng­lischen Vor­lage »We Are All Completely Beside Ourselves« Karen Joy Fowler: »We Are All Completely Beside Ourselves« bei Amazon – verrät, wie frei solche litera­ri­schen Profis ihre sprach­lichen Fahnen flattern lassen und dem Original­text gern noch eins draufsetzen.

1. »I nodded some more and the whole time I was making this agree­able gesture, I was telling him that his position on super­powers was balder­dash and had no bearing on the real world. ›Poppy­cock,‹ I said. ›Flap­doodle. Bollocks. Piffle. Crapola. Cod­swallop.‹«
»Aber ich nickte weiter zu allem – und ver­sicherte ihm gleich­zeitig, dass seine Haltung zu den Super­kräf­ten so ziem­lich der größte Mist sei, den ich je gehört habe, weil sie, seine Hal­tung, nicht den gerings­ten Bezug zur realen Welt auf­weise. Mit anderen Wor­ten: Es sei semantik­freie Kopf­kotze. Schmon­zes. Kiki. Killefit. Schnulli­puh. Pille­pup.«

2. »I was a ball. I was a blast. I was so not what was going on here.«
»Ich war knorke, ich war schnafte, ich war voll die Hoschi­braut. Und ich hatte keinen Schim­mer, was gerade vor mir ablief.«

3. »How amazed my long-ago baby­sitter Melissa and my Cooke grand­parents would be if only they could see it. I tried to imagine them all in the room with me, offer­ing en­courage­ment. ›Keep quiet!‹ they told me. ›Stop your infernal talking! Give me a minute to hear myself think.‹«
»Keine Ahnung, was meine beiden Groß­mütter oder meine Baby­sitterin Melissa dazu gesagt hätten, aber ich wette, sie wären be­ein­druckt gewesen, welche Fort­schritte der Mensch machen kann. Um­gekehrt moti­vierte mich ihr altes Lamento: ›Herr­gott, Kind, halt endlich den Sabbel, du quasselst mir noch einen Pilz ans Ohr.‹«


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