Rezension zu »Das neue Herz« von Lina Wolff

Das neue Herz

von


Eine schwedische Jounalistin möchte in Madrid ihren persönlichen Krisen entkommen, gerät aber mitten hinein in die Abgründe eigenwilliger Frauen und Männer, feministischer und patriarchalischer Verhältnisse, von Liebe, Hass und Rache, von Schuld und Vergebung. Ein Roman aus Realität und Fantasie, mit praller Drastik und hintergründigem Humor.
Belletristik · Hoffmann und Campe · · 272 S. · ISBN 9783455010497
Sprache: de · Herkunft: se

Schulen der Herzlosigkeit

Rezension vom 02.11.2021 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Eine schwedische Jounalistin entflieht ihrer deprimie­renden Vergan­genheit (Beziehungs­krisen, Schreib­blockade, Absturz im Job) in die wärmende Sonne der spani­schen Haupt­stadt, wo sie zwanzig Jahre zuvor studiert hat. Hier will sie wieder Fuß fassen und sich stabili­sieren. Dem Alter der wilden Partys und der Techtel­mechtel ist sie inzwi­schen entwach­sen, aber durchaus interes­siert, »ein paar Leute kennenzu­lernen«, und dafür »darf sie sich nicht verschlie­ßen«. Schneller, als sie es wahr­haben will, ist sie in einer Bar im Gespräch mit einem Mann namens Mercuro Cano, dessen Zunge sich bald löst und derart Erstaun­liches enthüllt, dass die Schwedin den Fremden in ihr gemie­tetes Apparte­ment aufnimmt und ihm dort eine Art Asyl gewährt.

Was Mercuro ihr im Laufe des ersten Abends und danach zu erzählen hat, ist die desas­tröse Entwick­lung seiner Ehe. Obwohl Soledad Ocampo, seine Ehefrau, die Einzige ist, die er jemals liebte, hat er sie betrogen – sei es aus ehelichem Überdruss oder aus Lange­weile. Nun lässt er nichts unver­sucht, die Ehe zu retten, und willigt dazu sogar ein, an einer höchst ungewöhn­lichen Paar­therapie teilzu­nehmen.

Die Sitzung wird von der Nonne Lucia geleitet und unter dem Titel »Fleisch und Sühne« live im Darknet gestreamt. Wiewohl 93 Jahre alt und von zier­licher Gestalt, ist Lucia de facto verbit­tert, nieder­trächtig und von Männer­hass getrieben. Unmiss­verständ­lich erklärt sie dem Ehe­brecher seine einzige Option, um Frau und Ehe zu retten. Nur so könne er beweisen, dass er seine Frau wahr­haftig liebt und zurück­gewin­nen will, nur dann habe er für seine Seiten­sprünge hinrei­chend gesühnt, nur so könne ihm verziehen werden: Er muss Soledad sein Herz schenken.

Lucia schwelgt keineswegs in kitschigen Metaphern, sondern spricht brutalen Klartext. In der Tat ist Soledad schwer herzkrank und wartet dringend auf ein Spender­organ. Jetzt fordert sie Mercuros Herz ein, der Operations­termin ist bereits gesetzt, und der unwillige Organ­spender ergreift die Flucht.

Unsere Erzählerin, bei der der Wider­spenstige Unter­schlupf gefunden hat, ist erschüt­tert von so viel Herzlosig­keit, findet jedoch gleich am nächsten Morgen auch ein Gegen­beispiel von wahrer Aufopfe­rung. Als sie durch den nahen Park schlen­dert, um sich der »Freude am Neuen«, an der Sprache, den Gerüchen, einem Bad hinzu­geben, beob­achtet sie eine ältere Dame, die sich unentwegt und mit immer gleichen Gesten und Phrasen um ihren schwerst­behinder­ten Mann im Rollstuhl kümmert. Man kommt ins Gespräch, und die Schwedin ist beein­druckt von so inten­siver Verbun­denheit »durch großes Leid und durch großes Glück«. Als sie erfährt, dass die beiden eine Haushalts­hilfe suchen, möchte sie Teil dieser wunder­baren Gemein­schaft werden und bewirbt sich. Erfahrung mit Kranken­pflege hat sie keine, aber ihre Prokla­mation guten Willens und fester Vorsätze ver­schaffen ihr die Anstel­lung. Beseelt von dem frommen Wunsch, im Leben »etwas zu geben« statt von anderen zu nehmen, beginnt sie ihre Arbeit gleich am nächsten Tag und durch­läuft in dem harten Job eine Art Selbst­verwirk­lichung, bis sich ihr Schütz­ling urplötz­lich von ihr abwendet und wieder von seiner Ehefrau umhegt werden will. Das freilich über­fordert die Frustra­tionstole­ranz der guten Helferin bei weitem und löst ungeahnte Reflexe aus. Die Stelle ist sie los, aber der Roman nimmt Fahrt auf.

Immer merkwürdigere Züge nimmt die Geschichte an, während sie uns durch fantas­tische, absonder­liche, skurrile und komische Szenen führt. Kulmi­niert die Handlung am Ende des ersten Kapitels schon in einer Totschlags­szene, so lesen wir im zweiten Kapitel die schauer­liche Lebens­geschichte der Nonne Lucia, wie sie sie der Journa­listin (die sie Bennedith nennt) nach und nach in einem Brief­wechsel preisgibt.

Da darf weder der berüchtigte Generalissimo Franco noch ein brutaler Stief­vater (ein Metzger natürlich) fehlen, der die Fünfzehn­jährige abzu­härten trachtet, indem er sie prügelt und bei seinen Misshand­lungen an Mensch und Tier zuzu­schauen zwingt. Noch nach seinem thema­tisch adäquaten Abgang zeitigen seine Misse­taten Grauen erregende Folgen. Eines seiner Opfer will nun am Töchter­chen Rache nehmen, wobei aus »Auge um Auge, Zahn um Zahn« jetzt Daumen um (Lucias) Daumen wird.

Ein Erweckungserlebnis triggert den Wende­punkt in Lucias Leben: Sie tritt in ein Kloster ein und wird Beicht­mutter für viele Frauen. Doch ihre wahre Bestim­mung findet sie erst, indem sie ihnen Anlei­tungen zur Lebens­führung bietet, Hilfe­stellung bei der Bewäl­tigung schwie­riger Probleme leistet. Den Gipfel ihrer Berufung erreicht sie schließ­lich Jahre später mit der Internet-Show »Fleisch und Sühne«, in der ihre Opfer bis zur Unerträg­lichkeit gede­mütigt werden, auf dass sie bessere Menschen werden.

Die schwedische Schriftstellerin Lina Wolff, geboren 1973, hat mit »Köttets tid« (von Stefan Pluschkat ins Deutsche übersetzt) einen wahrhaft außer­gewöhn­lichen Roman weitab vom Main­stream geschaf­fen, über den man sich als Satire auf allerlei Zeit­strömun­gen im Geschlechter­verhäl­tnis, der Selbst­verwirkli­chung oder ›korrekten‹ Lebens amüsieren kann, dessen Abson­derlich­keiten einen aber auch befremden und ratlos zurück­lassen können. Einer­seits wirft er tiefgrün­dige Fragen zu den Themen Liebe, dem Sinn des Lebens, der Suche nach dem Selbst auf, anderer­seits relati­viert er seine Ernst­haftig­keit wieder mit seinem konstru­ierten Handlungs­gang und durch verküns­telte Überstei­gerungen, Abstrusi­täten und Gewalt­szenen. Einer­seits geht es um Einblicke in die mensch­liche Psyche, ihre Geheim­nisse und Abgründe, anderer­seits sind die Figuren und ihre Lebens­geschich­ten nicht lebensnah, sondern allzu papieren, um ihre Funktio­nen in dem ebenfalls artifi­ziellen Plot ausfüllen zu können, .

Während der Originaltitel »Köttets tid« (übersetzt: »Die Zeit des Fleisches«) passende, leicht myste­riöse Bilder evoziert, tut sein vom deutschen Verlag gewähltes Äqui­valent genau dies nicht. Obwohl »Das neue Herz« natürlich faktisch zutrifft, wenn man das Buch schon kennt, mag der uninfor­mierte Betrach­ter spontan roman­tisch-leichte Kost »fürs Herz« erwarten – viel­leicht einen Arzt­roman oder Märchen­haftes nach Wilhelm Hauff?


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