Rezension zu »Traumsammler« von Khaled Hosseini

Traumsammler

von


Belletristik · Fischer · · Gebunden · 448 S. · ISBN 9783100329103
Sprache: de · Herkunft: us

Die Gnade des Vergessens

Rezension vom 02.11.2013 · 25 x als hilfreich bewertet mit 3 Kommentaren

Im Winter 2010 erinnert sich Pari an ein liebgewonnenes Ritual ihrer Kindheit. Ihr Vater Abdullah sitzt an ihrem Bett, deckt sie gut zu. Er streicht mit den Fin­gern über ihre Schläfen, sucht »geduldig hinter meinen Ohren und am Hinter­kopf«, zupft »mit Daumen und Zeigefinger« – und plopp, da hat er wieder einen Alb­traum eingesammelt. Einen nach dem anderen lässt er in dem »unsichtbaren, auf seinem Schoß liegenden Sack« auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Dann schweift sein Blick durch den Raum, »als würde er ferner Musik lauschen«. Mit Spannung wartet Pari, bis er findet, was er sucht. »Wie ein Blütenblatt, das langsam von einem Baum segelt«, landet ein Ersatztraum für sie auf Vaters Händen, was seinem Gesicht ein zartes Lächeln entlockt. »Ganz behutsam« – denn »alles Schöne im Leben sei zerbrechlich und gehe leicht verloren« – reibt Vater seine Handflächen über Paris Augenbrauen, »damit das Glück in meinen Kopf gelangte«. Erst gegen Ende des Buches finden wir diese poetische Erklärung des deutschen Titels von Khaled Hosseinis Roman »And the Mountains Echoed«Khaled Hosseini: »And the Mountains Echoed« bei Amazon, den Henning Ahrens übersetzt hat.

Es sind keine Märchen aus tausendundeiner Nacht, die der in Kabul (Afghanistan) geborene Autor hier er­zählt. Die meisten Träume, die er eingesammelt hat, sind Albträume. Im Mittelpunkt fast aller Episoden stehen Menschen, die vom Schicksal hart getroffen wurden, denen Beängstigendes widerfuhr, die eine Schuld tragen, schwer krank sind, ihre Lebensziele nicht verfolgen können, ewig Suchende, die aufgeben, sich ergeben oder zugrunde gehen können.

Abdullah, den Traumsammler, lernen wir gleich am Anfang des Romans kennen. Im Herbst 1952 lebt der Achtjährige mit Schwester Pari (4), Stiefbruder Iqbal (1), Stiefmutter Parwana (31) und Vater Saboor in einer strohgedeckten Hütte im Dorf Shadbagh, zwei Tagesmärsche von Kabul entfernt. Der Ertrag der kar­gen Felder reicht kaum aus, die kleine Familie zu ernähren. Parwanas Bruder Nabi hat es besser angetrof­fen. Er dient als Chauffeur dem reichen Kabuler Ehepaar Wahdati, was es ihm sogar erlaubt, die Familie seiner Schwester zu unterstützen.

Einmal im Monat fährt er im noblen blauen Chevrolet vor. Dieses Mal bringt er gute Neuigkeiten: Die Wah­datis suchen jemanden, der ihr Gästehaus um ein Badezimmer erweitert. So erhält Saboor auf Onkel Nabis Empfehlung hin gut bezahlte Arbeit für einen Monat zugesprochen. Während Abdullah sich zu Hause um Parwana und Iqbal kümmern soll, will der Vater Pari mitnehmen. Freilich würde Abdullah seine Schwester niemals allein lassen, wo er sie doch, nachdem ihre Mutter bei der Geburt gestorben war, liebe­voll groß­ge­zogen hat. Wie sie nun auf dem Karren, den Vater zieht, sitzt und herzzerreißend »Abollah!« schreit, kön­nen weder Vaters Steinwürfe, wie gegen einen räudigen Hund, noch eine Ohrfeige den Bruder davon ab­halten, ihr zu folgen.

Schon immer hatte Vater seinen Kindern vorm Schlafengehen gern Geschichten vorgetragen, und das tat er auch, ehe sich die kleine Truppe nach Kabul aufmachte. Er erzählte ihnen von dem Dämon, der in einem Dorf ein Kind einfordert; gibt man ihm nicht freiwillig eines, werde er alle Kinder fortschaffen. Er wählt den Sohn des armen Bauern Ayub aus. Doch der hat nichts mehr zu verlieren und nimmt die Verfolgung auf, um sein Kind zu befreien. Bevor es zum tödlichen Zweikampf kommt, lässt der Dämon Ayub ins Innere seiner Burganlage schauen, wo alle entführten Kinder glücklich in einem wun­derschönen Garten Eden herumtollen. Der Bauer muss eine schwere Entscheidung treffen: Er darf seinen Sohn mitnehmen, aber nie mehr zurückkehren. Schweren Herzens lässt der Bauer den Sohn zurück, wo es ihm an nichts fehlt. Als Erwachsener, so hat der Dämon versprochen, wird er frei sein und in die Welt hin­austragen, was man ihm an Wissen, Weisheit und Wohltaten angedeihen ließ.

Zum Abschied schenkt der Dämon Ayub einen Zaubertrank, der ihn alles, was er gesehen und erlebt hat, ja sogar seinen Sohn vergessen lässt. Dieser »Akt der Gnade« ist im realen Leben niemandem vergönnt, auch Abdullah nicht, der sich schon sehr bald nach einem »tiefen Schluck jenes Trankes« sehnt, seine kleine Schwester aber nie vergessen kann.

Vater Saboor kehrt als Schatten seiner selbst in sein Dorf zurück – versunken in schweigendes Grübeln, sein Körper geschrumpft. Ihn drückt eine quälende Schuld: Er hat Pari an die kinderlosen Wahdatis ver­kauft. »Ein Finger abgeschnitten, um die Hand zu retten«: Nun hat die verbliebene Familie genug Geld, um über die harten Zeiten vorerst hinwegzukommen.

Das Ehepaar Wahdati zieht Pari auf wie ein eigenes Kind. Schon bald hat sie keine Erinnerung mehr an ihre ersten Lebensjahre in Shadbagh.

1955 bricht nicht nur der Krieg über Kabul herein, sondern Herr Wahdati wird nach einem Herzinfarkt zu einem schweren Pflegefall. Während Chauffeur Nabi ihn rund um die Uhr versorgt, zieht die extrovertierte Ehefrau Nila mit der Tochter nach Paris. Das Aufsehen, das sie mit erotischen Gedichten erregt, ihr locke­rer Lebenswandel, ihre Depressionen, die sie in Alkohol ertränkt, tragen dazu bei, dass Pari und ihre Mut­ter einander immer fremder werden. Pari versteht nicht, was Nila meint, wenn sie so gehässige Dinge aus­spricht wie »wenn ich dich so anschaue, erkenne ich mich in dir nicht wieder … Ich weiß nicht, was für ein Mensch du bist … oder wozu du aufgrund deiner Herkunft imstande bist.«

Als Nila 1974 Selbstmord begeht, nimmt sie vieles mit in den Tod, auch, dass sie nicht Paris Mutter ist. So bleibt Pari manches für immer verborgen; anderes erfährt sie erst viel später, und einiges erschließt sich ihr schon bald aus einem Zeitungsinterview, bei dem Mutter kurz vor ihrem Tod frei aus ihrem Leben plau­derte. Pari kann es kaum glauben: Ihr geliebter Vater soll eine Affinität zu Männern gehabt haben …

Entscheidende Klarheit bringt Pari erst das Jahr 2010. Ein Anruf aus Kabul informiert sie, dass ihr Vater, Herr Wahdati, zehn Jahre zuvor gestorben sei und sein ganzes Hab und Gut seinem treuen Diener Nabi vermacht habe. Kürzlich sei auch der verstorben und hinterlasse das Erbe seiner Nichte. Da kehrt langsam Paris Erinnerung zurück; die Gestalt Nabis erwächst vor ihrem inneren Auge. Gleichzeitig verspürt sie eine seltsam drückende Leere, die sich in ihrem Leben schon oft bemerkbar gemacht hat, ohne dass sie sich das Gefühl erklären konnte. Jetzt weiß sie, sie hat »jemanden schrecklich vermisst. Jemanden, den sie von Ge­burt an kannte. ›Bruder‹«.

Abdullah lebt inzwischen in Kalifornien. Er hat eine Tochter, der er den Namen Pari gab. Auf welch ver­schlun­genen Pfaden seine Schwester ihn nun nach fast sechzig Jahren aufspürt, ist eine weitere der vielen Geschichten, die uns Khaled Hosseini noch zu erzählen hat.

Kurz vor dem Ende des Romans rührt uns eine Szene zu Tränen und ist doch fernab von jeglicher Senti­mentalität, jedem Pathos, jedem Kitsch. An einem Tag, der einen Wendepunkt in seinem Leben bringt, schreibt Abdullah seiner Schwester einen Brief und packt etwas hinein, das er wie eine Reliquie gehütet hatte. »Ich bete darum, dass Du es finden wirst, Schwester, damit Du weißt, wen ich im Herzen trug, als ich unterging.« Pari erhält das Geschenk, doch mit dem Gegenstand darin kann sie nichts anfangen: »Ich hatte den Luxus, vergessen zu können. Er nicht.«

Glauben Sie nicht, Sie kennten jetzt bereits den Inhalt dieses Buches. Nein, ich habe Ihnen nur einen win­zigen Einblick in die Haupthandlung gegeben. Khaled Hosseinis »Traumsammler« ist ein unglaublich breit angelegtes Epos mit reichlich Lesefutter. Die unendlich vielen Handlungsfäden – dicke und dünne, bunte und blasse, faszinierende und fade, beschleunigende und bremsende – sind bisweilen arg verdröselt, denn der Autor verwebt sie weder logisch noch chronologisch geordnet. Mit den vielen Figuren wechseln oben­drein die Perspektiven, die Jahrzehnte, die Handlungsorte auf drei Kontinenten. Die zentrale Geschwister­geschichte fesselt und treibt uns voran, während wir von Schnörkel zu Schnörkel hüpfen, ohne immer zu wissen, wozu und wohin. Doch das Gesamtkonzept ist stimmig. Alle Personen sind nahe und ferne Ver­wandte, Freunde und deren Freunde und haben einen Bezug zur Ursprungsgeschichte im Dorf Shadbagh.

Auch wenn des Autors Fabuliergabe für zauberhafte Passagen mit dichter orientalischer Atmosphäre sorgt, empfand ich doch manche Seitenstränge als aufgeblasen und überflüssig. Beispiel: Dr. Markos Varvaris hat im Plot um die Geschwister nur die Funktion, Pari über die Erbschaft zu informieren. Müssen wir dazu auch erfahren, warum er plastische Chirurgie studiert und sich mit dem Einmarsch der Amerikaner einer Hilfs­orga­nisation an­ge­schlos­sen hat? Dazu gehört die Horrorgeschichte eines jungen Mädchens, das von einem Hund ins Ge­sicht gebissen wird und dann aus Scham eine Maske trägt. Die Mutter dieses Kindes ist Schauspielerin. Sie unterhält diverse Beziehungen … usw. usw.

Dagegen bleiben Politik und die grausamen Kriege, die Afghanistan seit Jahrzehnten zerfurchen, über­raschend blass. Es waren »kleine und große, gerechte und ungerechtfertigte«, erfahren wir, mit »wech­seln­der Besetzung angeblicher Helden und Schurken … mit jedem neuen Helden wuchs die nostalgi­sche Sehn­sucht nach dem jeweils alten Schurken«. In den Achtziger Jahren beginnt »die Zeit des Exodus« der Landbevölkerung. Auch Abdullah verbringt mit Stiefmutter und Stiefbruder viele Jahre in pakistani­schen Auf­fang­lagern. Während die Familie durch die Welt treibt, wird im Heimatdorf Shadbagh das Un­terste zuoberst gekehrt. Ein bekannter Kriegsverbrecher und Dschihad-Kämpfer errichtet auf Saboors Grund eine mit Mauern und Stacheldraht bewehrte Protzvilla. Ob Iqbal, der nach Hause zurückkehrt, seine Ansprüche geltend machen kann?

Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Winter 2013/14 aufgenommen.


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Kommentare

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Zu »Traumsammler« von Khaled Hosseini wurden 3 Kommentare verfasst:

Bitte um Aufklrung schrieb am 21.11.2014:

Aber was hatten die entstellte thalia und der Grieche sowie der Arzt etc damit zutun. Ich bin in das Buch irgendwie nicht reingekommen, dabei habe ich seine anderen Bcher verschlungen :/

Karin Lmmle schrieb am 18.01.2015:

Zu viele Personen. Gut 8 Personen htte der Autor weglassen knnen, weil sie weder die Handlung noch das Verstndnis vorantreiben. Lieber htte er mehr Zeit und Sorgfalt auf die Biographie der Pari verwenden sollen. Diese wirkt sehr "hingerotzt". Schlielich ist sie ja eine Schlsselfigur.

christoph schlemmer schrieb am 18.10.2015:

hab groe schwierigkeiten, den roten faden der geschichte zu verfolgen. der beginn mit dem mrchen / der faszinierenden geschichte hatte mich neugierig gemacht, hab es aber zunehmend nur noch berflogen und schlielich weg gelegt. die angegebenen jahreszahlen und die verschiednen handlungsorte waren mehr verwirrend als mit der politischen situation zu verknpfend hilfreich.

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