Rezension zu »Die Listensammlerin« von Lena Gorelik

Die Listensammlerin

von


Belletristik · Rowohlt · · Gebunden · 348 S. · ISBN 9783871346064
Sprache: de · Herkunft: de

Woody Allen würde sie mögen

Rezension vom 04.10.2013 · 6 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Sofia ist nicht allein. Sie ist die Dritte in einer Kette von vier Frauen aus vier Generationen, und jede hat ihre Last zu tragen. Das gilt selbst für die Jüngste, ihre kleine Tochter Anna, die erst etwa zwei Jahre alt ist, aber mit einem schwe­ren Herzfehler geboren wurde und in wenigen Tagen operiert werden soll. Sofias Mutter heißt Ana­stasia. Sie fühlt sich ständig überfordert und ist leider weder für Sofia eine Stütze noch für die Älteste in der Fa­mi­lie, die 98-jährige Großmutter. Die ist dement und lebt im Altenheim. Kürzlich ist sie von dort weg­ge­lau­fen. Erst Tage später hat die Polizei sie im Perlacher Forst wiedergefunden: »bewusstlos, ausgekühlt, Finger abgefroren, Lungenentzündung, Leistenbruch, Beinbruch an zwei Stellen, Gehirnerschütterung … Ob sich zu operieren lohnt, wissen sie nicht.« Jetzt erkennt sie niemanden mehr, und Anastasia schafft es nicht einmal mehr, sie im Heim zu besuchen. Wenigstens kocht sie zu Hause Hühnersuppe; die bringt Sofia dann zu Großmutter und flößt sie ihr mit »Schnabeltasse, Strohhalm, sogar einer Babyflasche mit Sauger« ein.

Sofia, die Ich-Erzählerin, steht unter Druck. Die bedrohliche Schwäche ihres Töchterchens, deren bevor­stehende schwere Operation, der Verfall der Großmutter, das Ausweichen ihrer Mutter haben ihren Alltag und insbesondere ihr Innenleben aus dem Gleichgewicht gebracht. Halt gibt ihr das außergewöhnliche Hobby, das sie pflegt, seit sie schreiben lernte: Sie führt Listen. Mit der feinsäuberlichen Sammlung dispa­rater Einzelheiten unter einem gemeinsamen Nenner schafft sie Ordnung in einer ansonsten schwer durch­schaubaren, unkontrollierbaren und vergänglichen Welt. Als Zwölfjährige etwa schrieb sie »eine Liste schöner Menschen … eine Liste mit Büchern, die mich zum Weinen [oder] zum Lachen gebracht haben, … mit Büchern, die ich noch einmal lesen will … die noch geschrieben werden müssen … die ich gerne schreiben würde, … mit Allergien … tollen Hundenamen … Lehrern, die besser etwas anderes hätten wer­den sollen, … mit meinen Aufstehzeiten … mit Sätzen, die meine Mutter wiederholt, …«

Mutter Anastasia bleibt nicht verborgen, dass ihre Tochter allabendlich heimlich lange Zettel beschreibt und sich dabei »in einer anderen Welt« aufhält. Ihre Hoffnung, die Leidenschaft werde sich mit der Puber­tät auswachsen, erfüllt sich nicht, der Spleen weitet sich noch aus, und so überzeugt sie ihre Tochter, einen Psychologen (Spezialgebiet Kinder- und Jugendpsychiatrie) aufzusuchen, der ihr mit ihrer »Krankheit, sie heißt Neurose, … helfen kann«.

Doch Sofia lässt sich ihre Listen nicht nehmen. Auch nicht, als an ihrer Manie fast ihre Ehe zerbrach. Flox, ihr Mann, missbilligte die verrückte Schreiberei, die doch ein Wesensteil von ihr ist, was sich für sie logi­scherweise so anfühlte, als lehne er auch sie selbst ab. Doch dann gingen die »sprachlosen Tage« zwischen ihnen vorüber. Heute belächelt Flox Sofias Tick, neckt sie damit und denkt sich seinen Teil.

Inzwischen ist sie »eine Neurotikerin aus Überzeugung«. Wenn Ängste und Sorgen sie zu überrollen dro­hen, bieten ihr ihre Listen einen Zufluchtsort, holt sie sich bei ihnen »Kraft und Ruhe«, so wie andere Men­schen Alkohol trinken, rauchen, Therapeuten aufsuchen, shoppen, beten – Hilfen, die »gesellschaftlich weit anerkannter sind als Listen«. Sie weiß sich in guter Gesellschaft: »Woody Allen würde meine Listen mö­gen.«

Als Sofia Großmutters Wohnung auflöst, entdeckt sie eine unauffällige Holzschatulle, gefüllt mit »sorgfältig gefalteten Blättern«. Wenngleich die kyrillische Handschrift darauf verblasst und kaum noch zu entziffern ist, weiß sie als »Listenprofi« sofort, was sie in Händen hält. Da war sie also nicht »die Einzige auf der Welt« mit dieser Macke; da gab es also sogar in der Vergangenheit der eigenen Familie einen See­len­ver­wand­ten. Wer aber hatte jene Listen erstellt? Wen kann sie danach fragen? Großmutter hat nie von der Vergangenheit erzählt; jetzt hat sie alles vergessen, und Mutter Anastasia tut das Ganze recht lapidar ab.

Die Blätter führen uns in einem zweiten, parallelen Erzählstrang in die Sowjetunion nach Stalins Tod, wo Sofias Großeltern mit ihren drei Kindern leben. Der 1946 geborene Grischa macht den Eltern Sorgen, denn er ist ein wilder Sturkopf, der für jeden Blödsinn zu haben ist und immer gegen den Strom schwimmt. Aber schon als Jugendlicher weiß er, was er will, und setzt sich durch. Als der von ihm verehrte, politisch ge­ächtete Literat und Nobelpreisträger Boris Pasternak stirbt, schwänzt er die Schule, um mit dem Zug zur Beerdigung nach Peredelkino (bei Moskau) zu fahren.

Nach dem Schulabschluss fängt Grischa alle möglichen Arbeiten an, nimmt auch ein Studium auf, bringt jedoch nichts zu Ende. Aber Fotografieren begeistert ihn, und er schreibt Artikel für eine verbotene kleine Zeitung. Der freiheitsliebende Luftikus und »Abweichler« in mehrfachem Sinne schließt sich einer politi­schen Gruppe an und agiert im Untergrund. Er fotografiert Missstände und will die Dokumente durch ei­nen deutschen Freund, einen überzeugten Kommunisten, in den Westen schaffen lassen. Doch ehe es dazu kommt, wird er auf frischer Tat verhaftet. Das Urteil des nachfolgenden Gerichtsprozesses lautet auf le­bens­lange Haft im Arbeitslager Perm. Die Familie eines verurteilten Dissidenten muss mit Sippenhaft rechnen. Aber Grischas Mutter und ihre Tochter Anastasia haben Glück: Bevor die Polizei zuschlagen kann, bringt ein Fluchthelfer sie nach München in Sicherheit.

Vom Schicksal ihres Onkels Grischa wusste Sofia nichts, ja nicht einmal von seiner Existenz. Erst jetzt tritt er durch seine Listen in ihr Leben. Sie stellen das Verbindungsglied dar zwischen zwei Zeiten, zwei politi­schen Systemen, zwei Handlungssträngen, zwei Protagonisten und ihren gänzlich verschiedenen Lebens­weisen. Sofia stößt durch sie auf ein Familiengeheimnis, das mit Schweigen belegt wurde. Sie traut sich nicht zu fragen, warum ihr »noch nie jemand von Grischa erzählt hatte«. Manches findet sie selber heraus und legt eine neue Liste an: »Was ich über Onkel Grischa weiß«.

Die Autorin Lena Gorelik wurde 1981 in Leningrad geboren und emigrierte 1992 zusammen mit ihrer rus­sisch-jüdischen Familie nach Deutschland. In ihrem neuesten Roman »Die Listensammlerin« gestaltet sie überzeugend eine beeindruckende Familiengeschichte, die vier Generationen und zwei Welten überspannt. In ihrem ruhigen, unemotionalen, essayistisch-journalistisch anmutenden Erzählstil vermittelt sie gleicher­maßen heitere wie erschütternde Ereignisse, Porträts und gesellschaftliche Zustände.

Im Kern geht es um Sofias Suche nach ihrer offenbar eigenwilligen Identität. Die gestaltet sich als schwie­rig, wo doch ihre Wurzeln so tief vergraben wurden. Wie kam sie dazu, so fragt sie sich, diese unzähligen Listen zu schreiben? Und andere Ungewissheiten treten hinzu: Warum musste ihr Vater sterben? Erst in der Todesnacht der Großmutter beginnt ihre Mutter sich zu öffnen; sie erzählt »von ihrer Kindheit, von ei­nem Jungen, der anders war als alle anderen Kinder …« Viele Fragen Sofias lässt Anastasia unbeantwortet, und sie schließt mit der Erkenntnis: »Man gewöhnt sich an alles, auch an die Angst« aller Mütter um ihre Kinder.


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