Rezension zu »Müll« von Wolf Haas

Müll

von


Simon Brenner, Ex-Polizist, Ex-Detektiv und anderes, jetzt Müllmann, findet ein Knie im falschen Recycling-Container. Das gibt Anlass zu amüsantem, skurrilen und makabrem Schmäh.
Kriminalroman · Hoffmann und Campe · · 288 S. · ISBN 9783455014303
Sprache: de · Herkunft: de

Wohin mit dem Knie?

Rezension vom 16.05.2022 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Die Vielfalt der Tätigkeiten, an denen sich Simon Brenner über die Jahre versucht hat, ist eindrucks­voll. Ange­fangen hat er bei der Kripo, suchte dann als Privat­detektiv eine eigen­ständi­gere Arbeit, bis er, um Mord und Totschlag zu entkommen, als Rettungs­sanitä­ter anfing. Eine Fehl­einschät­zung, denn das Böse ist immer und überall. Eine Zeitlang ermit­telte er wieder als Privat­detektiv, wurde in einer Kloster­schule von seinen Jugend­sünden eingeholt und geriet in Lebens­gefahr. Dann doch lieber Privat­chauffeur, dachte er – und wurde prompt in einen Ent­führungs­fall ver­wickelt. Jetzt hat er breitge­fächerte Lebens­erfahrun­gen, aber auch etliche Jährchen mehr auf dem Buckel und die Nase endgültig voll vom ewig Krimi­nellen.

Für seinen nächsten Fluchtversuch hat er einen Job ausge­sucht, der abseits des Main­streams und des lukra­tiven Ver­brechens liegt. Einge­hüllt in orange­farbene Schutz­kleidung hofft er, in der weniger attrak­tiven Anony­mität eines Müll­platzes abtauchen zu können. Dies ist ein straff organi­siertes Ambiente. Was auch immer herein­kommt, wird streng nach »Mist­platz­ord­nung« in numme­rierten Wannen abgelegt. Als eine Art Empfangs­chef wacht der oberste »Mistler« darüber, dass makellose Perfek­tion herrscht, denn »ohne die Wieder­verwer­tung wäre die Welt schon längst unter­gegan­gen«. Unweiger­lich würde Chaos aus­brechen, sobald etwas von dem »Zeug« in der falschen Wanne landet. Kein Wunder, dass die gesamte Truppe einen »gewissen Mist­stolz« aus­strahlt. In diesem wohlgeord­neten Alltag möchte Simon unter seinen Kollegen und überhaupt unerkannt bleiben.

Leider kommt ein Knie dazwischen. Ob mensch­lich, tierisch, links oder rechts ist belanglos, in jedem Fall erregt es Ärgernis, denn es findet sich in der falschen Wanne. Da es obendrein gewaltsam abge­trennt ist von seinem zugehö­rigen Lebewesen, interes­siert sich dafür außer den »Mistlern« auch die Polizei. Mit ihr erscheint Exkollege Alexander (genannt »Kopf«) am Schau­platz, und schon ist es vorbei mit Simons Tarnung.

Auch Brenners eh schon ungewöhn­liche private Lebens­verhält­nisse zer­bröseln. Zuletzt hatte ihn die Freundin wegen einer Katzen­lappa­lie aus der Wohnung geworfen. Mit dem limi­tierten »Mistler«-Ein­kommen hat er sich gar nicht erst auf die Suche nach einem Single-Apartment zu machen brauchen, sondern gleich eine kosten­opti­mierte Lösung gefunden. Sie erfordert nichts als Flexi­bilität. Wenn jemand »in der Arbeit … auf Urlaub … im Kranken­haus oder tot« ist, steht eine Wohnung leer, und ein »Bettgeher« wie Simon kann sie ausleihen. Man muss sie nur immer ordent­lich und sauber hinter­lassen, sonst ist man »nicht lang im Geschäft«. Wie der Brenner erleiden muss, gibt es aller­dings noch ganz andere Sachen, die dumm laufen können, und wie der weise Alexander von Humboldt konsta­tierte, hängt auch noch alles mit allem zusammen.

Versteht sich, dass nach dem Knie noch weitere Puzzle­teile auftau­chen, bis man den Original­körper beisammen hat, aber nur fast. Das Vorhan­dene reicht aus, um das Indivi­duum zu identifi­zieren und die ihm mehr oder minder freund­schaft­lich verfloch­tenen Mitmen­schen beiderlei Geschlechts zu eruieren – auch sie teils durchweg origi­nelle Gestalten aus Ur-Wiener Milieus mit authen­tischer Artiku­lations­weise. Die Ermitt­lungen wuchern von rein privaten Lieb­schafts­bezie­hungen aus bis in mafiöse Handels­aktivitä­ten und zu inter­nationa­len Kom­plikatio­nen, wie sie beim Zu­sammen­prall unter­schied­licher Rechts­systeme auftreten.

Am Ende des Leseabenteuers schwirrt einem unweiger­lich der Kopf, so viele Personen bevölkern den ziemlich zer­fransten Plot. Manche von ihnen sind Eintags­fliegen, nur ins Leben gerufen, um ihren Namen für einen Buch­staben-Gag zu nutzen. Durchaus reizvolle Neben­schau­plätze bleiben am Wegesrand zurück, ohne richtig genutzt, gefüllt, entsorgt worden zu sein. Etwas mehr schnöde Stringenz, ein Span­nungs­bogen hier und da täten gut. Selbst die Auflösung des Kriminal­falls kann dem Leser im Grunde so egal sein wie die Frage, ob das Knie ein rechtes oder linkes war. Man möchte meinen, wie sein Prota­gonist sei auch der Autor nach acht erfolg­reichen Kriminal­romanen in 26 Jahren die Ver­brechens­aufklä­rung Leid und ent­schlossen, dem Genre zu ent­fliehen.

Doch nicht unbedingt. Denn in den Büchern von Wolf Haas ist der Weg das Ziel. Worauf es den Fans ankommt, ist nicht der Thrill, sondern erst einmal der Sound einer eigen­willigen Sprache, den der Autor (mit Lin­guistik­studium) kunst- und effekt­voll mixt: Satz­frag­mente ohne Verben (bzw. vom Vorsatz durchzu­schleifen), unter­ordnende Konjunk­tionen plus Hauptsatz (»weil er ist … weiter­gefahren«), Dialek­tales (gern brachial wie »Schnee­brunzer«), leere Wort­hülsen (»Dings«, »mein lieber Schwan«) machen die Musik. Damit im Ohr hockt man in der angenehm warmen Suppe eines Whirl­pools, und von überall her sprudeln witzige, skurrile, morbide Einfälle und Formu­lierun­gen um einen herum, dazu blubbern logische Spitz­findig­keiten, Formu­lierungs­pirouet­ten und Gift­kugerln, die durch Ein­wickeln in char­mantes Österrei­chisch genießbar sind. Wo eine Blinde eine Urne als Schutz­schild in den Armen hält und drei Leuten in die Augen schaut, während ein proppen­voller Altglas­laster unauf­haltsam in einen »wunder­schönen, flaschen­grünen See« hinaus­segelt und österrei­chischer Müll hinüber nach Deutsch­land treibt, stößt die Forderung nach political correct­ness an Grenzen. Und was die sachliche Korrekt­heit betrifft, mag man das Pläsier wohl kaum damit zerrupfen, die Kausa­litäten zu verifi­zieren. Passt scho!

Leider kann sich je nach Appetit auch Übersättigung einstellen. Der Autor gießt ein Füllhorn an Witztypen, Vokabular (unend­liche Zu­sammen­setzun­gen mit »Mist-«) und Erzähl­strömen aus, bis die Redun­danzen den Genuss trüben können (»Knie in Wanne 4, da kannst du von einem Kreislauf nur träumen. Mensch­liches Knie wäre natürlich, wenn schon Biomüll. Wanne 19. Oder zur Not, zur äußersten Not von mir aus Kompost. Wanne 12. Also abgesehen davon, dass ein mensch­licher Körper­teil am Mistplatz nichts zu suchen hat, das muss ich hoffent­lich nicht extra sagen. Mensch­liche Körper­teile: Magistrats­abtei­lung 43, Friedhöfe. Und nicht Magistrats­abtei­lung 48, Abfall­wirt­schaft. Aber rein von den Wannen her gedacht, sag ich: Wanne 12, Wanne 19, da lass ich mit mir reden, aber sicher nicht Wanne 4.«).

Obwohl Haas seine Romane für »unverfilmbar« hält, hat sich ein anderer tabu­freier Großer der öster­reichi­schen Kultur schon vier Mal der Aufgabe ange­nommen: Der Schau­spieler und Kaba­rettist Josef Hader brilliert mit seinem hinter­gründi­gen Humor in »Komm, süßer Tod«, »Silentium«, »Der Knochen­mann« und »Das ewige Leben«. »Müll« könnte wieder aparte Bilder liefern.


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