Rezension zu »Die Durchlässigkeit der Zeit« von Leonardo Padura

Die Durchlässigkeit der Zeit

von


Ex-Kommissar Mario Conde soll einen Kunstraub aufklären – auf Bitten eines Schulfreundes. Tiefe Einblicke in das heutige Kuba, wo viele Hoffnungen enttäuscht wurden.
Kriminalroman · Unionsverlag · · 448 S. · ISBN 9783293005426
Sprache: de · Herkunft: es

Tempelritter, die Schwarze Madonna und der Sozialismus

Rezension vom 13.05.2019 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Mario Conde, Ex-Polizeikommissar in Kubas Hauptstadt Havanna, ist bald sechzig Jahre alt und schaut auf ein bewegtes Leben zurück. Die große Wende darin ereignete sich zu Beginn der 1990er Jahre und zwang nicht nur ihn, sondern sein ganzes Land, ja große Teile der Welt, sich neu zu arrangieren. Mit dem Zu­sammen­bruch des Ostblocks verlor Kuba damals seine lebens­wichti­gen Verbün­deten und Handels­partner und versank in bitter­armen Umständen. Der revolu­tionäre Elan des sozialis­tischen Castro-Regimes schlug plötzlich auf dem harten Boden politi­scher und wirt­schaft­licher Tatsachen auf. Man musste neue Wege finden, ent­deckte den Tourismus als Goldesel, ließ den Menschen ein wenig Freiraum für unter­nehmeri­sche Initiativen, hielt aber an der Doktrin und der starren Kontrolle aller Lebens­bereiche fest. Während die einen der jahr­zehnte­lang verklärten Ideologie nach­hingen, machte sich bei anderen Enttäuschung breit, weil frischer Wind und erhoffte Freiheiten ausblieben.

Teniente Conde gehörte zu Letzteren. Unzufrieden mit der Entwicklung und den Zuständen in seinem Berufsfeld hängte er seinen Polizisten­status an den Nagel und handelte fortan mit antiquari­schen Büchern. Wie er sich seither nur noch nebenbei mit Kriminal­fällen befasst, ist Gegenstand von Leonardo Paduras mittler­weile sieben Romanen und einer viertei­ligen Netflix-Serie (»Four Seasons in Havana«, 2016).

Der neueste Band, »La transparencia del tiempo« Leonardo Padura: »La transparencia del tiempo« bei Amazon (übersetzt von Hans-Joachim Hartstein), spielt im Herbst 2014 und dreht sich um die Holzstatue einer Schwarzen Madonna. Die Figur kam während des spanischen Bürger­kriegs nach Kuba und gelangte in den Besitz der Familie eines Schul­freundes, Roberto Roque Rosell, genannt Bobby. Jetzt wurde ihm das Kunstwerk gestohlen, und deshalb wendet er sich nach vielen Jahren erstmals wieder an Mario Conde. Warum nicht an die Polizei? Bobby kennt den Dieb – und hatte eine Liebes­bezie­hung mit ihm. Homo­sexua­lität wird aber in Kuba nicht toleriert.

Bobby, ein androgyner Typ mit extravagantem Äußeren, das Conde weder mit seinen Erinne­rungen an früher noch mit der in sich gekehrten, nieder­gedrück­ten, verzweifel­ten Erscheinung seines über­raschen­den Besuchers in Einklang bringen kann, erzählt dem Ex-Kommissar seinen Lebensweg. Da die Gesell­schaft, seine Eltern und er selbst seine Neigung ablehnten, hat er vierzig Jahre damit verbracht, dagegen anzu­kämpfen, sich »hinter einer Maske verborgen«, allen ein Ich vorgelebt, das nicht seins war. Er hat geheiratet und Kinder gezeugt.

Dann lernte er Raydel kennen, wesentlich jünger und »atem­berau­bend« attraktiv. Doch dessen Interessen sind weniger amourös denn mate­rialis­tisch. Nachdem er es sich zwei Jahre lang in Bobbys vermögendem Dunstkreis gut gehen ließ, verschwand er vor gut einer Woche auf Nimmer­wieder­sehen, im Gepäck Juwelen und die hölzerne »Jungfrau von Regla«. Den Schmuck kann Bobby locker verwinden, nicht aber die Marien­statue, deren Wunder­kräften er seine Gesundheit schuldet. Hilfe bei der Wieder­beschaf­fung ist ihm eine beachtliche Summe wert, und Mario Conde ist dafür genau der Richtige. Keine andere Spürnase bringt so viel Talent und Bauchgefühl, dazu ein weit verzweigtes Netzwerk guter Freunde mit, die ihrerseits beliebige Kontakte, auch gefähr­licher Natur, in den Armen­vierteln herstellen können.

Mehr als die Erzählung der konkreten Ermittlungs­arbeit interes­siert den Autor allerdings die sorgfältige Figuren­zeich­nung und die Erfassung der gesell­schaft­lichen Entwick­lung seines Heimat­landes. Schon seit vielen Jahren verweigert sich Leonardo Padura dabei den offiziell gewünschten Klischees vom kubanischen Inselidyll, und erstaun­licher­weise hat ihn die Zensur trotz seiner kritischen Haltung bislang einiger­maßen unge­schoren durch­kommen lassen.

Im Mittelpunkt seiner detaillierten Beschrei­bungen steht die Hauptstadt Havanna. Die Mär von der Gleichheit aller ist im uner­träglich heißen Herbst des Jahres 2014 längst zerstoben und einem schockie­renden Kontrast­programm gewichen. Eine kleine Ober­schicht, die beste Kontakte in die USA pflegt, genießt ihren Reichtum, auf welche Weise er auch immer ange­häuft sein mag, und geht in den noblen Einkaufs­zeilen, Edel­restau­rants und im traditio­nellen Stil frisch reno­vierten Hotels für super­reiche Touristen ein und aus. In un­mittel­barer Nachbar­schaft hausen Ein­heimi­sche und unge­liebte Zuwan­derer aus dem Osten der Insel in unbe­schreib­lich herunter­gekomme­nen Elends­quartie­ren, lebens­gefährli­chen Ruinen ohne Wasser und Strom. Wer dort Tag für Tag ums nackte Leben kämpfen muss, für den hat die minimale Öffnung des sozialis­tischen Modells keinerlei Verbesse­rung gebracht. In manchen Vierteln gedeiht rohe Krimina­lität dermaßen, dass sich selbst Ex-Polizist Conde nur in Begleitung seiner drei Freunde hineinwagt.

Aber – und das ist vielleicht der noch größere Tabubruch – in Paduras Büchern gibt es Krimi­nalität auch in den höheren Bevöl­kerungs­schich­ten – sie ist aller­dings raffi­nierter, verbor­gener und einträg­licher. Da hält ein Polizist die Hand auf, ein anderer schließt lieber seine Augen, damit die illegale Schatten­wirt­schaft floriert, clevere Gauner saugen das Land aus, verscher­beln seine verbliebe­nen Schätze. Über­deut­lich prangert Padura an, dass sämtliche Chancen einer menschen­freundli­chen neuen Revolution vertan wurden.

Die Aufklärung des Kunstdieb­stahls und weiterer damit verbundener Verbrechen bis hin zu Mord trägt die Roman­handlung. Was es mit der Statue auf sich hat, erfahren wir aus einer umfäng­lichen eigen­ständi­gen Erzählung, die Hobby­autor Mario Conde selbst verfasst. Sein fiktio­naler Held zieht mit den Tempel­rittern (die später selber als Ketzer verfolgt, gefoltert und hinge­richtet wurden) gen Jeru­salem, um die Ungläu­bigen zu richten. Er beteiligt sich am Gemetzel, bereut später seine Untaten und betet um Vergebung. Mit einer hölzernen Mutter Gottes gelangt er auf ver­schlun­genen, aben­teuer­lichen Wegen zurück in das Pyrenäen­tal seiner Kindheit.

»Die Durchlässigkeit der Zeit« ist eine nachdenklich stimmende Lektüre. Die Krimi­nalge­schichte um die gestoh­lene Madonna unterhält gut mit allerlei Über­raschun­gen, besticht aber eher durch ihren interes­santen historisch-kultu­rellen Hinter­grund als durch Nerven aufrei­bende Spannung. Einen noch größeren Lesean­reiz bilden die überzeu­gende gesell­schaft­liche Analyse und die anschau­lichen, bild­kräftigen Schilde­rungen aus diversen Milieus, verbunden mit tiefer Empathie für die vielen geschun­denen Mitbürger. Dass der Prota­gonist (wie sein Autor) der dramati­schen Entwick­lung seines Landes nur ohn­mächtig zusehen kann (»was in Kuba nicht verboten ist, ist illegal«; »aus dieser jahre­lang kumulierten Verwahr­losung konnte nichts anderes entstehen als noch mehr Verwahr­losung, und zwar die schlimmste von allen: die mensch­liche Verwahr­losung«), trägt zu der Wehmut bei, die Mario Conde an der Schwelle zu seinem nächsten Lebens­jahr­zehnt bedrückt. Was ist von seinem Leben geblie­ben? Was wird ihm die Zukunft noch ermögli­chen? Oft genug kann er seine tiefe Traurig­keit nur mit billigem Fusel betäuben. Aber im Schreiben findet er eine Form der persön­lichen Freiheit. Dann erscheint er wie ein Alter Ego seines Autors.


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