Rezension zu »Omama« von Lisa Eckhart

Omama

von


Entlang einem lockeren Handlungsfaden aus dem Leben der Großmutter serviert die sprachbegnadete Satirikerin ein buntes Panoptikum an scharfen Beobachtungen, klugen Überlegungen, bissigen Kommentaren, angerichtet in ausgefuchster Rhetorik und einer Extraportion Drastik, garniert mit nur scheinbar anheimelndem Dialekt.
Satire · Zsolnay · · 384 S. · ISBN 9783552072015
Sprache: de · Herkunft: at

Lisas Welt

Rezension vom 09.10.2020 · 4 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Seit Ende 2015 steht Frau Lasselsberger auf Bühnen in Öster­reich und Deutsch­land, seit 2017 haben Auftritte im Fernsehen sie richtig bekannt gemacht. Mit messer­scharf kalku­lierten Inhalten und ausge­feilter Sprache (Intona­tion und öster­reichi­sche Einspreng­sel einge­schlossen), die sie in streng durchge­styltem Äußeren und theatra­lisch-artifi­ziellen Gesten präsen­tiert, hat die Perfektio­nistin es geschafft, ihre Kunst­figur »Lisa Eckhart« als Marke von höchstem Wieder­erkennungs­wert zu eta­blieren.

Solche Kunstfiguren haben eine Tradition von Jahrhun­derten. Hofnarren, Pulci­nella, Eulen­spiegel, Harlekin und Gangsta-Rapper sind unter ihren Kostümen womöglich brave Bürger, und jeder weiß, dass die Frech­heiten, die ihre Masken dem Publikum an den Kopf werfen, nur Provoka­tionen sind, die unter­halten und nachdenk­lich machen sollen. Man sieht ihnen nach, dass sie mit dem Feuer spielen, an Tabus rühren, Gefühle verletzen, wie es auch der Satire erlaubt ist.

In moralisch rigiden Zeiten kommt solch frei­zügiger Schalk freilich schlecht an. So ist auch Lisa Eckhart nach ihrem raschen Karriere­auf­schwung bei den purita­nischen Hütern der political correct­ness in Ungnade gefallen (siehe Wikipedia-Artikel über »Lisa Eckhart«) und bekommt neuer­dings das Etikett »um­stritten« ange­heftet, wie auch ihr Förderer und Fürspre­cher Dieter Nuhr. Wie lange wird das öffent­lich-recht­liche Fernsehen den beiden per shitstorm waidwund geschos­senen Stars noch Sendezeit einräumen?

Während Nuhr als Sprachrohr gesunden Menschen­verstan­des von einer breiten bürger­lichen Mitte geschätzt und gestützt wird, reizt Lisa Eckharts diffizile Bühnen­show diverse Grenzen bis ins kaum noch Erträg­liche aus. Einer­seits gibt sie sich ästhe­tisch elitär (als Design-Kunstwerk, mit exal­tierter Artiku­lation und würde­voller Gestik, mit akribi­scher Wortwahl, die souverän auf der Klaviatur kühner Breit­seiten und gewagter Mehr­deutig­keiten spielt), anderer­seits kann sie unsäglich ordinäre Dinge aus­walzen und mit den brisan­testen Tabus zündeln. Ihre Auftritte sind Ritte auf der Rasier­klinge, die gleich­zeitig intellek­tuelle Hellhörig­keit und, wenn es wieder einmal weit unter die Gürtel­linie des guten Geschmacks geht, ein dickes Fell erfordern.

Nun hat Lisa Eckhart ihren Debütroman veröffentlicht. Hält er, was die ambitio­nierte Bühnen­perfor­mance ver­spricht? Auf der Bühne reißt uns der Sog ihrer gemessen vorge­tragenen Zuckerln und Zumu­tungen mit, beim Lesen aber können wir inne­halten, nach­schmecken, runter­schlucken oder aus­speiben.

Passt scho, könnte man erst einmal konstatieren. Kaum ausblend­bar läuft beim Lesen vor dem inneren Auge das Videobild der Autorin, wie sie sozusagen die Hörbuch­version dekla­miert – und das klingt eins zu eins authen­tisch. Eine putzige Familien­aufstel­lung mit Fensterl in Lisa Eckharts Privat­leben wird kein Kenner erwarten, aber wie sie gleich im ausgie­bigen Prolog klar­stellt, ist ihr Buch nicht einmal die übliche Eloge auf vom Leben geprüfte, weise, gütige Ahnen, die den Enkeln die Welt erklären. Nein, sie selbst, das Enkerl, werde dem Leser die Welt erklären, und das »anhand des Lebens meiner Groß­mutter«. Die drei Haupt­teile des Romans erzählen denn auch Episoden aus der Vita von »Omama« Helga und ihrer zwei Jahre älteren Schwester Inge von 1945 bis in die Neunziger­jahre oder länger. Nüchtern betrach­tet verläuft ihr Leben recht haus­backen und unspek­takulär, bietet der Enkelin aber reichlich Anlässe für drastisch zuge­spitzte Schilde­rungen und welt­erklä­rende Exkurse aller Art, wobei die Erzäh­lerin haupt­sächlich Watschn austeilt, an Männer und Frauen, Jung und Alt, Verwandte und Fremde, vor allem aber Öster­reicher. Ob »diese Biografie als Hommage oder als Rufmord« zu verstehen ist, soll jeder Leser selbst entschei­den, und er mag seine Antwort gleicher­maßen auf die »Omama« und auf die Alpen­republik beziehen.

Denn was hier abgeht, ist schon deftig. Der erste Teil stochert in gleich mehrere Wespen­nester. Als 1945 »der Russe« in die Steier­mark einmar­schiert, geht ihm der Ruf unsäg­licher Schand­taten voraus. Um das hübsche Schmuck­stück Inge für bessere Partien in Friedens­zeiten zu schützen, versteckt man sie unter dem Bett und bietet den »Barbaren« obendrauf die unattrak­tive Helga feil. (Darf Satire junge Frauen derart sexis­tisch auf ihre körper­liche Verwert­barkeit reduzie­ren?) Die Besatzer des Dorfes Mautern zeigen jedoch weder an der einen noch der anderen Interesse und erweisen sich gar als anstän­dige Menschen. (Darf Satire ein düsteres Kapitel der Geschichte derart klittern?) Im Übrigen lernen wir den elter­lichen Erziehungs­stil (bevorzugt Watschen) und seine Wirkung (keine) auf das Wesen der beiden pubertie­renden Mädchen kennen. Während die geistig schlichte Inge (Darf Satire derart platte Klischees über Frauen warm­halten?) sich gern von »allen dreckigen Bauern­knechten … auf den Heuböden … umfassend aus­greifen ließ«, hält Helga ihr den Rücken frei, wenn die Mutter spät nachts nach ihrem Verbleib fragt, und ent­wickelt dabei eine Missgunst und Boshaf­tigkeit, die das schwes­terliche Verhält­nis fürs Leben prägt.

Teil Zwei schildert das Treiben im sozialen Gefüge von Mautern Mitte der Fünfziger­jahre. Das Wirtshaus mit griffiger Wirtin ist sein Zentrum, das Saufge­lage einer Hochzeit sein höchstes Fest, die frei­willige Feuerwehr der Gipfel des Klischees (der Hauptmann ist pyroman, seine Mannen dauer­besoffen). Trinker, Dorfdepp, -schönling und -matratze sind »die vier­fältige Einfältig­keit«, die »sakralen Säulen« der Gemein­schaft. Was die Männer und Frauen verbindet, verrät schon das dialek­tale Vokabular: Der »Haberer« wird komplett von seinem »Zumpferl« gesteuert, patscht jedem »Flit­scherl« ans »Popscherl«, und jede »Trutschn« lässt sich »aus­greifen«, bis »die Tuttln owi­gschmir­gelt« sind. Die so gewiefte wie fühllose Mutter entlässt ihre Töchter schließ­lich hinaus in die Welt, wo sich ihre Wege trennen. Inge landet als »Kindsfrau« bei einem Wiener Professor, Helga als »Kinder­frau« bei einem Doktor in Gmunden. Die Helga »hilft dem Doktor in den Mantel, die Inge dem Professor heraus«. Am Ende kehrt Helga in die Steier­mark zurück, arbeitet bei einem ein­armigen Wirt und heiratet dessen Sohn. Im dritten Hauptteil erweist sich Helga als gewitzte Unter­nehmerin, indem sie Schmuggel­fahrten mit debilen Senioren ins nahe Ungarn organi­siert und später wunder­same Heil­salben ver­tickert. Mit Familien­ausflügen und einer kruden Kreuz­fahrt mit der 1992 geborenen Enkelin Lisa klingt die turbu­lente Achter­bahn­fahrt aus.

Zwar folgt die Ich-Erzählerin den Fähr­nissen im Leben der Groß­mutter im Grunde chrono­logisch, lässt sich jedoch beständig fort­reißen zu spontanen Ausflügen. Dann schlägt sie mitunter weite Bögen in Raum und Zeit bis ins Heute und reflek­tiert oder spöttelt über wunder­liche Charakter­typen, psychi­sche Eigen­tümlich­keiten, körper­liche und verhaltens­mäßige Ausprä­gungen von Frauen und Männern aller Alters­stufen, regionale und nationale Besonder­heiten.

Das wahrhaft Herausragende an diesem Buch ist allerdings seine brillante sprachliche Gestaltung. Lisa Eckhart ist kein Comedy-Leicht­gewicht der ober­fläch­lichen Gags. Die studierte Germa­nistin (Paris, FU Berlin) weiß ihre Worte wie Waffen zu wählen und Effekte auf des Messers Schneide zu lancieren. Ihr Vortrag ist ein Staccato aus kurzen Haupt­sätzen, eine uner­schöpf­liche Kaskade zise­lierter Wort­spiele, sei es mit dem Klang, sei es mit den Bedeu­tungen der Wörter. Rheto­rische Figuren von der Allite­ration bis zum Zeugma pflastern den Weg wie origi­nelle, spaßige Belege für ein Lehrbuch, darunter auffällig häufig die seit mindes­tens einhun­dert Jahren aus der Mode gekom­mene Ellipse, dazu exotische Wort­gemmen (»Riposte«), kühne Metaphern und gewagte Ver­gleiche. Einzel­beispiele zu zitieren wäre kontra­produktiv, denn Eckharts Sprache wirkt als flie­ßendes Ensemble. Im zügigen Vorbei­rauschen fügt sich alles zu einem bunten Satire­bild.

Dass die Autorin einen deutlichen Akzent auf sexuelle und ver­dauungs­bezogene Themen setzt, stößt manchem nach­vollzieh­barer­weise auf. Was früher als fortschritt­liches Brechen von Tabus gegolten haben mag, ist heutzu­tage halt nur noch abge­schmackt. Anders als im Volks­theater bremst hier keinerlei Gscha­migkeit die Drastik des Gebotenen. Die Wort- und Bildwahl ist deftig ordinär – und doch wegen der maßlos übertrei­benden Zuspit­zung und des unge­hemmten Spiels mit Tabus irgendwie witzig. Auch das zumindest in Deutsch­land wohl als anhei­melnd-harmlos empfun­dene dialek­tale Konfekt vermag inhalt­liche Tief­schläge ein wenig zu versüßen. Das Öster­reichi­sche verfügt offenbar über unge­zählte Vokabeln für die entspre­chenden Körper­teile, -öff­nungen, -betäti­gungen, und allein »vierzig fürs Brunzen«.

Und doch sind gelegentlich befremd­liche Brüche zu beklagen, wenn der durchaus gehobene Text zwischen der intellek­tuell-analyti­schen und der provo­kant-tabu­anrüh­renden Seite wechselt, manchmal wie obsessiv. Sprach­lich frappiert das dann, aber die inhalt­liche Brücke trägt nicht immer. Beispiels­weise kom­mentiert die Autorin ironisch die »intrin­sische« Beziehung zwischen Mutter und Kind (»Die Mutter würde ihrem Kind wohl auch den Mutter­mord verzeihen, wäre sie dazu noch imstande.«), um dann die »zwang­hafte Treue der Mutter, deren Arme nur das Kind um­schließen«, von der »zwang­haften Treu­losig­keit einer Dirne, deren Beine jedem offen­stehen«, abzu­setzen. So stehen Handlung und Inhalt doch ein wenig im Schatten der sprach­lichen Pracht und Überfülle.

Ein bisserl schmerzt mich übrigens, dass die so umwerfend sprach­sensible Lisa durch­gehend das neu­modische »Nichts­desto­trotz« verwendet. Wem stünde es besser an als ihr (die ihr Opus mit einem Mephisto-Zitat schließt), dem in sich schlüssi­gen »Nichts­desto­weniger« die Stange zu halten, anstatt einer groben Grammatik­verge­walti­gung aufzu­sitzen?


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