Rezension zu »Io non ci volevo venire« von Roberto Alajmo

Io non ci volevo venire

von


Seit seiner Kindheit wird Giovanni, übergewichtig und geistig etwas träge, an den Rand gedrängt. Als eine Dreißigjährige spurlos verschwindet, gerät er samt seiner Familie in einen Strudel, dem er nicht gewachsen ist.
Kriminalroman · Sellerio · · 320 S. · ISBN 9788838941986
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sizilien

Giovà der Schläfer

Rezension vom 29.06.2021 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Nein, Giovà ist wahrlich nicht die hellste Kerze auf der Torte der Familie Di Dio, aber wenigs­tens die schwerste, und zwar sowohl bezüglich seines Körper­gewichts als auch von Begriff. Bei wichtigen Gesprä­chen, etwa mit la signora Anto­nietta, seiner Mutter, neigt er dazu, sich vor jeder inhalt­lichen Reaktion ein Zeit­polster zu verschaf­fen, indem er Teile der soeben gehörten Äußerung erst einmal wörtlich wieder­holt. Seinen Gesprächs­partnern genügt das oft schon, um das Heft wieder selber in die Hand zu nehmen. Kommen auch nur minimal indirekte Aussage­weisen ins Spiel, etwa eine rheto­rische Frage oder gar Ironie, ist der brave, aber naive Giovanni den Taktiken der Anderen rettungs­los ausge­liefert.

Als die Haupthandlung ihren Lauf nimmt, ist Giovanni um die fünfzig Jahre alt und führt ein rundum ruhiges, im Großen und Ganzen zufrie­denes Leben auf der Seite der Befehls­emp­fänger. Er kennt seine Schwächen und hat sich mit ihnen abge­funden. Schon bei den Straßen­fußball­turnie­ren seiner Kindheit hat er seine Lektionen gelernt. Mangels anderer Vorzüge als seines Volumens durfte er nur als Torwart mitmachen oder gar nicht. Für ein bisschen Aner­kennung bei den ›richtigen‹ Spielern warf er sich ohne Rücksicht auf Verluste an Haut, Blut und Knochen jedem anflie­genden Ball entgegen auf den rauen Asphalt, doch honoriert wurde der schmerz­hafte Einsatz nie.

Noch immer wohnt Giovà in der kleinen Wohnung seiner Eltern in Partanna, einem öden Vorort von Palermo, den er nie verlassen hat. Dort ist er im hierarchi­schen Gefüge der Familie und der kleinen Leute des Viertels fest einsor­tiert und hat sich privat allerlei kommode Nischen einge­richtet, um Unan­nehm­lich­keiten und allzu großem Druck auszu­weichen. Den übt in erster Linie seine Mutter aus. Was die gewitzte, mit allen Wassern gewa­schene, radikale Pragma­tikerin anordnet, gilt, und ihre Versuche, aus ihrem Sohn noch etwas zu machen, hat sie nie aufge­geben. Takt und Skrupel sind ihr unbekannt, manchmal fehlt ihr auch der Realitäts­sinn. So hält sie uner­müdlich die Augen nach einer Frau für ihn offen, bugsiert ihn hin zu der ahnungs­losen Kandi­datin, gibt ihm lauthals Anwei­sungen wie einem Sechs­jährigen. Selbst Giovanni regis­triert die unge­zählten Peinlich­keiten, hat aber nicht die Mittel, sich gegen die resolut wohl­meinende Mamà zu wehren. Anderer­seits kann sie sich stets auf seine Unter­stüt­zung in prakti­schen Dingen verlassen, etwa beim Einkaufs­tüten­schleppen oder als Begleiter beim Arzt­besuch.

Als ihr Sohn etwa zwanzig Jahre alt war, fand la signora Anto­nietta es an der Zeit, dass er sich nach einer bezahlten Arbeit umsehe, und in Kenntnis seiner Limita­tionen beglei­tete und unter­stützte sie ihn, als er sich mit diesem Anliegen bei lo Zzu vor­stellte. Nun ist »lo Zio« zwar nicht einmal entfernt verwandt mit den Di Dio, aber als aner­kannter Patron des ganzen Viertels irgendwie auch für sie zuständig. Ihm gehört die Bar Cristallo, vor der er den ganzen Tag auf einem simplen Stuhl sitzt, vor seinen zahl­reichen Jüngern Hof hält und alle unsicht­baren Fäden zieht. Nichts geschieht hier, ohne dass er davon weiß. Womit niemand gerechnet hätte, trat ein: Schon nach ein paar Tagen wurde Giovà – wiewohl bar jeglicher Qualifi­kation – bei der Sicher­heits­agentur des geometra Pisci­tello einge­stellt und klappert seither Nacht für Nacht in seinem Dienst-Panda eine Anzahl von villette ab, was deren Eigen­tümern, ob an- oder abwesend, das Gefühl vermit­teln soll, ihr Besitz sei sicher. Neben dem geregel­ten Salär und einer gewissen Amts­auto­rität durch die (leider viel zu enge) Uniform nebst Dienst­pistole bietet die allnächt­liche Arbeits­zeit Giovanni willkom­mene Vorteile, insbe­sondere ausgie­bige Pausen für ein Schläf­chen oder ein kräftiges Frühstück, ehe er sich in der Agenzia abmeldet, um zu Hause seine verdiente Nachtruhe einzu­fordern.

Giovanni hat eine Zwillingsschwester, doch Mariella ist in allen Teilen sein glattes Gegen­stück: rank und schlank, clever und geschickt, fix und nicht auf den Mund gefallen. Sie ist sogar verlobt, was ihr einen gesell­schaft­lichen Status der Arriviert­heit garan­tiert, auch wenn Toni, der fidanzato, kurz nach Abgabe seines Ehe­verspre­chens Sizilien verließ, um in Turin zu arbeiten, und in Partanna nie mehr gesehen ward. Gelegent­lich besucht Mariella ihn für eine Weile, aber zu einer Hochzeit kam es nie. Immerhin versorgt er Mariella so weit, dass sie sich die Unabhän­gigkeit einer eigenen kleinen Wohnung erlauben kann.

Dies ist das übersichtliche Spielfeld, auf dem sich eine witzige und aberwitzige Handlung entfaltet, erst gemäch­lich, dann immer turbu­lenter, drasti­scher und absurder. Der Auslöser ist simpel (eines Winter­tages ver­schwindet eine Dreißig­jährige spurlos), und mehr kann nicht verraten werden, denn alles, was sich nun ergibt, ist uner­wartet und verblüf­fend. Mit Giovà als sympathisch-naivem, auf geradezu tragische Weise unfähigem Anti-Helden, der unvermu­tet in die Rolle des ›Ermittlers‹ gerät, greift das Chaos um sich. Die Handlung weitet sich aus, bleibt aber im über­schau­baren Rahmen des Örtchens und des Milieus.

Roberto Alajmo konnte schon mit »Es war der Sohn« [› Rezension] (auch verfilmt) einen großen Erfolg erzielen. Er be­herrscht alle Register der humoris­tischen siziliani­schen Erzähl­tradition, wie sie sich auch in den berühmten Puppen­spielen niederge­schlagen hat. Er gestaltet seine Figuren mit fein­sinniger Psycho­logie, begleitet ihren Weg mit analyti­scher Akribie und setzt seine Handlung mit einer amüsanten Tendenz zum Dramati­sieren um. Wie ein guter Regisseur führt der Erzähler ständig alle Figuren am Zügel, hat alle seine Schäfchen gleich­zeitig im Blick. Keine Handbe­wegung, keine Nuance des Mienen­spiels und vor allem keine Regung in den tiefsten Winkeln der Seelen bleibt uns verborgen. Wir erfahren, wer gerade worüber brütet, wohin strebt, sich worüber ärgert, wofür welche Revanche sucht, Über­legen­heit auskostet oder um Anerken­nung kämpft, welche Alter­nativen er oder sie abwägt. Inhalt­liches Epizentrum ist das Gefüge der matriar­chali­schen siziliani­schen Familie, in der jeder für den anderen gerade­steht.

All dies erläutert Alajmo einfühlsam und humor­voll, gern mit ironi­schen Seiten­hieben auf volks­tümlich gehegte Besonder­heiten weib­lichen Verhaltens, frag­würdige Vorstel­lungen und siziliani­sche Eigen­heiten versehen. Witzig: Der Erzähler ›übersetzt‹ in Aussagen, was sich die Protago­nisten zwischen den Zeilen, per Blick, per Gedanken zuraunen.

Insgesamt ein unterhaltsamer Krimi, der haupt­sächlich psycholo­gisch-kommuni­kativ punktet und bei dem die Täter­suche Kapriolen schlägt. Die Sprache ist mittel­schwer und übrigens fast frei von Dialekt und Umgangs­sprache.


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