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Rezension zu »Il sonaglio« von Andrea Camilleri

Il sonaglio

von


Belletristik · Sellerio · · 193 S. · ISBN 9788838923562
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sizilien

Metamorphosen Teil 3: Mensch und Tier

Rezension vom 29.06.2012 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Andrea Camilleri haben vor allem seine vielen commissario-Montalbano-Krimis international berühmt gemacht. Nicht ganz so bekannt ist, dass er auch historische Romane verfasst, die den Charakter Siziliens und seine geschichtliche Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert illustrieren. Ihre Helden sind nicht die Politiker, Großgrundbesitzer, Mafiosi und Strippenzieher, sondern die kleinen Leute, deren Leben von den Erstgenannten geprägt wird. Wir erfahren Sizilien aus der Perspektive seiner "normalen" Menschen. (Auf Bücher Rezensionen finden Sie 'Die Münze von Akragas' und 'Streng vertraulich' rezensiert.)

Seit 2007 hat der Meister anmutigen Erzählens dem Bild seiner Heimat einen weiteren Aspekt hinzugefügt, der ihre historische und kulturelle Tiefe erspüren lässt. In einer Trilogie schmaler Erzählungen greift er Motive und Mythen aus dem griechischen Altertum, auch aus der Odyssee auf. Der Bezug zu Siziliens griechischen Wurzeln ist durchaus gerechtfertigt, denn zahlreiche Städte an Siziliens Küsten sind griechische Gründungen (Megále Hellàs / Magna Graecia) aus der Zeit, als Homers Versepos entstand; manche spekulieren gar, dass auch einige Schauplätze von Odysseus' Abenteuern in und um Sizilien zu suchen seien. Dass die antiken Vorstellungen noch viele Jahrhunderte später wirken, suggeriert auch dieser dritte und abschließende Band:

Das Leben in Vigàta, zu Anfang des 20. Jahrhunderts, ist hart. Die Natur macht es den Menschen schwer, alle hungrigen Mäuler zu stopfen. So groß ist die Armut der Bewohner, dass sie ihre Kinder (carusi) an eine Art Rattenfänger verkaufen, der ihnen ungeahnte Erlöse verspricht. Der ist aus der Region des Schwefelbergbaus herübergekommen, nachdem bei einem Unglück 210 Kinderarbeiter ums Leben gekommen sind. Man braucht dort also Nachschub an Arbeitskraft unter Tage, um den Wohlstand der borgisi oben in den palazzi zu sichern.

Aber der Fischer Adelio Savatteri widersteht der Versuchung. Giurlà, seinem Vierzehnjährigen, der die Fische mit bloßen Händen fangen kann, will er das schreckliche Schicksal der unterirdischen Fron ohne Licht, ohne Luft ersparen. Doch weggeben muss auch er seinen Sohn. Es findet sich ein anderer Weg: Giurlà kann die Ziegen des wohlhabenden don Pitrino Vadalà hüten, die hoch in den Bergen des Inlandes weiden.

Der Abschied ist schmerzlich. Schon während der Zugfahrt nach Castrogiovanni (das ist der alte Name von Enna) empfindet der Junge, wie er mit dem Meer sein eigenes Wesen zurücklassen muss, wie die immer kargeren, öderen, raueren Hänge ihm ein harsches Leben abfordern werden.

Doch bald fügt er sich ein, entdeckt neue Reize, Liebenswertes: das fette Gras, die würzigen Düfte, die strahlenden Farben, die prickelnd klare Höhenluft, das Lachen der Melkerinnen - vor allem aber Beba, eine außergewöhnliche Ziege, bei der er Wärme, Zuneigung, Zuspruch findet, die aber auch launenhaft ist, hochmütig und halsstarrig sein kann und tatsächlich eifersüchtig wie eine Frau. An ihrem Hals scheppert il sonaglio, die Schelle, die dem Buch seinen Titel gibt.

In der Strohhütte, die Giurlà mit Beba teilt, findet er Lucrez' Buch "Von der Natur der Dinge", und noch mehr über die Welt erfährt er von donna Ernesta und ihren uralten Gesängen (cunti) "di quanno gli dei potivano cangiarisi e cangiare a volontà le pirsone in àrboli e armàli" (als die Götter sich und die Menschen ganz nach Belieben in Bäume und Tiere verwandeln konnten) ...

Wie Giurlà sind wir eingestimmt darauf, dass Dinge und Geschöpfe nicht so flach und faktisch betrachtet werden müssen, wie wir uns das angewöhnt haben, um sie zu beherrschen. Camilleri gibt ihnen ihre archaischen Geheimnisse wieder - Tiere, die zu uns sprechen, Nymphen, die sich in Pflanzen und Tiere verwandeln, Taten, von denen die Lieder der Hirten und die Erzählungen der Fischer raunen. So kann Beba Giurlàs Gefährtin, ja Geliebte werden, ohne die er weder bei Tag noch bei Nacht sein kann. Ihr Fell, ihr Duft stärken ihn.
Als gegenläufige Entsprechung zu dieser zarten Beziehung, die die Grenze Mensch - Tier verwischt, die Einheit zwischen Natur und Mensch wieder herstellt, erweisen sich Giurlàs alte Freunde drunten in Vigàta: Bestien in Menschengestalt, wählen sie als Opfer ihrer ungezähmten Triebe ausgerechnet ein ohnehin schon geschwächtes, missbrauchtes Mädchen aus.
Eine Schlüsselrolle spielt Anita, die hinreißend schöne, aber ein Geheimnis hütende Tochter eines reichen Marchese mit Mafia-Verbindungen. Ihr Wesen ähnelt dem Bebas, sie sind seelenverwandt.

Eine Vielzahl von Orten, Handlungselementen und Personen sind Anspielungen auf Episoden aus der griechisch-römischen Mythologie - die Unterwelt der Schwefelminen, das Meer, die Berge, in ihrer Mitte der eiskalte See bei Enna, an dem eine Proserpina-Persephone der Gefangenschaft entkommt, eine menschenähnliche Ziege und ziegenfüßige Menschen ...

Bezeichnend für Camilleri ist, dass er die Elemente der Naturphilosophie, der Metamorphose, der Volksmärchen, der Magie mit historischen, sozialen und materiellen Gegebenheiten seines Siziliens verknüpft. Die erbärmlichen Lebensbedingungen der Landbewohner, Gesetz- und Rechtlosigkeit, Gewalt, die Mafia, die Macht der Besitzenden - sie sind das ganz konkrete Fundament der Handlung, welches die Bücher dieser Trilogie zur aufschlussreichen Lektüre machen. Auch wenn man die Bezüge zur antiken Weltauffassung, die doch heutzutage weitgehend in Vergessenheit geraten ist, gar nicht registriert: Sie erzeugen Staunen.

Fast noch stärker als in den beiden vorausgehenden Erzählungen trägt hier der sizilianische Dialekt zu Stimmung und Klang bei. Der ist für uns nicht einfach zu verstehen, und kein Wörterbuch nennt die Vokabeln ... Aber oft imitiert das Schriftbild ja nur die abgewandelte Aussprache oder Form eines an sich bekannten Wortes; da hilft es, einfach nur zügig und mit offenem Ohr mitzusprechen, in der Hoffnung, sein gewohntes Italienisch darin akustisch wiederzuentdecken oder zu erraten. Wie bei einem Aufenthalt vor Ort wird man sich mit der Zeit "einleben". Und im Übrigen: Was spricht gegen Mut zur Lücke?

Ja, mit dieser Trilogie holt Camilleri literarisch sehr weit aus. Der literarische Konnex bleibt aber ebenso unaufdringlich wie der sozialkritische und -historische Aspekt. Nur die bei Camilleri ansonsten kaum zu findenden magisch-mythischen Elemente treten bestimmend hervor. In erster Linie sind diese drei Bücher einfach nur wunderschöne, bildgewaltige, ergreifende Romane und Meisterstücke der Erzählkunst, die eine längst untergegangene mediterrane Welt in Erinnerung rufen und ihr Menschenbild preisen.

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