Rezension zu »Die Anderen« von Laila Lalami

Die Anderen

von


Eine Einwandererfamilie aus Marokko belegt, dass der American Dream Wahrheit werden kann. Trotzdem bleiben sie Amerikaner zweiter Klasse.
Belletristik · Kein & Aber · · 432 S. · ISBN 9783036958330
Sprache: de · Herkunft: us

Einmal fremd, immer fremd?

Rezension vom 09.07.2021 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Ein tragischer Autounfall ist die Katastrophe, die das viel­schich­tige Gesell­schafts­bild dieses amerika­nischen Romans zur Entfal­tung bringt. Im Mittel­punkt der Handlung steht die Familie Guerraoui, die 1981 aus Marokko ins ländliche Kali­fornien emi­grierte, sich vorbild­lich einglie­derte und dennoch nie ankommen konnte, wie im Rückblick deutlich wird.

Driss Guerraoui wollte sich als junger Atheist und Marxist wie viele seiner Mit­studenten kämpfe­risch für sein Land enga­gieren. Doch die Lebens­ängste seiner Ehefrau Maryam gewannen die Oberhand. Über ihren Bruder in Los Angeles beschafft die gläubige Muslima Einreise­visa für die USA, und sie ziehen in ein kalifor­nisches Dorf, wo jeder jeden kennt und sie sich sicher hoffen.

Es folgt eine harte, entbehrungs­reiche Zeit. Mutig erwirbt der Pragma­tiker Driss einen herun­tergekom­menen Laden und macht daraus im Laufe der Jahr­zehnte einen erfolg­reichen Diner mit mehreren Ange­stellten. Als Siebzig­jähriger schwärmt er voller Stolz von seinem in Erfüllung gegan­genen amerika­nischen Traum. Doch der wirt­schaft­liche Erfolg, die finan­zielle Sicher­heit haben ihren Preis. Maryam durch­leidet eine schwie­rige Schwanger­schaft mit ärztlich verord­neter Bettruhe. Unter den mehr­fachen Belas­tungen driftet die Ehe ausein­ander. Zwei Töchter werden geboren, die sich unter­schied­lich ent­wickeln und für weitere Reibungen sorgen: Salma, die Ältere, durch­läuft den von der Mutter gewünsch­ten Karriere­weg, wird Zahn­ärztin, heiratet einen Zahnarzt. Nora hingegen erträgt Maryams ständige Vorhal­tungen, sie solle Jura studieren und sich ebenfalls standes­gemäß verehe­lichen, nicht. Sie will sich künst­lerisch verwirk­lichen und sucht ihr Heil in der Großstadt. Aber ihr musika­lisches Talent reicht gerade für etwas Musik­unter­richt, und auch in der Liebe findet sie kein Glück.

Maryam fühlt sich von allen allein gelassen. Schnell hatte sie ihre idealis­tischen Vorstel­lungen von Amerika revi­dieren müssen: »Waffen­läden gleich neben Friseur­salons … Leute, die anklopfen und über Jesus reden wollen … Talkshows [voller Geständ­nisse] … Männer sprachen über ihre Affären […], Frauen über ihr Gewicht, über Schön­heits­opera­tionen oder unehe­liche Kinder […], Teenager […], wie schreck­lich ihre Eltern waren«. Die Sehnsucht nach der aufgege­benen Heimat mit den Ver­wandten in weiter Ferne war schwer zu ertragen. Von den Ereig­nissen der Vergan­genheit sollten ihre Töchter nie belastet werden, sondern in eine freie und gute Zukunft hinein­wachsen. Während Salma zum Vorbild geraten ist, wendet sich Nora unter dem Druck der Mutter eher von ihr ab.

Der Roman setzt ein, als Nora etwa dreißig Jahre alt ist. Ein abend­licher Handy­anruf infor­miert sie, dass ihr Vater einem Auto­unfall zum Opfer gefallen ist. Wie in Trance fährt sie durch die Nacht zurück in die Klein­stadt. In der dort folgenden Recherche nach den Umständen des Unfalls spürt sie auch ihrer eigenen Vergan­genheit nach, und verbor­gene Geheim­nisse und ver­drängte Konflikte kommen ans Licht.

Nachdem Driss Guerraoui spät in der Nacht seinen Diner abge­schlos­sen hatte, wurde er auf dem einsamen Nach­hause­weg von einem Auto erfasst, das mit über­höhter Ge­schwindig­keit heran­rast. Der alte Mann bleibt leblos liegen, der Fahrer gibt Gas. Der »tödliche Unfall mit Fahrer­flucht« wird Detective Erica Coleman anver­traut, einer Neuen im Team der Polizei und als Farbige eine Außen­seiterin. Pflicht­bewusst und gründlich geht sie an ihre Arbeit und wertet zunächst die Obduktion und die Lack­spuren aus. Doch was fehlt, sind Zeugen­aussagen über den nächt­lichen Vorgang auf dem schlecht ausge­leuch­teten Highway. Der Fall droht ungeklärt zu den Akten gelegt zu werden.

Nora glaubt nicht an einen unglück­lichen Zufall, sondern wittert böse Absichten hinter dem Tod ihres Vaters. Obwohl gebürtige Amerika­nerin, hat sie schon in der Grund­schule Ressen­timents gegen nord­afrikani­sche Migranten zu spüren bekommen und weiß, dass sie und ihre Familie allen Anstren­gungen und Erfolgen zum Trotz immer Bürger zweiter Klasse geblieben sind.

Beispielsweise hat Nachbar Anderson Baker, Betreiber der direkt angren­zenden Bowling­bahn, es nie verwunden, dass ein daher­gelaufe­ner Muslim ihm den alten Diner vor der Nase wegge­schnappt und daraus ein gutes Geschäft gemacht hatte. Nun macht er ihm ständig Ärger, mal wegen der Park­plätze, mal wegen einer beleuch­teten Reklame­tafel. Rassismus sitzt tief und setzt sich fort: Bakers Sohn hatte schon in der High­school keine Hemmungen, auf Noras Spind »Kamel­treiber« zu kritzeln. Als Detective Coleman ihn später verhören möchte, sagt er ihr: »Ich rede nicht … mit Scheiß­niggern.«

Wenngleich sich die Handlung um den Unfall in Donald Trumps Amtszeit zuträgt, fällt nicht einmal sein Name. Denn viel nach­haltiger sind die Charak­tere und die Atmos­phäre von den Jahren der konser­vativen Bush-Regierung geprägt. Der Terror­angriff im September 2011 und die darauf folgenden massiven Militär­einsätze in Nahost haben Islamo­phobie und Klein­stadt­rassis­mus befördert, und selbst Driss’ Lokal wird in Brand gesteckt. Der Täter wird nie gefunden.

Laila Lalami hat diesen Roman erzähle­risch interes­sant gestaltet. Im Vorder­grund laufen die polizei­lichen Ermitt­lungen, die schließ­lich zu einer Festnahme und einer Gerichts­verhand­lung führen. Aber in jedem der kurzen Kapitel spricht eine von neun direkt und indirekt invol­vierten Personen (darunter selbst der tote Vater Driss), so dass wir Leser aus mehreren Perspek­tiven tiefe Einblicke in die Familien­geschich­ten und die Menta­lität der Menschen erhalten. Keine dieser Figuren ist glücklich, jede hat mit ihren persön­lichen Problemen zu kämpfen, alle fühlen sich auf ihre Weise als Verlorene, und so reihen sich viele kleine Ge­schichten von Einsam­keit, Drogen, Aggres­sionen, Kriegs­traumata, Alkohol, Liebe, Hoff­nungen und Ent­täuschun­gen anein­ander (einige davon allzu ausschwei­fend, einige durchaus verzicht­bar). Am meisten Gewicht hat Noras Stimme, die anderen Personen kommen erst durch den Unfall ins Spiel.

Der Buchtitel – im Original »The Other Americans« – meint eine prinzi­pielle Relati­vierung. Die multiple Perspek­tivität der Erzählung lässt jede Figur in ihrem Lebens­umfeld zur »Anderen« werden. So sind die Guer­raouis zwar seit Jahren freund­liche, anstän­dige Nachbarn, dennoch erlauben die »Anderen« keine weitere Annähe­rung als bis zu einem Status von Gedul­deten. Auch die Annähe­rung zu ihnen hin ist nicht leicht möglich, wie die Familie Guerraoui im Verlauf des Gerichts­verfah­rens erlebt. Die zwölf Geschwo­renen gestehen dem Ange­klagten (weiß, Vietnam­veteran und Familien­vater) umstands­los eine Kautions­regelung zu, während »die Bruta­lität eines Mannes mit Namen Mohammed nur selten in Zweifel gezogen wurde, seine Mensch­lichkeit dagegen immer erst bewiesen werden musste«.

Laila Lalami wurde 1968 in Rabat geboren, und Migration ist ihr Herzens­thema. Ihr Roman »The Moor’s Account« (2014) erzählt die Ge­schichte des ersten Afrika­ners, der Amerika durch­querte, erhielt den American Book Award und den Arab American Book Award und wurde für den Pulitzer-Preis und den Booker Prize nominiert. »The Other Americans« (2019) hat Michaela Grabinger ins Deutsche übersetzt.


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