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Rezension zu Margaret Atwood: »Das Herz kommt zuletzt«

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Das Herz kommt zuletzt

Belletristik · Berlin Verlag · · Gebunden · 400 S. · ISBN 9783827013354
Sprache: de · Herkunft: gb

Bewertung: 5 Sterne
Tausche Rundumversorgung gegen Freiheit

Rezension vom 10.08.2017 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Sie hat es schon wieder getan. Diesmal hat die kanadische Königin klug konzi­pierter Zukunfts­szena­rien über mögliche Auswege aus dem Crash der Finanz­welt und der Wirt­schaft nachge­dacht, der so viele Menschen in den Ruin getrieben, Arbeits­plätze vernich­tet, Obdach­losig­keit und Krimina­lität in die Höhe getrieben hat. Wie wäre es, so ihr Gedanken­spiel, wenn die nach unten aus der Erwerbs­gesell­schaft gepur­zelten Mitbürger einander selbst Beschäf­tigung und Brot verschaff­ten? Und zwar im Rotations­verfahren: Während eine Hälfte als Gefangene in sich selbst versor­genden Arbeits­lagern festsitzt, genießt die andere ein idylli­sches Leben im Komfort, flauschige Hand­tücher inklusive – bis nach einem Monat Rollen und Unter­künfte turnus­mäßig wechseln.

Dieses Setup einer »Win-win-Wirt­schafts­einheit« mit Arbeits­plätzen für alle richtet die Autorin in naher Zukunft in der US-Stadt Consilience (etwa »Über­ein­stim­mung, Zustim­mung«) und ihrer Zwillings­stadt Positron ein. Global finan­zierte Think­tanks haben hier das experi­mentelle »Positron-Projekt« realisiert, eine privat­wirt­schaft­lich betrie­bene künst­liche Insel des Friedens, streng über­wacht und abge­schot­tet von dem krisen­geschüt­telten, herunter­gekom­menen, von Banden terrori­sierten Rest des Landes. Das Schöne an dem Modell ist, dass sich Interes­senten frei für oder gegen eine Teil­nahme entschei­den dürfen. Ist der goldene Käfig des Vorstadt­paradie­ses es wert, dafür seine Freiheit aufzu­geben? Und was stellt ein profit­orien­tiertes Unter­nehmen mit einem sozial­politi­schen Experi­ment an?

Margaret Atwood, 78, mit Romanen, Erzählungen, Lyrik und Sachbüchern unge­heuer produktiv und mit Preisen überhäuft (2017 erhält sie den Friedens­preis des Deutschen Buch­handels), etablierte sich bereits mit ihrem Erstling »The edible woman« (1969; »Die essbare Frau«, 1985) als Schrift­stellerin, die gesell­schaft­lich relevante Problem­zonen ihrer Zeit in eine nahe Zukunft hochzu­rechnen und diese Gedanken­spiele über­zeugend, mehr­schich­tig, dabei reizvoll und unter­halt­sam zu erzählen vermag. Der gängigen Etikettie­rung als »Science-Fiction«-Autorin verweigert sie sich aller­dings. Ihre Entwürfe seien der Realität viel näher als SF, weswegen sie selbst den Begriff »speculative fiction« bevor­zugt (und »social science fiction« gerade noch durch­gehen lässt).

Ihre größte Reichweite erzielte Atwood 1985 mit »The Handmaid's Tale« Margaret Atwood: »The Handmaid's Tale« bei Amazon (»Der Report der Magd« Margaret Atwood: »Der Report der Magd« bei Amazon, 1987). Darin hat eine funda­mental­christ­liche Bewegung die USA in eine Gesell­schaft verwan­delt, in der Frauen voll­ständig dem Mann unter­worfen sind und Gebären ihre einzige Pflicht ist. Mit Donald Trump gewann diese Dystopie über Frauen­feindlich­keit noch an Brisanz, die Nachfrage stieg während seines Wahl­kampfes rasant an (wie auch die von »1984« und »Brave New World«), und der Roman wurde zu einer TV-Serie verarbeitet.

Wie üblich knüpft Atwood an konkrete gegenwärtige Umstände an, was ihre Dystopien so faszinie­rend greifbar erschei­nen lässt. Beispiels­weise ist es in den USA bereits üblich, den Betrieb von Gefäng­nissen Wirt­schafts­unter­nehmen zu über­lassen und ganze Sied­lungen privat abzu­sichern. Auch welche Erniedri­gungen sich verzwei­felte Arbeits­lose gefallen lassen, um sich und die Ihren über die Runden zu bringen, wissen wir alle, ebenso, wie un­reflek­tiert und sorglos Millionen Menschen ihre persön­lichsten Daten privaten Firmen­molochen zur freien Verfügung über­lassen. Von diesen Start­punkten ist es bis nach Consilience nur ein kleiner Schritt.

Und natürlich ist Atwood eine Meisterin des Erzählens. Sie schickt eine Reihe von Indivi­duen in ihr Szenario und beobachtet gewisser­maßen, wie sie sich darin zurecht­finden, verheddern, anpassen oder zur Wehr setzen. Hier heißen ihre Versuchs­kanin­chen Stan und Charmaine, er in der Qualitäts­sicherung bei Emo-Robotics, sie Event­managerin in einem Senioren­heim. Doch das ist schon auf der ersten Seite Vergangen­heit, denn da hat das junge Ehepaar bereits schier alles verloren, Arbeits­platz, Obdach und Perspek­tiven, und lebt wie auf der Flucht. Wo immer sie in ihrer uralten Honda-Rost­laube nächtigen, müssen sie gewahr sein, von noch viel tiefer abgestürz­ten Menschen brutal über­fallen zu werden. So weit haben sie sich und ihre Hoffnung auf einen Aufschwung im Land noch nicht aufge­geben. Sie würden jeden Job akzep­tieren, wenn es denn welche gäbe. Um ihrer Wäsche hin und wieder eine Umdre­hung im Wasch­salon zu gönnen und damit einen Rest ihrer Würde zu wahren, verkau­fen sie ihr Blut.

In einer früher – während des Booms der Start-ups und App-Ent­wickler – angesagten Bar sieht Charmaine zufällig einen Werbefilm, der den beiden den Ausblick auf eine schöne neue Welt in Consilience öffnet. Pragma­tisch wie sie sind, halten sie nur kurz inne, dann verschrei­ben sie sich dem innova­tiven Lebens­modell, in dem regel­mäßiges Darben (das kennen sie ja zur Genüge) wenigstens mit ebenso regel­mäßigem Wohl­leben vergolten wird. Den Preis ahnen sie noch nicht.

Zunächst müssen sie eine Bewerbungsprozedur und verpflich­tende Einfüh­rungs­semi­nare über sich ergehen lassen. Dunkel gekleidete dauer-euphorische Modera­toren hypen die »Positron«-Teil­nehmer mit schön­färberi­scher Rhetorik, ver­heißungs­vollen Motivie­rungs­techniken und fein dosiertem Anpas­sungs­druck. Sie seien »wahre Helden ... Pioniere, Weg­bereiter ... schlügen eine Bresche in die Zukunft ... die Nachwelt werde sie verehren«. Es müssen nur »alle zu­sammen­arbeiten«, dann müsse das »uner­hörte« Experi­ment gelin­gen, dann werde sich das Modell »auf höchster Ebene« durch­setzen und »die Rettung ... für die ganze Nation« bringen: »Probleme wie Arbeits­losig­keit und Krimi­nalität würden auf einen Schlag gelöst«! Wer wollte sich da entziehen? Einfache, ein­gängige, techno­kratische Rezepte haben Kon­junk­tur.

Doch schnell gerät die Sache in Schieflage, läuft so manches aus dem Ruder. Systemfehler bringen den Bäum­chen-wechsel-dich-Rhythmus durcheinander, Roboter werden den Menschen immer ähn­licher (und können als »Münz­schlitze« schon passable sexuelle Dienste leisten), die Über­wachung der Bewoh­ner kennt keine Tabus, Menschen verschwin­den, und womög­lich ist sogar Charmaine in ein Euthanasie-Programm involviert. Die strahlende Zukunfts­vision entpuppt sich als dumpfer Albtraum.

Das kühne Modell zeitigt auch auf privater Ebene gravie­rende Komplika­tionen. Das System Consilience/Positron zielt auf Isolierung des Einzelnen. Sowohl während der Knastzeit als auch während des Komfort-Monats müssen sich die Ehe­partner ihren unter­schied­lichen Aufgaben widmen und sehen einander kaum. Von dem Paar, mit dem man alter­nierend sein Haus teilt, darf man nicht einmal die Namen kennen. Doch es tun sich kleine Risse auf, Stan und Charmaine werden getrennt, sie treffen mit anderen zusammen. Die Ab­wesen­heit des Ehe­partners leitet beider Sehn­sucht nach Liebe und Sex um auf die gerade verfüg­baren Personen. Misstrauen, Eifersucht, unge­kannte sexuelle Obses­sionen und Schuld­gefühle sorgen für bedrü­ckende Verwick­lungen, die die Autorin jedoch mit leichter Hand gestaltet.

Ein besonderes Lob gebührt Monika Baark, die »The Heart Goes Last« Margaret Atwood: »The Heart Goes Last« bei Amazon kreativ übersetzt und die schil­lernden Tonlagen zwischen schlag­fertigen Dialogen, humoriger Umgangs­sprache, spitzen Seiten­hieben auf unser enthu­siastisch digitales Zeit­alter, Phrasen­drescherei und Beklem­mendem nuanciert getroffen hat. Eine wichtige Rolle spielt im Original ein Ohrwurm aus den Fünfziger­jahren (den der pieps­stimmige Tiny Tim 1968 zur Nerven­säge ruinierte): »Tiptoe through the Tulips«. Das hat Monika Baark über- bzw. ersetzt durch den walzer­seligen Schlager »Tulpen aus Amster­dam« (von 1956) – und das passt!


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»Das Herz kommt zuletzt«
von Margaret Atwood
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