Rezension zu »Dunkle Stadt Bohane« von Kevin Barry

Dunkle Stadt Bohane

von


Belletristik · Tropen · · Gebunden · 304 S. · ISBN 9783608501452
Sprache: de · Herkunft: ie

Ein Lesefeuerwerk!

Rezension vom 08.11.2015 · 1 x als hilfreich bewertet mit 1 Kommentaren

Was für einen abge­drehten Roman­erstling hat der 1969 ge­borene iri­sche Journa­list und Kurzge­schich­ten­autor Kevin Barry da 2011 vorge­legt! Er be­geisterte die Kritiker, die zum Ver­gleich Anthony Bur­gess’ Klassiker »A Clockwork Orange« (1962) her­beizitierten, und räumte etli­che Preise ab, zum Bei­spiel den hochdotier­ten Interna­tional IMPAC Dublin Lite­rary Award 2013, so dass selbst Kory­phäen wie Haru­ki Mu­rakami und Michel Houellebecq, die ebenfalls im Rennen waren, das Nachsehen hatten.

Dabei ist der Plot recht simpel und nicht einmal besonders origi­nell. In einer (fiktiven) west­irischen Groß­stadt namens Bo­hane (Aussprache laut Autor: Bo’hahn), die ihre gu­ten rechts­staatlichen Zeiten längst hin­ter sich hat, sorgen Gangster­clans seit Jahrzehnten für Ordnung, wie sie sie se­hen. Ge­walt, Krimi­nalität und Rivalitäten zwi­schen den Ban­den do­minieren das Alltags­leben. Der starke Mann der Stadt ist Lo­gan Hart­nett, ein eitler Empor­kömmling aus den Slums von Smoketown, der vor fünf­und­zwanzig Jahren seinen Wider­sacher Gant Brode­rick nach­haltig in die Flucht schlug. Ob­wohl Logan sich auf die Schlag-, Schlitz- und Stechkraft seiner Jungs aus der Hart­nett-Fancy-Gang verlas­sen kann, gibt es in sol­chen Kreisen nie­mals Si­cher­heit. Jetzt droht Gant Brode­rick zurück­zukehren, um Logan, in­zwischen fünf­zig, also ziem­lich alt fürs Me­tier, zu stürzen. Natürlich er­weitert eine Frau die Männer­feindschaft zum Drei­ecksspiel: Im­maculata (»Macu«) ist Logans Ehe­gattin und Gants ehe­malige Ge­liebte. Und na­türlich tummeln sich im Dunkel der Stadt Bo­hane noch wei­tere düs­tere Ge­stal­ten, die mit­mischen möch­ten bei der Frage, wer hier in der Zukunft das Sagen hat.

Mit diesem Konzept ge­stal­tet Kevin Barry ein Opus, in dem er unverein­bare Genres munter ver­quirlt – Wes­tern, Trash, Ma­fia-Epos, Ko­mödie, Satire, Dys­topie, Mär­chen und klassi­sche Helden­sage. Ganz zu die­ser Show passend sind die Figuren als Ty­pen angelegt – und kein Kli­schee wird aus­gelassen. Ge­bannt und schmunzelnd weiterlesend, tanzt man stän­dig auf Messers Schneide: Pa­thos oder Paro­die?

Am kreativs­ten springt der Au­tor mit der Gat­tung der Dys­to­pie um. Deren eigent­lich politi­scher Kern – der Entwurf ei­ner ab­schreckenden zukünfti­gen Ge­sell­schaft, um vor den Fol­gen von Missständen unserer Ge­gen­wart zu warnen – interessiert ihn, wie der Plot nahe­legt, weni­ger. Im (höchst auf­schlussrei­chen) Nach­wort erfahren wir, dass Barry zwar »eine massiv ge­störte Stadt … mit all ihren La­gen und Schichten, von ganz oben bis ganz unten« ins Leben ru­fen wollte, aber am Her­zen lag ihm wohl haupt­säch­lich der Effekt ihrer kuriosen Ausstattung, denn er wollte eine »Retro-Zu­kunft« er­schaf­fen. Deshalb gibt es in seiner Welt des Jahres 2053 keine Han­dys, keine Computer, kein Fernse­hen, keine Autos, und die Gangster haben keine Schuss­waf­fen, um ihren Anliegen Nach­druck zu verlei­hen, sondern Schläch­termes­ser. Um von A nach B zu ge­langen, springt man in den »El-Train«, eine kreischende alte Tram- oder Hoch­bahn. Nach­richten er­fährt man durch die ta­ges­aktuelle Bericht­er­stat­tung im »Bohane Vor­kämp­fer«, der einzi­gen Zei­tung, erhältlich am Kiosk. Die Rundfunk­anstalt »Freies Ra­dio Bohane« strahlt schon morgens melancholi­sche klassi­sche Musik aus, die man mit jedem Transis­tor­radio gut empfangen kann. Man fin­det in Platten­läden aber auch noch uralte »78er Ca­lypso-Schei­ben«. In sei­ner Freizeit liest der junge Nach­wuchs­gangster gerne Mo­dejournale. Geheizt wird in Bohane übrigens mit Torf, das in den irischen Mooren ge­sto­chen wird.

Was »City of Bohane« Kevin Barry: »City of Bohane« bei Amazon zum wahren Knaller macht, ist seine fulmi­nante sprachli­che Gestaltung, ein atembe­rau­bendes ästheti­sches Feuer­werk, das sei­nes­gleichen sucht. So ein übermütiges, pralles Er­zählen in wil­den Ver­gleichen, fu­rio­sen Meta­phern, sub­jektlos hin­geworfenen Sät­zen, ga­loppie­renden Reihun­gen, so ein inno­vatives Ge­spinst aus irischen Dialekten, alt­modischen Flos­keln, derben Dreis­tigkei­ten, poeti­schen Mi­niaturen, ver­schluckten Sil­ben, kin­der­sprachlichen Doppelungen, dem spaßi­gen Spiel mit Klän­gen und Bedeu­tungen hat man lange nicht gele­sen.

Das Idiom, das die Figu­ren in den Dialogen kultivieren, ist nicht un­ähnlich stili­siert, aber nicht so kon­se­quent durchkon­struiert und kein Ideolo­gieträger wie Nadsat, die Kunstspra­che der Ju­gendlichen in »A Clock­work Orange«. Es teilt aber – neben intelli­gentem Un­ter­halten – zwei andere Funktio­nen mit Nadsat: Es schafft Dis­tanz zur dystopi­schen Zivilisa­tion und erspart dem Roman das rasche Altern, das unvermeid­bar wäre, hätte der Autor ein­fach den ge­rade aktuel­len Slang eingesetzt.

Wie bei »A Clockwork Orange« stellt sich freilich das Problem, wie man so ein sprachliches Kuddelmud­del aus Neologis­men, nie da­ge­wesenen Kollo­katio­nen, stilisti­schen Eska­pa­den und subtilen Zwi­schentönen in eine Fremd­spra­che übertra­gen soll. Damit musste sich der großar­tige Über­set­zer Bernhard Robben her­um­schlagen. Er hat zwar schon Philip Roth, Sal­man Rushdie, Vi­kas Swarup und andere ge­meistert, aber bei Ke­vin Barry hat er sich selbst übertroffen. In seinen »Nach­be­mer­kun­gen des Über­set­zers« erläutert er, wel­che Schwierig­keiten er über­winden musste, und begründet, welche Wege er gewählt hat.

Dieser Ro­man, so ver­rät sein selbstbe­wusster Autor im pro­gramma­tischen Teil des Nach­worts, sei »für all jene ge­schrieben, die ein Buch auf­schlagen und eine grellbunte, vergnügte Zeit verbrin­gen wol­len, dabei ist der Stil durchaus an­spruchs­voll«. Um die genialen Leistungen des Schrift­stellers und seines nicht minder heraus­ragen­den Über­set­zers zu wür­digen und Ihnen etwas vom un­ge­wöhnlichen ›Lesegefühl‹ dieses Bu­ches zu ver­mitteln, habe ich hier ein paar Perso­nenbe­schreibungen in Über­set­zung und Origi­nal zusammen­ge­stellt. (Klicken Sie auf die Links, um die englischen Originaltexte ein-/auszublenden.)

1. Logan Hartnett:
Albino nannten ihn die einen, andere nur Bino, den Langen Lu­latsch oder schlicht Mr Aitsch, ihn, den Boss der Hart­nett Fancy.
Er kehrte den Docks den Rücken, wandte sich der Back Trace zu, der be­rüchtigten Bo­hane Trace, ei­nem echt üblen Labyrinth, ei­nem un­durch­dringlichen Gas­senge­wirr. Er hatte diesen ge­wissen Back-Trace-Flair: ein flotter Pfau in fe­schem Crom­bie und blass­grauer Mafioso­kluft aus Mo­hair, der Mantel lässig über die Schulter gewor­fen. Eine Gu­sche mit Beißern wie geschän­dete Grab­steine, aber was soll’s, wir tragen alle unser Kreuz. Ein Paar hand­gemachte portugie­si­sche Stiefel schlappte übers Pflas­ter und tönte mit Nach­druck von Zaster.
Hart er­kämpfter Reichtum – hach, was man sich in Bohane doch für Ge­schichten über Logan Hartnett er­zählte.
Wie Stoß­seuf­zer öff­neten sich in der Trace un­versehens kleine, klamme Plätze, die Lo­gan querte. Tief in ihrem In­nern lun­ger­ten zu die­ser frühen Mor­genstunde selt­same Vö­gel. Sie senkten den Blick, wenn er vorüber­ging, stier­ten auf ihre Ze­hen oder die braun vertü­tete Vino­buddel – wenn irgend möglich mied man, den Lan­gen an­zusehen. Schon selt­sam, wir hatten Schiss vor ihm, bil­de­ten uns aber auch was auf ihn ein. Er machte eine gute Figur, wie man bei uns in Bo­hane sagt; elegant und ker­zenge­rade, sah weder links noch rechts, nur ge­ra­de­aus, die Schultern stock­steif wie ein Ge­neral. So fla­nierte er ins ara­bische Gewirr von Gasse und Gosse, und durch die Sei­tenstraßen der Trace hörte man es Schlappen und Knarren, Schlappen und Knar­ren, portu­giesi­sches Leder auf zwie­lichti­gem Stein.
Tja, Logan war in sei­nem Ele­ment, wie er sich da sei­nen Weg durch den städti­schen Irrgarten suchte. Er fürchtete keine Schat­ten, kannte die Gegend aus dem Eff­eff, kannte den kleinsten Winkel und das letzte Loch. English
Albino, some cal­led him, others knew him as the Long Fella: he ran the Hartnett Fancy.
He cut off from the dockside and walked on into the Back Trace, the in­fa­mous Bo­hane Trace, a most evil la­by­rinth, an un­knowable web of streets. He had that Back Trace look to him: a dapper buck in a natty-boy Crombie, the Crombie draped all casu­al-like over the shoulders of a pale grey Eyetie suit, mohair. Mouth of teeth on him like a vanda­lised grave­yard but we all have our crosses. It was a pair of hand-stitch­ed Portu­guese boots that slapped his foot­fall, and the stress that fell, the emphasis, was money.
Hard-got the riches – oh the sto­ries that we told out in Bo­hane about Lo­gan Hartnett.
Dank little squares of the Trace opened out suddenly, like gasps, and Logan passed through. All sorts of quare­hawks lingered Trace-deep in the small hours. They looked down as he pass­ed, they ex­amined their toes and their sacks of tawny wine – you wouldn’t make eye contact with the Long Fella if you could help it. Strange, but we had a fear of him and a pride in him, both. He had a fine hold of himself, as we say in Bohane. He was graceful and erect and he looked neither left nor right but straight out ahead al­ways, with the shoul­ders thrown back, like a ge­ne­ral. He walk­ed the Arab tangle of alley­ways and wynds that make up the Trace and there was the slap, the lift, the slap, the lift of Portu­guese leather on the back­street stones.
Yes and Logan was in his element as he made pro­gress through the labyrinth. He feared not the shadows, he knew the fibres of the place, he knew every last twist and lilt of it.
2. Jenni Ching, eine Ge­spielin Logans:
Jenni war gerade sieb­zehn gewor­den, für ihre Jahre aber ganz plietsch. Auf der Hut, das war sie auch, und ein scharfes kleines Lu­der mit Arsch­hänger­hose, Keilab­sät­zen und ihrem zum Spring­brun­nen hoch­ge­turbanten Streifenhaar. Sie fischte einen Zi­gar­renstumpen aus der Tit­ten­tasche ihres weißen Vinyl­hoodies, steckte ihn an.
»Auffer annern Seite der Brücke ist die Kacke am Dampfen, Mr Aitsch.«
»Weiß ich doch.«
»Wennse mich fragen, plustern sich die Cu­sacks aus Rache grad richtig in Rage, okay? Und das Letzte, was Smoke­town brauch, issn Haufen dieser Loser, die von ihren Hoch­blocks zu uns run­terbullern.«
»Bislang haben die Cu­sacks im­mer viel von einem guten Pow-Wow ge­halten, Jenni.«
»Is nichs Pow-Wow, vor was ich Schiss hab, Mr Aitsch. Heißt, in letzter Zeit hätten sie vonnen Blocks drei Wohnsilos allein für sich untern Nagel ge­ris­sen, und das sind drei Hütten voll Wichser, die scharf auf Trouble sind, checkste?«
»Nur zu gut, Jenni.« English
Jenni was seven­teen but wise beyond it. Care­ful, she was, and a saucy little ticket in her low­riders and wedge heels, her streak­ed hair pine­appled in a high bun. She took the butt of a sto­gie from the tit pocket of her white vinyl zip­up, and lit it.
»Get enough on me fuckin’ plate now ’cross the footbridge, Mr H.«
»I know that.«
»Cusacks gonna sulk up a welt o’vengeance by ’n’ by and if yer askin’ me, like? A rake o’ them tossers bullin’ down off the Rises is the las’ thing Smoke­town need.«
»Cusacks are always great for the old talk, Jenni.«
»More’n talk’s what I gots a fear on, H. ls said they gots three flat­blocks marked Cu­sack ’bove on the Rises this las’ while an’ that’s three flatblocks fulla head­jobs with a grá on ’em for rowin’, y’check me?«
»All too well, Jenni.«
3. Auf der De Valera Street, Bo­hanes Haupt­straße, drängt sich alles, was gesehen werden will:
Tja, und hier kamen sie, all die dick­armigen Frauen und all die breit­ärschigen Typen. Hier kamen die trief­äugigen Pola­cken ... die fe­schen Afrikane­rin­nen und die lang aufge­schos­senen Holz­köpfe, unsere torf­gezeugten Polypen ... die ange­schwemm­ten Gitanos plus den gestran­deten Mada­gassen ... English
Yes and here they came, all the big-armed women and all the low-sized butty fellas. Here came the sullen Polacks ... the natty Afri­cans and the big lunks of bog-spawn polis ... the pikey blow-ins and the washed-up Ma­daga­scars ...

War dieser Artikel hilfreich für Sie?

Ja Nein

Hinweis zum Datenschutz:
Um Verfälschungen durch Mehrfach-Klicks und automatische Webcrawler zu verhindern, wird Ihr Klick nicht sofort berücksichtigt, sondern erst nach Freischaltung. Zu diesem Zweck speichern wir Ihre IP und Ihr Votum unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Ja« oder »Nein« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.

Schenken Sie uns ein Like!

»Dunkle Stadt Bohane« von Kevin Barry
erhalten Sie im örtlichen Buchhandel
oder bei Amazon


Kommentare

Klicken Sie hier, um Ihren Kommentar hinzuzufügen.

Zu »Dunkle Stadt Bohane« von Kevin Barry wurden 1 Kommentare verfasst:

Kathrin Harder-Klammer schrieb am 15.08.2018:

Tolles Buch. Bin durch Zufall darüber gestolpert und habe es nun schon mehrfach gelesen, was ich fast bei keinem Buch sonst mache. Was so besonders ist, ist die Sprache der Protagonisten, der ganz spezifische Slang, der Anfangs nicht ganz eingängig und dann immer einfacher zu lesen und verstehen ist, so ala ob man dazu gehören würde, die Stimmung, die die Geschichte entwickelt und der Plot, der sehr gut erzählt wird. Bitte lesen, sehr empfehlenswert!

Schreiben Sie hier Ihren Kommentar:
Ihre E-Mail wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Ihre Homepage wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Hinweis zum Datenschutz:
Um Missbrauch (Spam, Hetze etc.) zu verhindern, speichern wir Ihre IP und Ihre obigen Eingaben, sobald Sie sie absenden. Sie erhalten dann umgehend eine E-Mail mit einem Freischaltlink, mit dem Sie Ihren Kommentar veröffentlichen.
Die Speicherung Ihrer Daten geschieht unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Senden« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.


Go to Top