Rezension zu »Was du liebst, gehört dir nicht« von Louise Doughty

Was du liebst, gehört dir nicht

von


Belletristik · Bertelsmann · · Gebunden · 350 S. · ISBN 9783570100547
Sprache: de · Herkunft: gb

Wahre Liebe - auf Schmerz gegründet

Rezension vom 30.06.2012 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Laura Needham, die Ich-Erzählerin, lebt seit drei Jahren allein mit der neunjährigen Betty und dem dreijährigen Rees. David, ihr Ex-Mann, hat seine langjährige Beziehung Cloe geheiratet. Mit ihr und dem wenige Monate alten Säugling Harry leben sie im selben Ort. Betty und ihre Freundin Willow sollten heute mal allein vom Tanzunterricht nach Hause kommen. Den Weg hatte Laura mit Betty geübt und auf Gefahrenstellen hingewiesen. Doch das Mädchen ist noch immer nicht zu Hause eingetroffen. Stattdessen stehen zwei Polizisten vor der Tür. Sie begleiten Laura zur Notaufnahme des Krankenhauses, in dem Laura als Physiotherapeuten allen Kollegen gut bekannt ist. Haltung bewahren, Schritt für Schritt den vertrauten, ihr endlos erscheinenden Flur entlang gehen, bis sie Betty sehen wird. Die Diagnose "multiple innere Verletzung" nimmt sie kaum wahr. Erst als sie das Laken anhebt, in das Gesicht blickt, "die Ewigkeit dieser Ruhe" erkennt, bricht Laura in Tränen aus.

Auf gut zehn Seiten verlangsamt die Autorin Louise Doughty die Zeit, um Lauras Hoffnung so lange wie möglich leben zu lassen. In einfachem Satzbau, überwiegend kurzen Haupt- und Nebensätzen beschreibt die Autorin jede Handlungssequenz eindringlich und detailreich. Ihre präzise Beobachtungsgabe, ihr Vermögen nachzuempfinden, wie ein Mensch sich in einer Ausnahmesituation verhalten kann, nimmt den Leser von Anfang an gefangen. Aus dem Klappentext weiß er schon, dass Betty von einem Auto tödlich verletzt wurde.

In je zwei alternierenden Kapiteln "Vorher" und "Nachher" erzählt Laura von ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Ihr Vater ist früh verstorben. Aufopferungsvoll hat sie schon mit 14 Jahren ihre an Parkinson erkrankte Mutter gepflegt. In der Schule ist sie mit Jenny befreundet. Beide sind Spitzenschülerinnen ("Hirnaktive"), die ihre Außenseiterrolle bewusst pflegen. Als Studentin lernt sie David kennen und trifft ihn mehrmals; zuletzt ist er mit Rückenbeschwerden seine Patientin. Sie haben eine intensive Beziehung, und sein Heiratsantrag auf den Steilklippen der englischen Küste ist schon mehr als außergewöhnlich. Für einen Mann wie ihn wird man einen Preis zahlen müssen, und der heißt Cloe.

Nach Bettys Beerdigung fällt Laura in ein depressives Loch. Sie glaubt, die ganze Welt habe sich gegen sie verschworen. Sie igelt sich ein, kuschelt sich in Bettys Bett, verlässt das Haus nur gelegentlich, am liebsten nachts, wenn sie keiner beobachten kann. Rees zuliebe versucht sie, eine gewisse Normalität im Alltag aufrechtzuerhalten, was ihr jedoch kaum gelingt. Schließlich ist sie froh, dass David sich mehr um den Jungen kümmert.

Ab und zu spricht sie mit David. Toni, die Polizistin, die am Tag des Horrors Dienst tat, schaut als "Familienvertrauensbeamtin" ab und zu mal vorbei. Laura isst nicht, schläft nicht, spricht nicht. Toni macht sich Sorgen, hält sich aber zurück, denn sie durchschaut die gesamte familiäre Situation: Auch David leidet am Verlust seiner Tochter.

Während Laura sich nach außen abschottet, tobt ihr Inneres. Ihre Gefühlswelt ist aus den Fugen geraten. Neben Selbstmordplänen hegt sie grausame Rachegedanken. Wenn es ihr schon dreckig geht, ist es nur gerecht, wenn andere auch leiden. Als Willow, die bei dem Unfall ebenfalls verletzt worden war und dann auf der Intensivstation gepflegt wurde, verstirbt, ist Laura geradezu erleichtert, dass deren Mutter Sally, die sie noch nie gemocht hatte, nun doch noch gestraft wird.

So nimmt die Handlung dynamisch immer mehr Schwung auf, wobei man nicht einmal sagen kann, dass Lauras Bosheit die treibende Kraft ist. Im Gegenteil: Laura wird durch anonyme Anrufe und Briefe terrorisiert, hinter denen ihrer Meinung nach nur eine Person stecken kann.

Lange hat sich Laura nicht für den Fahrer des Unfallwagens interessiert. Erst als Toni ihr von Fahrerflucht und Strafe erzählt, liest sie längst überholte Zeitungsberichte. Mr. A., der Fahrer, ist ein aus dem Kosovo geflüchteter Mann. Als Laura ihn aufsucht, vertraut er ihr seine Lebensgeschichte an: Seine ganze Familie ist tot, nur etwas ist ihm noch geblieben. Laura bringt kaum Anteilnahme auf, aber zugehört hat sie ihm genau: Da gibt es eine Wunde, in die sie stechen könnte.

Wie tief muss ein Mensch sinken, der glaubt, Genugtuung zu erfahren, indem er sich selbst erniedrigt? Aus reinem Rachegefühl an David, dem Fremdgänger, treibt es Laura mit dem Mann, der ihre Tochter getötet hat – merkwürdige Wollust aus niedrigsten Instinkten.

Auch Cloe und David wird es noch heftig erwischen, denn schließlich muss jeder sein Päckchen tragen. Als David endlich am Boden zerstört ist, geht es Laura richtig gut. Sie werden am Schluss wieder zusammenziehen und eine Partnerschaft führen, deren Liebe auf Schmerz gegründet ist. "Auf Schmerz gegründete Liebe – das ist eine, die hält. [...] allein der Verlust dessen, was wir lieben, gehört uns auf immer und ewig."

Wer ist diese Laura? Eine zutiefst sensible Mutter, die ihr Kind und ihre Liebe verloren hat und glaubt, schuldig zu sein? Nein, das ist zu oberflächlich. In "Was du liebst, gehört dir nicht" ("Whatever you love", aus dem Englischen übersetzt von Astrid Arz) entwickelt Louise Doughty eine krankhafte multiple Persönlichkeit, eine Protagonistin, deren Gefühlswelt nach jahrelanger Unterdrückung ins Maßlose ausbricht. Wie passt das zu Lauras Intellekt und ihrer Lebenserfahrung im Umgang mit vielen kranken Menschen? Sie müsste doch rational agieren können. Dass der Roman an diesem Widerspruch nicht scheitert, gelingt der Autorin durch ihre überzeugende messerscharfe Analyse des Selbstwertgefühls ihrer Protagonistin. Sie ist letzten Endes rein gefühlsgesteuert, getrieben von Wut, Hass, Jähzorn, Eifersucht und Rache. Immer sich selbst in den Mittelpunkt stellend, empfindet sie alles Übel als gegen sich gerichtete Ungerechtigkeit. Zu Empathie ist sie unfähig; sie nimmt das Leid anderer erst wahr, wenn sie mit der Nase darauf gestoßen wird, und dann dient es ihr eher als Stimulans, sich besser zu fühlen.

Wenn man über ein paar Längen im Mittelteil des Romans hinwegsieht, ist "Was du liebst, gehört dir nicht" eine faszinierende Lektüre, die zum Schluss hin so prickelnd spannend wie ein Psychothriller ist. Deswegen habe ich dieses Buch in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher aufgenommen.


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