Rezension zu »Die Telefonzelle am Ende der Welt« von Laura Imai Messina

Die Telefonzelle am Ende der Welt

von


Wie Hinterbliebene der Opfer des Tsunamis von 2011 in Japan ihre Trauer bewältigen: Sie sprechen mit ihnen in einer Telefonzelle, die jemand zur Dekoration in seinem Garten aufgestellt hat.
Belletristik · btb · · 352 S. · ISBN 9783442758968
Sprache: de · Herkunft: it

Dem Wind anvertrauen

Rezension vom 22.07.2021 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Weltweit hat das Seebeben, das am 11. März 2011 die japanische Küste erschütterte und unvor­stellbare Folgen nach sich zog, fassungs­loses Entsetzen ausgelöst. Eine junge Schrift­stellerin aus Italien hat neun Jahre später den wohl ergreifend­sten und poetisch­sten Roman darüber veröffent­licht, wie Hinter­bliebene ihre Trauer bewältigen. Laura Imai Messina erzählt eine gerad­linige Geschichte nahe an den Erfah­rungen und Emotionen der Personen, aber fern von jedem Kitsch, jeder künstlich aufge­schäum­ten Süßlich­keit. Die eindring­lich beschrie­bene, uns so fremde Lebens­welt hält uns auf staunen­der Distanz, während die univer­sell nach­vollzieh­bare Schilde­rung schicksal­hafter Ereig­nisse unmittel­bar unter die Haut gehen. Aber die erschüt­ternden, unfassbar grausamen Szenen vom Sterben in den Natur­gewalten, vom tragi­schen Scheitern, geliebte Ange­hörige zu retten, von Sprach­losig­keit vor dem Nichts stehen nicht im Vorder­grund und dienen nicht der Dramati­sierung als Selbst­zweck. Ohnehin werden die Fernseh­bilder unaus­lösch­lich im Gedächt­nis sein. Einzel­heiten zum Ablauf der Katas­trophe und das Ausmaß der Verhee­rungen, zu denen die Zerstö­rungen im Atomkraft­werk Fukushima gehören, sind leicht nachzu­lesen, aber die Traumati­sierungen der über­lebenden Opfer, ihrer Angehö­rigen und der Geschä­digten, die hier im Mittel­punkt stehen, sind nicht in Zahlen zu fassen.

Originalausgabe:
»Quel che affidiamo al vento«
(2020, Verlag Piemme)
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Laura Imai Messina zog mit dreiundzwanzig Jahren nach Japan, studierte und promo­vierte dort, lehrt als Dozentin und lebt mit ihrem japani­schen Ehemann und zwei Kindern in Tokio. Seit 2014 hat sie ein halbes Dutzend Bücher veröffent­licht, die alle Brücken zwischen ihren beiden Kulturen bauen. »Quel che affidiamo al vento« brachte ihr 2020 den inter­natio­nalen Durch­bruch. Wochen­lang stand es in Italien und Groß­britan­nien auf der Best­seller­liste, und es wurde in 25 Länder verkauft. Die einfühl­same Über­setzung ins Deutsche besorgte Judith Schwaab.

In einer Vorbemerkung zu ihrem Roman versichert uns die Autorin, dass es dessen zentralen Ort, die zum deutschen Titel erhobene Telefon­zelle, tatsäch­lich gibt. Das finde ich schön, denn es erdet die nach­folgende Geschichte. Die ist nämlich so wunder­bar luftig und symbol­haft, dass man sie (als nüchterne Leser) leichthin als allzu verträumt, märchen­haft, abge­hoben von dieser Welt abtun könnte. In Ôtsuchi, einem Ort, den der Tsunami besonders hart traf, hat ein Mann seinen liebevoll ange­legten Garten mit einer eigen­artigen Telefon­zelle verschö­nert. In dem winzigen quadra­tischen Häuschen, dessen Glas­scheiben in Holz­rahmen gefasst sind, hat er sogar einen alten, natürlich funktions­losen Telefon­hörer aufge­hängt. Hält man ihn ans Ohr, so kann man die Stimmen des Windes vernehmen, und dank dieses zauber­haften Effekts ist die Telefon­zelle zu einer Pilger­stätte für »Hundert­tausende von Menschen« geworden.

In der fiktionalen Erzählung trägt der Garten einen Namen (»Bell Gardia«), und sein Besitzer wird Suzuki-san, also »Herr Suzuki« genannt. Davon berichtet der Zuhörer einer Radio­sendung, in der Über­lebende und Hinter­bliebene des Tsunamis erläutern, wie sie persön­lich mit ihrem Schmerz umgehen, was sie tun, um sich abzu­lenken, um viel­leicht für wenige Momente in einer »Illusion, ein anderer Mensch zu sein«, abtauchen zu können: Sie strei­cheln Tiere, trinken in einem Café heiße Schoko­lade, kochen, lernen eine Fremd­sprache. Obwohl die Modera­torin Yui Hasegawa, 31, durch die Katas­trophe ihre Mutter und ihre kleine Tochter verlor und bis heute schwer darunter leidet, glaubt sie, stark genug zu sein, um die Aufgabe im Studio bewäl­tigen und das Leid anderer Menschen aushalten zu können.

In dem stillen Studio vergisst Yui fast zu atmen, als der Mann sein Erlebnis schildert. Er habe den Telefon­hörer benutzt, um mit seiner vermiss­ten Frau zu sprechen. Seine Stimme habe der Wind fortge­tragen, doch seine Frau, die in der Küche eine Mahlzeit zube­reitete, habe ihn gehört. Faszi­niert von dem Bericht nimmt Yui Urlaub und reist nach Ôtsuchi. Seit der schreck­lichen Katas­trophe hatte sie das Meer gehasst, den Blick darauf gemieden. Nun ist sie wieder damit konfron­tiert, ihre Erinne­rungen über­wältigen sie bis hin zu körper­licher Übelkeit, und sie ist kaum in der Lage, den von anderen beschrie­benen Kontakt über den Hörer zu ihren Liebsten aufzu­nehmen.

Der Zufall führt sie mit dem Arzt Takeshi (Fujita-san), 35, zusammen. Ein »winziger dunkler Schatten auf seinem Gesicht … ein Fleck, wie ihn jeder Über­lebende mit sich trug, ein Ort, an dem er sich jegliches Gefühl – auch Mitgefühl – versagte, um nicht auch noch den Schmerz anderer durch­leben zu müssen«, verrät ihr, dass auch er ein Leid Tragender ist. Er nutzt das »Telefon des Windes«, um seine Sorgen mit seiner Frau Akiko zu teilen. Sie war schwer erkrankt, bevor er sie verlor. Seit dem Tod der Mutter hat Hana, ihre sechs­jährige Tochter, kein Wort mehr gespro­chen.

Nach und nach lernen sich Yui und Takeshi näher kennen. Gemeinsam werden sie mit dem Auto von Tokio hierher­kommen, gemein­same Spazier­gänge genießen, gemeinsam aufs Meer schauen, gemeinsam eine Tüte süß gefüllter Eclairs verspei­sen, die Takeshi immer mitbringt, weil Akiko sie so geliebt hatte. Mit jedem Wieder­kommen vertiefen sie ihre Freund­schaft mit Suzuki-san, dem Hüter von »Bell Gardia«, trinken Tee mit ihm, erfahren von den Veran­staltun­gen, die er für Trauernde leitet, und lernen andere Menschen kennen, die mit ihren Schick­salen zu kämpfen haben und hier Trost finden.

Laura Imai Messinas Roman von der magischen Telefonzelle ist das schönste, überzeu­gendste und feinfüh­ligste Trostbuch, das ich je gelesen habe. Trotz aller Verluste, aller Schmerzen, aller Tragik kommt nie kitschige Sentimen­talität auf. Im Gegenteil: Die Handlung selbst konkre­tisiert Trost. Yui schließt Freund­schaften, verliebt sich, gründet eine Familie, versteht und erlebt all dies als etwas sehr Körper­liches. Verliert man einen Menschen, glaubt Yui, nimmt er etwas aus dem Körper der Zurück­bleiben­den mit. So habe ihre Mutter wohl den Darm, ihre kleine Tochter ihre Lunge mitge­nommen, denn seither hat sie Probleme mit der Verdauung und der Atmung. Im über­tragenen Sinne gibt sie nun selbst Teile ihrer Organe an die Menschen, die ihr im Leben wichtig sind. Yui und Takeshi, die einander stützen, lieben und das Gefühl geben, im Leben gebraucht zu werden, »wurden zu einem Baum, wurden zu Holz und Rinde. […] Eine Metamor­phose, wie sie nur ein einziges Mal im Leben vorkommt«.

Überzeugt hat mich auch die sprachlich außer­gewöhn­liche Gestal­tung der Emo­tionen (»dass man mit dem Herzen lächeln soll und nicht nur mit den Lippen«) und der verschie­denen Arten der Bewälti­gung von Trauer und Schmerz. Yui »fragte sich, ob jene Toten, die dort im Jenseits aus dem Dies­seits ange­rufen wurden, sich nicht an den Händen hielten, am Ende womög­lich Bekannt­schaft mitein­ander schlossen und Bezie­hungen ein­gingen, von denen die Lebenden nichts ahnten«.

Schließlich wird die Telefonzelle, das räumlicheZentrum des Romans, Ort der inneren Einkehr und der Begegnung, nicht zu einem medita­tiven, sakralen Raum erhoben, sondern bleibt das fassbare, reale Ding mit dem einzig­artigen Zauber der Verbin­dung in die Welt der Verstor­benen. Der ist aber kein billiger Trick. Das sehen wir an Yui, die es nicht vermag, in das Räumchen hineinzu­treten. Ihre Angst vor dem Unge­wissen, was der kleine Schritt auslösen könnte, muss erst über­wunden werden.

Mag die eigenartige erzählerische Mischung aus Nüchtern­heit und Magie, aus Zauber und Realismus viel­leicht an die Strenge japani­scher Feder­zeichnun­gen erinnern, deren Betrach­tung dennoch philoso­phische Tiefe erzeugt, so gibt die Autorin uns auch ganz konkrete Einblicke in die Kultur der Japaner, etwa zu den Opfer­gaben auf Haus­altären, zum Brauch, Papier­laternen als Schiff­chen zu Wasser zu lassen, oder zur Bedeutung der Nabel­schnur, die jede Mutter nach der Geburt ihres Babys in einem Kästchen aufbe­wahrt. Zum Verständ­nis tragen auch die Einschübe zwischen den Kapiteln bei, die Alltäg­lich-Konkretes vermit­teln wie die Playlist von Yuis Radio­sendung, eine kindliche Zeichnung von Hana, eine interes­sante Statisik der mensch­lichen Umarmun­gen ebenso wie die traurige der Tsunami-Opfer, dazu kluge Rede­wendun­gen von Fujita-san (»Schlüssel finden sich nie, wenn man dringend aus dem Haus muss«) und vieles mehr. Ein Glossar erklärt die wunder­schönen japani­schen Schrift­zeichen, ein Vorspann die Aus­sprache des Japani­schen.

Mit ihrem Buch gelingt es Laura Imai Messina, durch Positives zu trösten, ohne in hohle positive-thinking-Floskeln zu verfallen. Was sie weiter­gibt, sind »Hoffnung«, die Kost­barkeit von »Freude« und »Schmerz«, die litera­rische Verknüp­fung von »Diesseits« und »Jenseits«. Selbst wenn »einem im Leben noch so viel genommen werden kann«, ist es ebenso wichtig, »sich dem zu öffnen, was es einem geben kann«.


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