Rezension zu »Die dritte Quelle« von Werner Köhler

Die dritte Quelle

von


Ungefähr ein Dutzend Deutsche sind in den Dreißigerjahren nach und nach auf die Galapagos-Insel Floreana ausgewandert. Ihr Paradies fanden sie dort nicht. Köhlers Roman schildert die Atmosphäre auf dem einsamen Eiland und fügt den dünnen Fäden der überlieferten Vorgänge einen passenden fiktionalen hinzu.
Belletristik · Kiepenheuer & Witsch · · 432 S. · ISBN 9783462001143
Sprache: de · Herkunft: de

Geplatzte Träume am Ende der Welt

Rezension vom 06.05.2022 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Floreana ist eine der kleineren Inseln im Süden des Galapagos-Archipels, der politisch zu Ecuador gehört – von Europa aus betrach­tet, ein exoti­sches Fleckerl am anderen Ende der Welt. Doch was sich dort in den Dreißiger­jahren abspielte, erregte damals weltweit Aufmerk­samkeit und schlug sich in zahl­reichen Zeitungs­artikeln und Büchern nieder.

Im Verlauf weniger Jahre hatten ein paar Deutsche unab­hängig vonein­ander und mit unter­schied­licher Moti­vation die kleine Insel besiedelt, wobei es zu dramati­schen, myste­riösen und bizarren Vorfällen kam. Durch die journalis­tische Bericht­erstat­tung sind die Ereig­nisse recht ausführ­lich über­liefert, wenn auch wider­sprüch­lich, da die wenigen Siedler vor Ort mit ihren Aus­künften natürlich eigene Interes­sen verfolg­ten. Aus all dem hat der Autor Werner Köhler, 1956 in Trier geboren, nun eine Geschichte gestaltet, die histo­rische Tatsachen und Fiktion, Exotik und Klein­bürger­liches, Abenteuer und Banales verwebt.

Im Mittelpunkt steht ein fiktiver, sehr persön­licher Erzähler namens Harald Steen, 65, der uns bis ins kleinste Detail offenlegt, was er erlebt, beob­achtet und empfindet. Nach außen hin wirkt der Bank­ange­stellte verschlos­sen, ein früh­verren­teter Lange­weiler, etwas linki­scher Einzel­gänger, in der Liebe uner­fahren. Nach dem Tod seiner Adoptiv­eltern hält ihn nichts mehr in Hamburg, wie ihn vize versa auch die Arbeits­kollegen kaum vermissen werden. Nichts spricht für ihn dagegen, seine Vergan­genheit endgültig hinter sich zu lassen und den Rest seiner Tage irgendwo am anderen Ende der Welt zu verbrin­gen.

Das ferne Archipel am Äquator hat Steen sich nicht zufällig ausge­sucht, behält seine Beweg­gründe aber von Anfang an für sich. Sein eigent­liches Ziel ist die Insel Floreana, 173 Quadrat­kilometer groß und von einem bewal­deten Vulkan­kegel geprägt. Sie wurde mehrfach besiedelt, als Stütz­punkt für norwe­gische Fischer, als Straf­kolonie, von Flücht­lingen der Wirt­schafts­krise, doch immer nur zeitweise, bis sie schließ­lich durch »zwei deutsche Aus­wanderer­familien und eine falsche Baronin« zu trauriger Berühmt­heit in der Welt­presse avan­cierte. Als Steen Ende der Neun­ziger­jahre anreist, wohnen dort sechzig Menschen, darunter ein Pfarrer, ein Bäcker, ein chinesi­scher Kolonial­waren­händler, dazu wech­selnde Meeres­bio­logen und Ange­stellte zweier Pen­sionen.

Das erste Kapitel erzählt Steens Anreise. Sie dauert Monate, soll »unter dem Radar der Behörden« verlaufen und ist beschwer­lich. Fracht­schiffe bringen ihn und ein paar andere illustre Passa­giere von Rotter­dam durch den Panama-Kanal nach Ecuador, wo er im glühend heißen Guaya­quil und im früh­lings­haften Quito abwartet, bis ihn Ende August 1999 ein Seelen­ver­käufer die letzten 1200 km nach Floreana schippert. Dort bezieht er ein Zimmer in der besseren der beiden Herbergen. Sie wird bis heute von der Familie Wittmer aus Köln geführt, die 1932 vor der Wirt­schafts­krise hierher floh und Ende der Fünf­ziger­jahre eine kleine Unter­kunft für die wenigen Touristen eröffnete. Nach diversen Moder­nisierun­gen und Anbauten ist das ockergelb gestri­chene Gebäude inzwi­schen ein bekannter Hingucker auf der kleinen Insel.

Im zweiten, dem längsten Kapitel schildert Steen sein Einleben auf der Insel. Er muss sich mit einer unwirt­lichen Natur aus­einander­setzen und seine wahren Inten­tionen tarnen. Denn die wenigen Einheimi­schen sind misstrau­isch, seit das Schicksal der ersten Deutschen, die sich fast sieben Jahr­zehnte zuvor hier nieder­gelas­sen hatten, welt­weites Aufsehen erregten. Deshalb erklärt Steen der Wittmer-Tochter Ingeborg, 1937 geboren, dass er hier zu sich selbst finden und in den kommenden zwei Monaten ein Buch schreiben wolle.

Tatsächlich erkundet Steen vorsichtig die rätsel­hafte Geschichte der deutschen Siedler auf Floreana. Schon im Vorfeld hatte er alles gelesen, was er irgendwo auftrei­ben konnte, darunter die Tage­buch­auf­zeich­nungen des Pioniers Dr. Friedrich Ritter (»Als Robinson auf Galapagos«), das Buch »Satan came to Eden« seiner Geliebten Dore Strauch und »Post­lagernd Floreana«, die Memoiren Margret Wittmers, der einzigen noch lebenden Augen­zeugin. Für die Sechs­und­neunzig­jährige, eine »echte rheini­sche Frohnatur«, ist das Thema aller­dings durch, seitdem ihr Buch zu einem welt­weiten Best­seller geworden war, und sie ist nicht gewillt, »die ollen Kamellen wieder aufzu­wärmen«.

Alle paar Wochen kommt ein Mediziner auf die Insel, um seine Sprech­stunde abzu­halten. Dies führt zu einer be­merkens­werten Wendung in Steens Leben, denn er verliebt sich in die Assis­tentin des Arztes, eine hübsche Witwe mit elf­jähriger Tochter. Obwohl der Deutsche gut drei Jahr­zehnte älter ist und sie durchaus auch jüngere Verehrer anzieht, willigt sie ein, ihn zu heiraten. Nun nimmt die Handlung immer merkwür­digere Züge an, als gehe von der Insel eine mystische, auch zerstöre­rische Kraft aus. Als Hochzeits­reise erkunden die beiden die unbe­kannte, unwirt­liche Ostseite der Insel, wo Steen Nietz­sches Zara­thustra-Verse von der »Ewigen Wieder­kehr« dekla­miert und absonder­liche Ent­deckun­gen macht, die ihn verzücken und verwun­dern, uns Leser dagegen mit allerlei denkbaren Schluss­folge­rungen, letzt­endlich aber Mut­maßun­gen, Spekula­tionen, Rätseln zurück­lassen – Wahnsinn, letzt­gültige Erkennt­nisse oder Happy End?

Obwohl man solche Leerstellen (sofern es welche sind) als unbe­friedi­gend empfinden mag, ist Werner Köhlers »Die dritte Quelle« ein faszinie­rendes und span­nendes Werk, ein unglaub­lich fesselnd geschrie­bener Abenteuer­roman. Dass am Ende nicht alles eine einfache Antwort findet, passt zu dem »Fluch dieser Insel«, auf der tatsäch­lich mehrere Menschen spurlos verschwan­den oder auf unerklär­liche Weise verstar­ben. Im Übrigen verweisen die durchaus eigen­artigen Ankömm­linge aus der fernen Zivilisa­tion Europas viel­leicht darauf, dass sich auch dort nach ihrer Abreise Entwick­lungen voll­ziehen, die ein ratio­naler Vertreter abend­ländi­scher Werte kaum für möglich gehalten hätte.

Vom ersten bis zum letzten Satz überzeugt auch die sprach­liche Gestal­tung, die unsere Vor­stellungs­kraft anregt und lebendige Bilder hervor­ruft, beispiels­weise wenn der Autor die Verhaltens­weisen der Insulaner schildert, das umfäng­liche Gepäck der Kölner Familie für ihre Auswan­derung vorstellt oder Land­schaften und Tiere detail­reich erfasst (»Normaler­weise […] war die Haut der männ­lichen [Leguane] schwarz gefärbt, dieses Exemplar leuchtete rötlich in der Sonne – die Paarungs­zeit hatte begonnen. Siehst aus wie Godzilla …«. Brilliant, wie Werner Köhler unser Kopfkino ohne Durch­hänger und ohne Ermüdung beständig am Laufen hält. Selbst aus Beschrei­bungen der Flora vermag er mit­reißende Texte zu zaubern. So wird eine Gruppe Kakteen zu einer »Fußball­mann­schaft, die sich zum finalen Aufput­schen vor dem Match am Mittel­kreis des Spiel­felds aufge­stellt hatte«.

Dass die Bewohner dieser Insel, deren Name ein blumiges, fried­liches Paradies assozi­ieren lässt, in Wahrheit in einer menschen­feind­lichen »Hölle« ausharren, wird immer deut­licher. Das Klima ist unbarm­herzig. Trocken­perioden und Gewitter mit furcht­erregen­den Blitz­ein­schlägen, unerträg­liche Hitze und sintflut­artige Regen­fälle wechseln unver­mittelt. Hier ein Stück Land urbar machen, etwas pflanzen und nach unge­wissen Monaten ernten zu wollen, noch dazu ohne fremde Hilfe, gleicht einer Sisyphus­aufgabe. Mit einer Machete bewaffnet schlägt sich Steen durch die Wildnis, wo seine Kleidung zerreißt und seinen Körper, mit entzün­deten Narben überzogen, kleinem Viehzeug preisgibt, das sich auf seiner ver­schwitz­ten, sonnen­verbrann­ten Haut nieder­lässt, um ihm sein heim­tücki­sches Gift einzu­spritzen. Tagelang ringt er mit dem Tod.

Steen ist ein eigenbrötlerischer Held, der sich in Einsam­keit, Allein­sein und Schweigen auskennt. Als einzigen Vertrau­ten gewinnt er einen Vier­beiner, der sich ihm treu zugesellt. Er tauft ihn »Herr Hund« und philo­sophiert mit ihm über »Gott und die Welt«. Die wenigen anderen Insel­bewohner nennen Steen unter sich »Fitz­carraldo«, da er Ähn­lichkeit mit dem wahn­sinnigen Opern­fanatiker aus Werner Herzogs Film hat. Und natürlich liegt eine Parallele zu Joseph Conrads »Heart of Darkness«-Konzept auf der Hand, wenn Steen zu einer Expe­dition ins »Herz der Insel« aufbricht, um die Geheim­nisse einer dunklen Vergan­genheit zu ergründen.

Werner Köhler hat eine interessante Biografie. Als Kind kochte er für die Familie, absol­vierte dann eine Buch­händler-Lehre, machte Karriere bei einer Kette von Buch­handlun­gen, gehörte nach einem persön­lichen Zu­sammen­bruch zu den Begrün­dern der lit.Cologne, wurde im Fernsehen als »Gourmet­koch« populär und verfasst seit 2005 Kriminal­romane.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Frühjahr 2022 aufgenommen.


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