Rezension zu »Matterhorn« von Karl Marlantes

Matterhorn

von


Antikriegsroman · Arche · · Gebunden · 672 S. · ISBN 9783716026625
Sprache: de · Herkunft: us

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Momentaufnahme aus dem Horror des Vietnam-Kriegs

Rezension vom 23.12.2012 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

"Die durch die Hölle gehen" - "Apocalypse Now" - "Platoon": Es sind diese Filme, die zusammen mit schockierenden Pressefotos nachhaltig unser Bild von dem geprägt haben, was sich vor vierzig Jahren in Vietnam abspielte. Mit allen Mitteln versuchten die Amerikaner zu verhindern, dass Indochina unter kommunistischen Einfluss geriet ("Dominotheorie"). Sie stützten im Süden ein korruptes System, bombardierten flächendeckend mit Napalm, veranstalteten Massaker in Dörfern, entlaubten, um freien Blick auf die Nachschubwege der Vietcong zu bekommen, den Dschungel mit Agent Orange, verseuchten dadurch Böden und Gewässer für Jahre und brachten den Menschen Tod, Krebserkrankungen und bis heute Missbildungen bei Kindern. Und sie bezahlten selbst einen hohen Preis: über 58.000 Gefallene zwischen 1965 und 1975, ungezählte körperlich und psychisch traumatisierte Veteranen, eine zerrissene Generation. Bei uns im Westen herrschte der Kalte Krieg - in Indochina fochten die rivalisierenden Weltanschauungen ihre Auseinandersetzung glühend heiß aus.

Der Autor Karl Marlantes kann von all dem aus erster Hand berichten, bedient aber keine Erwartungen auf brutale Schlachten oder Heldentum. Wie sein Protagonist Mellas meldete er sich 1968 als 24-Jähriger freiwillig für den Einsatz in Vietnam. Der dauerte für ihn dreizehn Monate. Bei der Elite-Spezialeinheit des US Marine Corps wurde er bis zum Lieutenant befördert und mit Orden dekoriert. Wie Tausende andere litt er nach seiner Rückkehr in die Heimat unter Missachtung und Verurteilung durch weite Teile der amerikanischen Bevölkerung, die den schmutzigen und aussichtslosen Krieg inzwischen größtenteils ablehnte. Wie wird man damit fertig, seine besten Jahre unter Einsatz seines Lebens für eine fragwürdige Sache vergeben zu haben? Marlantes wählte den Weg, sich sein Elend von der Seele zu schreiben. Dreißig Jahre lang rang er mit seinem Manuskript, bis es 2010 in den USA veröffentlicht wurde - und "Matterhorn" erstürmte sofort die Bestsellerlisten. In der Übersetzung von Nikolaus Stingl ist das Buch jetzt bei Arche erschienen.

Mit dem 19-jährigen Waino Mellas landen wir mitten im monsunverhangenen, undurchdringlichen Dschungel. Ein kleiner Spähtrupp von dreizehn Marines kämpft sich Richtung "Matterhorn" durch. Bergkuppen, die markant aus dem Wald herausragen und sich zum Ausbau als Feuerunterstützungsbasen eignen, verleihen die Kommandeure Namen aus der Schweizer Bergwelt. Die idyllisierenden Euphemismen sind ein Beitrag, die grausige Realität positiv zu besetzen, und das ist bitter nötig.

Seit vier Tagen schon kann der Versorgungshubschrauber die Gruppe nicht mehr anfliegen; die Nebel hängen zu dicht. Dreck und nasse Klamotten kleben an den Männern. Um Dschungelfäule zu verhindern, ist es besser, man trägt keine Unterwäsche. Ständig müssen die Füße kontrolliert werden, ehe Wundbrand das Gehen zur Tortur werden lässt. Messerscharfe Grashalme hinterlassen Spuren an Armen und Händen. Blutegel saugen sich überall am Körper fest; eins der Tierchen - winzig und zuerst kaum wahrnehmbar - hat sich in der Harnröhre eines Soldaten festgesetzt. Wir erfahren anschaulich, was es anrichtet und wie der Soldat vorm Schlimmsten bewahrt wird.

Als Second Lieutenant bekommt Mellas die Führungsverantwortung für eine 40-Mann-Truppe aufgebürdet. Noch nicht ganz trocken hinter den Ohren und ohne gefestigte Autorität, will er seinen Leuten und sich selbst beweisen, was für ein toller Kerl er ist. Außerdem glaubt er, dass ein paar Tapferkeitsauszeichnungen ihm im zivilen Leben nach dem Krieg Anerkennung und Nutzen bringen würden.

Die erste heftige Schlacht mit Einheiten der nordvietnamesischen Armee (NVA) findet jedoch erst in der zweiten Hälfte des Romans statt. Da kommt das Nahkampf-Gemetzel schonungslos zur Sprache; ebenso krass wird offengelegt, was in der Psyche eines um sein Leben kämpfenden Soldaten vor sich geht, wenn vor ihm das Gesicht eines Feindes aufblitzt - aus Fleisch und Blut, nicht als Markierung auf dem Monitor eines Bombers ...

Wenn Feindberührungen nur ein Viertel des Buches einnehmen, wovon berichtet dann der große Rest? Antwort: Marlantes durchleuchtet kleinteilig, unpathetisch und überwiegend in dialogischer Aufbereitung den alltäglichen Mikrokosmos der Mikroeinheit irgendwo im Dschungel, fernab der Kommandozentralen. Er legt Wert auf Präzision: Die korrekte Fachterminologie der Dienstränge, Waffen, Sprengstoffe, Orte usw. erfordert Insiderwissen, das wir uns in Anhängen und Verzeichnissen erschließen können.

Wichtiger ist freilich, was wir über die Binnenstrukturen, die menschlichen Beziehungen, die äußeren und inneren Vorgänge im Camp erfahren. Mit diesem Konzept unterscheidet sich der Vietnam-Roman "Matterhorn" grundsätzlich von den bekannten Vietnam-Filmen und anderen Anti-Kriegs-Romanen. Er bietet lauter Nahaufnahmen.

Im Dschungel sind alle olivgrün, aber in den Basen, während der kurzen Erholungsphasen, tobt der Kampf zwischen Schwarz und Weiß. Ausgenutzt und schikaniert von den weißen Befehlshabern wehren sich die unterprivilegierten Schwarzen immer radikaler; die Black Panthers heizen den Hass an. Mellas beweist in solchen Konflikten, in denen er unbedingt vermitteln muss, um seine Männer zu solidarisieren, menschliches Einfühlungsvermögen und diplomatisches Geschick.

Nicht minder belastend sind die Spannungen zwischen Oben und Unten. Wo man Führung vermutet und erhofft, sitzt bisweilen ein de-facto-Gegner. Ein machtgieriger Colonel verfolgt das Kampfgeschehen per Funk von seinem Stützpunkt aus. Er lässt "Matterhorn" roden und zum Feuerstand mit Bunkeranlage ausbauen, dann räumen, so dass er an die NVA fällt, und schließlich wieder zurückerobern - all das, um die "Kill Ratio" (das Zahlenverhältnis zwischen den eigenen und den feindlichen Gefallenen) aufzuhübschen.
Neben dieser absurd-monströsen Strategie lässt auch sein Führungsstil an jeglicher Vernunft zweifeln: Aus seiner sicheren, distanzierten Führungszentrale heraus lässt der Colonel seine Männer stundenlang durch den Dschungel robben, hungern und dürsten, Löcher ausheben, in denen sie unter ihren Ponchos kaum Schutz finden, und kolportiert anschließend, sie hätten sich wohl nur ausgeruht anstatt zu töten. Hubschrauberflüge gestattet er nur im äußersten Notfall - da muss schon ein Tiger zugebissen oder eine Granate jemandem die Beine zerfetzt haben.

Natürlich entwickelt sich Mellas im Laufe des Romans. Er wächst an seinen Aufgaben, stellt Sinnfragen, ist verlässlicher und einsatzbereiter Partner im Team, während doch auch ihn selbst die Angst foltert.

"Matterhorn" versetzt uns zwar in das Kampfgeschehen eines Krieges, an dem neben den Amerikanern, ihren Verbündeten und dem Militär beider Teile des seit 1954 geteilten Landes Vietnam auch südvietnamesische Aufständische, die kommunistischen Guerillaeinheiten des Vietcong, die Sowjetunion und die Volksrepublik China mitwirkten. Doch diese komplexe Interessenlage mit all ihren tödlichen Verflechtungen und Konsequenzen thematisiert Marlantes nicht. Seine Perspektive bleibt regional auf die Gegend des "Matterhorns" begrenzt. Die leidtragende Zivilbevölkerung aus den Dörfern kommt ebenso wenig vor wie Frauen und der Vietcong. Große Strukturen militärischer Strategien fehlen. So wirkt die Einheit wie zufällig hingeworfen an ihren Dschungelort; der uns vorenthaltene Überblick verstärkt den Eindruck der Absurdität ihres Vorgehens wie ihres Auftrags. Marlantes' Vietnam-Roman ähnelt darin eher Bernhard Wickis Antikriegsfilm "Die Brücke" (1959) als den großformatigen US-Vietnam-Filmen.


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