Rezension zu »Der Hund, der nur Englisch sprach« von Linus Reichlin

Der Hund, der nur Englisch sprach

von


Felix Sell, 64, durchlebt ein psychedelisch anmutendes Abenteuer voller schräger Begebenheiten und/oder Fantasien.
Belletristik · Galiani · · 320 S. · ISBN 9783869712857
Sprache: de · Herkunft: de

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Träum ich oder wach ich?

Rezension vom 14.11.2023 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Dieser Roman wird jeden abgebrühten Realisten zum Wahnsinn treiben – wenn er oder sie sich das Buch überhaupt zumutet. Sein Autor Linus Reichlin, der in seiner Schweizer Heimat und in Berlin lebt, erzählt zwar durchaus nach­voll­zieh­bar und vor allem äußerst amüsant, was seinem Protago­nisten Felix Sell wider­fährt, doch gerät selbst der in kürzester Zeit aufs Glatteis und kommt schließ­lich im wahrsten Sinn des Wortes auf den Hund. Es ist das über­bor­dende Spiel mit changie­renden Ebenen aus Realität, skurrilen Fantasien, Satire, Albern­heiten, Träumen, Erleb­nissen mit bewusst­seins­erwei­ternden Drogen und aus­ufern­dem Fabu­lieren, das den Reiz dieser Lektüre ausmacht – wenn man denn eine Ader dafür hat.

Der titelgebende Hund ist ein flinker kleiner Jack-Russell-Terrier mit Namen Hobo, der bereits im Prolog abhaut, während er mit Felix, seinem Herrchen, in Florida weilt. Doch davor hat es bereits genug Verwir­rung gegeben.

In einer heißen Berliner Juli-Nacht drängte sich wieder einmal altbe­kannter Liebes­kummer in das Bewusst­sein des allein­stehen­den Felix Sell, 64. Die Verflos­sene ist die bild­schöne Nicole, seit über vier Jahr­zehnten von ihm getrennt (wenn sie ihm denn je verbunden war), und ihre letzte schrift­liche Nachricht ist auch schon zehn Jahre her. Einst hat sie ihren gemein­samen Mit­schüler Gerry gehei­ratet, und natürlich lebt sie auf einem anderen Stern, seit der Bundes­präsi­dent geworden ist.

Beim Betrachten seiner Lieblings-Schall­platten aus ferner Ver­gangen­heit erinnert sich Felix daran, wie Nicole Ende der Siebziger mit ihm zu »Deep Purple In Rock« das Küssen übte, »bis die Zähne zu­sammen­stießen«. Das war eine »schöne, schwie­rige, teil­weise miese, lebendige, ver­klemmte, groß­artige, demüti­gende, blöde und tolle Zeit«. Lustig und locker waren die Leute damals nicht. Krieg, Terror und ein Atom­schlag lauerte hinter jeder Ecke, und auch im eigenen Mikro­kosmos mit den Eltern und Lehrern gab es ständig Zwist. Doch für ihn war das alles neben­sächlich, solange ihm Nicoles Küsse eine besonders glück­liche Zukunft zu ver­heißen schienen.

Beim Stöbern in seinen Platten und Erinnerungen fällt Felix ein Tütchen in die Hände, darin Pillen, die Nicole und ihn einst in ungeahnte Ekstasen gemein­samer Glück­selig­keit katapul­tieren sollten – bevor die für ewig vorge­sehene Bindung abrupt endete. Um Jahr­zehnte verspätet und ganz allein wirft Felix das LSD jetzt ein, schreibt eine Mail an Nicole (»nur mal wieder Hallo sagen«) und fühlt sich sauwohl, während er in ein unkon­trollier­bares Nirwana zwischen Realität und Halluzi­nation abdriftet. Aus welchem Bereich dringt das auf­dring­liche Kratzen an der Woh­nungs­tür an sein Ohr? Das kleine braun gefleckte Etwas im Treppen­haus ist unzwei­felhaft ein Hund, doch wie erklärt sich, dass er ihn anspricht, noch dazu mit authen­tischem amerika­nischen Akzent? »Get me some water […] I’m dry like a rattle-snake’s ass. Thirsty. Dehy­drated, got it?«, fordert er frech, und damit nimmt eine absolut verrückte Story ihren unterhalt­samen Lauf.

Nach und nach erfährt Felix, dass das sprachgewandte, clevere Vier­beiner­chen mit treu­herzi­gen Augen und auffällig domi­nantem Charakter Zuflucht vor »bad people« sucht, die den Signalen des GPS-Senders in seinem Halsband folgen und ihn einfangen wollen. Ist Felix da auf einem Trip jenseits des Verfalls­datums, oder ist ihm womöglich ein Geschöpf aus dem Labor, der Prototyp eines Wesens von künst­licher Intelli­genz zuge­laufen? Indiziert die üppige Belohnung von einer Million Dollar für das Abliefern des Wesens bei guten Freunden in Florida, dass es um ein ganz großes Zukunfts­geschäft geht, oder ist auch das nur ein Traum? Dem Autor müssen die irr­witzigen, spinner­ten Einge­bungen selbst bei bester Laune zuge­flogen sein, so wendungs­reich ent­wickelt sich eine absurde Ver­folgungs­jagd über viele Neben­schau­plätze.

Auch seine menschlichen Protago­nisten sind Linus Reichlin gut gelungen. Wie der Hund ist auch Felix ein schil­lernder Charakter zwischen Realität, Satire und aus­ufernder Fantasie. Im früheren Beruf Land­schafts­architekt, verändert er das Ambiente jetzt unkon­ventio­nell und ganz und gar »nicht so, wie es sich das Grün­flächen­amt von Berlin wünscht«, wo man Baumwohl über Menschen­wohl stellt. Dabei verfins­tern Bäume Wohnraum, ziehen Unge­ziefer an und werfen jedes Jahr tonnen­weise Laub ab. Also hat sich Felix als »Baum­vernich­ter« einen Namen gemacht, wird unter der Hand von leidenden Garten­besit­zern weiter­gereicht und verdient sich bei heim­licher Nacht­arbeit mit Axt und Gift eine goldene Nase. Aber auch einem wie ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich mit seinem merk­würdigen Hund, der »ego­manisch und narziss­tisch« vorzugs­weise im Imperativ formu­liert, für dreißig Tage zu ver­stecken, bis die für die Einreise in die USA unum­gäng­liche Schutz­impfung ihre Wirkung getan hat. Da kommt die Tessiner Ferien­wohnung der Zwillings­schwester gelegen. Dass das ge­schwister­liche Verhält­nis seit Kindheits­tagen durch Eifer­sucht, Neid und allerlei Probleme belastet ist, sorgt für weitere chao­tische Episoden.

Keine Figur in diesem Roman bleibt von Häme verschont. Nicole etwa tat sich zu Schul­zeiten mit rassis­tischen Sprüchen hervor, und mancher Zeit­genosse könnte mit Über­lieferun­gen aus der Ver­gangen­heit ihres heutigen Gemahls Skandäl­chen im Regie­rungs­viertel zünden. Da sprüht der Autor allerlei Ätzendes gegen den Zeitgeist und das Berliner Milieu.

Wie mag dieser erzählerische Parforce­ritt enden, wie mögen sich seine Rätsel auflösen? Origi­neller­weise wirft uns der Autor auf uns selbst zurück. Wie immer im Leben müsse man »selbst ent­scheiden«, und so bietet Reichlin zwei Schlüsse an – einen, »dem man trauen kann«, und einen, »dem man nicht trauen kann«. Wer will, kann die Lektüre auch abbrechen oder wenigs­tens noch das Nachwort des Autors lesen, in dem er mit der kreativen Freiheit des Schrift­stellers koket­tiert. Wem das alles nicht gefällt, dem rät er abschlie­ßend: »Kaufen Sie nächstes Mal das Buch eines Autors, der auf alles eine Antwort hat.«


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