Rezension zu »Das Mädchen mit dem Drachen« von Laetitia Colombani

Das Mädchen mit dem Drachen

von


Eine Französin setzt alles daran, das gesellschaftlich vorherbestimmte Schicksal indischer Mädchen aus der untersten Kaste zu lindern.
Belletristik · Fischer · · 269 S. · ISBN 9783103974904
Sprache: de · Herkunft: fr

Eine Flucht

Rezension vom 11.05.2022 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Léna, seit zwanzig Jahren Lehrerin, droht jeden Halt, jede Orientie­rung, jede Hoffnung zu verlieren. Ganz uner­wartet hat sie ihren Lebens­partner François verloren, und mit seinem tragi­schen Tod scheinen alle Perspek­tiven für ihr Leben wegge­brochen. Nicht einmal Selbstmord­gedanken können sie schrecken. Immerhin schafft sie es, eine Fernreise ins Auge zu fassen, die sie schon mit François angedacht hatte, und sie ergreift die Chance, eine Flucht in eine andere Welt anzu­treten.

Doch vor Ort, am Golf von Bengalen, erwartet sie keine Erleich­terung. Das drückende Klima, das Chaos auf den Straßen, der modrige Geruch aus abbruch­reifen Verkaufs­buden, die aufdring­lichen Bettler, das Gedränge der Touristen an den bedeu­tenden Tempel­anlagen – all dies macht ihr zu schaffen, so dass sie sich lieber in ihrem Zimmer mit Meerblick einigelt. Erst in der Dämmerung zieht es sie hinaus. An dem Strand, wo nur ein paar Fischer ihre Netze ausbes­sern, wagt sie ein Bad zu nehmen, weit hinaus­zu­schwim­men, und kann dabei den Wunsch kaum abschüt­teln, mit letzter Kraft ihre Grenzen zu über­schreiten, »mit den Elementen zu ver­schmelzen« und lautlos zu ver­schwin­den.

Tatsächlich zieht sie eines Abends eine unerwar­tete Flutwelle mit Macht davon aufs offene Meer. Bevor die Strömung die Ober­hand gewinnt und sie in der Tiefe zu versinken droht, erkennt sie »die Silhou­ette eines Drachens«, am Himmel schwebend.

Später kommt Léna wieder zu sich und findet sich am Ufer. Zwei dunkle Augen starren sie an, durch­dringend, als wollten sie sie zum Leben erwecken. Sie gehören einem zierli­chen kleinen Mädchen, das Léna schon des öfteren für kurze Zeit am menschen­leeren Strand aufge­fallen war. Seine Hände halten eine Schnur, an deren Ende ein aus Flicken zusammen­geschus­terter Drachen in den Himmel aufsteigt. Nicht nur ihr verdankt Léna ihr Leben, sondern auch einer Mädchen­gruppe, die gerade am Strand trai­nierte, als das Kind sie um Hilfe bat. Nun möchte sich Léna erkennt­lich zeigen, doch die schwarz-rot gewandete Truppe lehnt Almosen ab, schon gleich von leicht­sinnigen Touristen. Die Französin könne ja das Drachen­mädchen unter­stützen, das sie gefunden hat.

Die uniformierten jungen Frauen sind Aktivis­tinnen, die sich verbündet haben, um gegen Recht­losig­keit, Unter­drückung und Misshand­lung von Frauen und Kindern zu kämpfen. Sie nennen sich »Rote Brigade« und treffen sich täglich am Strand, um unter Anleitung von Preeti, der domi­nanten Anfüh­rerin, ein Kampf­trainings­programm zu absol­vieren.

Wogegen sie sich zur Wehr setzen, ist das religiös begrün­dete, über­mächtige System der hierarchi­schen Auftei­lung in starre Kasten, das die hinduis­tische Gesell­schaft Indiens seit weit über zwei Jahr­tausen­den be­herrscht und lähmt. Wer in die unterste Kaste – die der Dalit (»Unberühr­bare«) – hinein­geboren wird, ist allein aus diesem Schicksal heraus zu einem Leben in Schmutz, Elend, Verach­tung, Unwissen­heit, Unfrei­heit und Bevor­mundung verdammt, aus dem Ausbruch oder Aufstieg noch heute geradezu undenkbar scheinen. Eine abson­derliche Philo­sophie begründet das Urteil für Millionen: Die Dalit seien eine »unreine« Gesell­schafts­gruppe. Alles, was sie berühren, verdorrt angeblich. Die Konse­quenzen im Alltag sind drastisch. Ange­hörige der »reinen« Kasten dürfen sie nicht berühren, nicht einmal ihren Schatten. Da selbst ihre Fußab­drücke schmutzig sind, müssen sie mit einem Besen in der Hand rückwärts laufen und sie wegkehren.

Mädchen und Frauen sind besonders hart betroffen. Natürlich darf man auch sie nicht berühren, aber eine Verge­walti­gung bleibt para­doxer­weise straflos. Mädchen dienen in ihrer Familie als Arbeits­kraft, bis sie zwangs­verhei­ratet werden. Dann sind sie ihrem Mann bis zu ihrem Tod untertan. Wider­setzen sie sich seinem Willen, drohen ihnen Prügel, Verge­walti­gung, Abweisung in die Prosti­tution, Säure­attacken, Verbren­nung bei leben­digem Leib.

Diese Gesellschaftsordnung findet bis heute breite Zustim­mung im Lande. Seit den Fünf­ziger­jahren ist das Kasten­system offiziell abge­schafft, es wurden Quoten einge­führt, um der untersten Kaste Aufstiegs­chancen zu garan­tieren, doch die Rege­lungen stießen auf teilweise gewalt­samen Wider­stand.

Für eine Verbesserung der Umstände sieht Léna einen Schlüssel bei der Bildung. Schul­besuch, so ist die gängige Meinung, sei für die Unberühr­baren »zu nichts nütze«. Hier setzt Lénas Plan an. Sie möchte eine Schule gründen, um wenigen Mädchen Rechnen, Lesen und ein Grund­wissen zu vermit­teln und sie für ein paar Stunden aus ihrer täglichen Drangsal zu befreien. Das Projekt ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, und doch sind hohe Hürden zu über­winden, die Lénas Kräfte zu über­fordern drohen.

Lénas erste Schülerin soll das kleine Mädchen mit dem Drachen werden. Sie war mit ihrer Mutter, einer Latrinen­reinige­rin, aus dem Heimat­dorf geflohen. Dann starb die Mutter, und seither spricht das Mädchen nicht mehr. Jetzt lebt sie bei Ver­wandten, die ein kleines Restau­rant führen, und muss dort jede Drecks­arbeit über­nehmen. Doch der Onkel will seine billige Hilfs­kraft nicht hergeben, schon gleich nicht ihrer Bildung wegen: »Girl. No school.«

Mit klugen Ratschlägen von Preeti kommt Léna voran. Wenn sie den Erwach­senen Reissäcke, Mittags­verkösti­gung ihres Nach­wuchses oder ähnliche Gaben und Ver­sprechen anbietet, sind sie bereit, ihre Kinder für eine Weile freizu­geben. Bald kann Léna in der Werkhalle der »Roten Brigade« eine kleine Klasse unter­richten.

Originalausgabe:
»Le cerf-volant«
Übersetzung: Claudia Marquardt

Natürlich hoffen wir beim Lesen, dass Léna das Unmög­liche schaffen werde. Darin bestärkt uns auch die Erzähl­weise der Autorin (bisherige Best­seller: »Der Zopf«, »Das Haus der Frauen« [› Rezension]). Wenn sie ihre anrüh­rende Handlung erzählt, bleibt ihr Stil leicht, geradezu unterhalt­sam ange­sichts der brutalen sozialen Bedin­gungen, unter denen sich ihre Figuren ihr Leben erkämpfen müssen, und ihre Empathie für sie ist deutlich spürbar. Laetitia Colombani versteckt nicht das Elend, die Notstände, all die Grau­sam­keiten und die Härte vieler Menschen. Sie kontras­tiert dies mit dem Bild des pitto­resken, turbu­lenten Landes der Tempel, Paläste und Luxus­resorts, das die Hochglanz-Reise­broschü­ren zeigen, und entzau­bert den Touris­mus als »zwei­köpfiges Unge­heuer«. Ihre Schilde­rungen lassen keinen Zweifel daran, wie starr die Gesell­schafts­struktu­ren sind. Tradition, Kultur, Religion, Familien­status und Geschlecht definie­ren das Schicksal von Millionen, und keine Bevölke­rungs­gruppe mit Einfluss hat Interesse an Verände­rung. So ist sowohl die Lethargie der ohnmäch­tigen Benach­teiligten als auch die Radikali­sierung der Aktivis­tinnen nach­vollzieh­bar, und ich verrate nichts Unerwar­tetes: Auch eine ambitio­nierte franzö­sische Lehrerin stößt an Grenzen.


Weitere Artikel zu Büchern von Laetitia Colombani bei Bücher Rezensionen:

Rezension zu »Das Haus der Frauen«

go

War dieser Artikel hilfreich für Sie?

Ja Nein

Hinweis zum Datenschutz:
Um Verfälschungen durch Mehrfach-Klicks und automatische Webcrawler zu verhindern, wird Ihr Klick nicht sofort berücksichtigt, sondern erst nach Freischaltung. Zu diesem Zweck speichern wir Ihre IP und Ihr Votum unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Ja« oder »Nein« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.

»Das Mädchen mit dem Drachen« von Laetitia Colombani
erhalten Sie im örtlichen Buchhandel
oder bei Amazon als
Gebundene Ausgabe E-Book Hörbuch CD


Kommentare

Zu »Das Mädchen mit dem Drachen« von Laetitia Colombani wurde noch kein Kommentar verfasst.

Schreiben Sie hier den ersten Kommentar:
Ihre E-Mail wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Ihre Homepage wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Hinweis zum Datenschutz:
Um Missbrauch (Spam, Hetze etc.) zu verhindern, speichern wir Ihre IP und Ihre obigen Eingaben, sobald Sie sie absenden. Sie erhalten dann umgehend eine E-Mail mit einem Freischaltlink, mit dem Sie Ihren Kommentar veröffentlichen.
Die Speicherung Ihrer Daten geschieht unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Senden« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.


Go to Top