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Rezension zu »Das Labyrinth der Spiegel« von Andrea Camilleri

Das Labyrinth der Spiegel

von


Kriminalroman · Teil der Serie »Il commissario Montalbano« · Bastei Lübbe · · 256 S. · ISBN 9783785725641
Sprache: de · Herkunft: it

Illusionen und Wahrheiten

Rezension vom 22.05.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Obwohl ein guter Polizist gute Augen hat, erkennen sie nicht unbedingt die Wahrheit. Bis­weilen wird ihnen eine andere Realität vorge­spie­gelt, ohne dass sie es bemerken könnten. Das erklärt com­mis­sario Salvo Mon­tal­ba­no seinem fleißi­gen Mitar­beiter Fazio, nachdem er einsehen muss, dass er offen­bar dauernd hinters Licht geführt wird.

Wie der Titel von Andrea Camilleris acht­zehn­tem Mon­tal­ba­no-Krimi signali­siert, ist sein Leit­thema das trüge­rische Verhält­nis zwischen der opti­schen Sinnes­wahr­neh­mung und der Wahr­heit. Der Autor hat im italie­ni­schen Fern­sehen selbst erläu­tert, wie es dazu kam: Ein Be­kann­ter hatte eine Bezie­hung zu einer ver­heira­teten Frau. Bei einem gemein­samen Essen zu dritt flog die sorg­sam geheim­gehaltene Affäre auf, weil der Ehe­mann zufällig in einem Spiegel erblickte, wie sich die beiden ande­ren in seinem Rücken küssten. Und Camilleri ver­weist auf die legendäre Schluss­szene von Orson Welles' Film-Klas­siker »Die Lady von Shang­hai« (1947): Die beiden Haupt­figuren bewegen sich durch das Spiegel­kabinett eines Ver­gnü­gungs­parks, viel­fach reflek­tiert, und niemand kann unter­scheiden, wo die wirk­lichen Menschen stehen und was nur ihre Spiegel­bilder sind.

An diese Szene denkt auch der com­mis­sario, als ganz offen­sichtlich jemand seine Ermitt­lungen immer wieder in andere Bahnen abzu­lenken sucht, indem er ihm falsche Anhalts­punkte zuspielt. Dabei scheint am Anfang alles ziemlich durch­sichtig: Vor einem Lager­raum in einer Seiten­gasse ist ein Bömb­chen hochge­gangen – bestimmt als letzte Warnung für einen, der sein Schutz­geld nicht ent­rich­tet hat. Aller­dings war das Lager leer, der Schaden minimal, und der Eigen­tümer, Angelino Arnone, bestreitet vehement, bedroht worden zu sein.

Galt das Warn-Explosiönchen vielleicht einem Nachbarn? Nebenan wohnen Carlo Nicotra und Stefano Talla­rita, zwei ein­schlägig be­leu­mun­dete Kandi­daten für eine solche Aktion. Aber letzterer sitzt gerade in einer bes­tens ge­sicher­ten Zelle ein, und Nicotra ist so ein großes Tier, dass man ihm mit ganz ande­ren Kali­bern zu Leibe rücken würde als einem kleinen Feuer­werk.

Muss die erste Theorie reanimiert werden, als Angelino Arnone einen ano­nymen Brief ins Kom­mis­sariat bringt und nun gesteht, doch das Ziel des Mini-An­schlags gewesen zu sein? Mon­tal­ba­no ist miss­trau­isch, denn Arnone wirkt wie fern­gesteuert.

Dann gewinnt wieder Theorie Nummer zwei an Bedeutung: Im Knast munkelt man, Stefano Talla­rita habe sich breit­schlagen lassen, mit den Behörden zusam­men­zu­ar­bei­ten. So ein Ansinnen müsste die ehren­werte Gesell­schaft in der Tat sofort mit einem Warn­schuss ersticken, ohne Un­schul­dige in Mit­leiden­schaft zu ziehen.

Während Mon­tal­ba­no ahnt, dass er in einem Spiegel­kabinett herum­ge­lotst wird, und Fazio ins Bild setzt, legen die Strippen­zieher nach und insze­nieren eine Warnung an den Ermitt­ler selbst: Man feuert auf sein Auto. Mon­tal­ba­no merkt freilich gar nichts davon; Fazio zeigt ihm später die Ein­schuss­löcher auf der Bei­fahrer­seite.

Privat sieht sich Salvo angenehmeren Fragestellungen gegenüber. Jeden Morgen nimmt er seine attrak­tive neue Nach­barin Li­lia­na Lom­bardo mit in die Stadt, seit ihr Wagen offenbar von Vandalen beschä­digt wurde (Ihr Mann ist auf Reisen.). Die Ver­trau­lich­keiten zwischen den beiden nehmen zu; Li­lia­na macht Salvo schöne Augen, geht in Auf­sehen erregen­der Weise mit ihm aus, gibt ihm Ein­blicke in ihre Ehe . Wahr­heit – oder auch hier nur Täu­schun­gen?

Die beiden Handlungsstränge fließen unerwartet ineinander, als der com­mis­sario heraus­findet, dass Li­lia­na nicht nur mit ihm ange­ban­delt hat. Er begreift, dass all die Aktio­nen, die ihn bisher verwirrt haben, mit Li­lia­na und ihrem Lieb­haber zu tun haben. Doch auch das ist nur ein vorder­grün­diges Bild. Die Menschen, die Mon­tal­ba­no zu durch­schauen, später auch zu schützen sich bemüht, sind nichts als kleine Schach­figu­ren in einem ganz großen Manöver, das hinter den Spiegeln inszeniert wird – dort wagt sich com­mis­sario Mon­tal­ba­no »in gefährliche Gefilde«.

Wie immer haben Rita Seuß und Walter Kögler ihr Bestes getan, um auf Deutsch die spezielle Stim­mung dieses Krimis einzu­fangen und die typische Atmosphäre wieder­zugeben, die die Mon­tal­ba­no-Reihe insge­samt aus­zeichnet. Ein un­schein­bares Detail als Beleg: Der Fami­lien­name von Li­lia­na Lom­bar­dos Haus­halts­hilfe lautet im italie­ni­schen Origi­nal »Lodico«, was man als »Sag ich doch.« verstehen kann. Die bei­den Über­setzer haben es sich nicht neh­men lassen, diesen kleinen Effekt fein­sinnig zu über­tragen – in der deut­schen Aus­gabe heißt die Dame »Sàghino«.

Trotzdem kann man Camilleris Werke niemals ange­messen über­setzen, denn ein Groß­teil des litera­rischen Charak­ters ist nun einmal durch seine eigen­willige dialek­tale Gestal­tung geprägt – ein un­über­wind­liches Hindernis für jegliche Über­tragung, selbst in ›normales‹ Italie­nisch. Die Konse­quenzen wiegen schwer. Wenn Camil­leri-Sizilia­ner sprechen, wollen sie nämlich oft mehr als nur schlichte Infor­matio­nen vermit­teln. Sprechen kann für sie ein theatra­lischer Akt sein, an dem die gesamte Person – Geist und Körper – mitwirkt und in dem gelun­gene Rhetorik, Aus­sprache, Gestik und Mimik offen­sichtlich auch als persön­li­ches Ver­gnügen genossen werden. Eine raffi­niert verpackte saftige Be­leidi­gung kann also selbst beim Ge­schmäh­ten Aner­ken­nung finden und mit einem ver­steck­ten Lächeln quittiert werden (ehe er sie natür­lich mit einer ange­mes­se­nen Stichelei zu kontern versucht). Was davon in eine Fremd­sprache überführt werden kann, ist allein das Skelett der Wort­bedeu­tungen – und die sind im Deutschen dann oft gänz­lich ihres Charmes beraubt und klingen nur noch beleidi­gend und giftig.

Beispiele für solche leider unvermeidlichen Über­tragungs­verluste sind im­mer wieder Mon­tal­ba­nos verbale Schar­mützel mit dem sarkas­tischen, mis­anthro­pischen Ge­richts­medizi­ner dottor Pasquano, der die Hitze ebenso hasst wie vor­eilige Fragen des com­mis­sario (»Mon­tal­ba­no klopfte an die Wagen­tür. Pasquano sah hoch, erkannte ihn und artiku­lierte deutlich: ›Gehen-Sie-mir-nicht-auf-den-Sack!‹ [...] ›Viel­leicht kann ich Ihnen behilf­lich sein.‹ ›Wie denn? Indem Sie mir die Geschichte von Schnee­wittchen und den sieben Zwergen erzählen?‹ ›Indem ich Ihnen sage, dass ich zu wissen glaube, wer es ist.‹ ›Ach ja? Dann setzen Sie mich doch in Kenntnis von dem, was Sie sich da in Ihrem kranken Kopf zu­sam­men­ge­reimt haben. Sofern in Ihrem fort­ge­schrit­tenen Alter über­haupt noch Reste von Hirn vor­handen sind.‹ Mon­tal­ba­no ging nicht auf die Provo­kation ein.«).

Wie so oft liefern die Nebenfiguren die besondere Wür­zung in der Suppe. Camilleri, der alte Theater­mann, hat ein un­trüg­liches Gespür für comic relief-Effekte, und die Ver­fil­mun­gen breiten meist ge­nüss­lich aus, was er im Roman vorlegt. Hierfür ist Salvos und Fazios Besuch bei Con­cetta Sàghino ein schönes Beispiel. Vor ihrer mut­maß­lichen Wohnung sehen sie »einen etwa siebzig­jährigen Mann Pfeife rauchend auf einem Stroh­stuhl sitzen. ... Außer Tabak musste er auch Hunde­kacke in den Pfeifen­kopf gestopft haben, denn es stank fürch­terlich. Sogar die Fliegen hielten Abstand. ›Scusi, können Sie mir sagen, ob die Signora Con­cetta Sàghino ...‹, hub Fazio an. ›Das ist meine Tochter.‹ ›Könnten Sie Ihrer Tochter sagen ...‹ ›Mit der red ich nicht. Ich wohn zwar mit der zu­sam­men, aber reden tu ich nicht mit der. Wir haben uns zer­strit­ten. Diese gemeine Person will nicht, dass ich in der Woh­nung Pfeife rauche.‹ (im Original: »›Io cu iddra non ci parlo e non ci voglio parlari. Ci campo ‹nzemmula, ma non ci parlo. Semo sciarriati. ‹Sta dis­gra­ziata non voli che fumo la pipa ‹n casa.‹«) Und dann spuckte er eine zähe braune Masse, die aussah wie Marme­lade, einen Milli­meter neben Fazios Schuhe.« Und im gleichen spitzfindig-arg­wöhni­schen Ton be­geg­net den beiden Polizisten die rabiate Dame des Hauses: »›Was wollen Sie?‹ ›Ich bin Com­mis­sario Mon­tal­ba­no und das ist Ispet­tore Fazio.‹ ›Ich hab Sie nicht gefragt, wer Sie sind, sondern was Sie wollen.‹ ›Wir möch­ten mit Ihnen sprechen.‹ ›Und Sie meinen, ich hätte Zeit, mit Ihnen zu quat­schen?‹« (im Original: »›Che voliti?‹ ›Il com­mis­sario Mon­tal­ba­no sono e questo è l'ispet­tore Fazio.‹ ›Io non vi spiai cu siti, ma che voliti.‹ ›Vor­rem­mo parlarle.‹ ›E io che haio, tempo da perdiri a parlari con vui?‹«)


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