Rezension zu »Darina, die Süße« von Maria Matios

Darina, die Süße

von


Belletristik · Haymon · · Gebunden · 231 S. · ISBN 9783709970065
Sprache: de · Herkunft: ua

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Bitteres Leben in einem zerrissenen Land

Rezension vom 10.04.2013 · 21 x als hilfreich bewertet mit 2 Kommentaren

Die Bukowina … hmm, was genau ist das eigentlich? Für eine Antwort werden viele von uns kurz recher­chieren müssen, um dann zu erfahren, dass es sich um eine traditionsreiche, kulturell bedeutsame Region handelt, deren nördliche Hälfte in der Ukraine liegt, während die südliche zu Rumänien gehört. Im Westen zieht der riesig lange Hochgebirgszug der Karpaten vorbei. In diesem Grenzland, einem der – aus unserer Perspektive – ent­legen­sten Winkel Europas, liegt das Dorf Tscheremoschne, der Schauplatz des faszinie­renden, er­schüt­tern­den Romans »Darina, die Süße«. Den hat die (auch politisch aktive) ukrainische Auto­rin Maria Matios 2005 veröffentlicht; er erhielt die beiden wichtigsten Literaturpreise ihres Heimatlandes und erschien jetzt in der Übersetzung von Claudia Dathe bei Haymon.

Die Autorin, 1959 geboren, versetzt uns in eine rückständige bäuerliche Gemeinschaft, mit der wir die rauen Zeiten während des 2. Weltkriegs und unmittelbar danach durchleben und die brutale Willkür wech­selnder Herrscher durchleiden.

Aus dramaturgischen Gründen beginnt der Roman allerdings zu Anfang der Achtziger Jahre. Da lebt die Protagonistin Darina in ihrer kleinen Kate mit Garten in dem Dorf, wo sie 1940 geboren wurde. Seit ihrer Kindheit nennt man sie »die Süße«. Allen Bedeutungsschattierungen dieses wohlklingenden Beinamens zum Trotz ist Darina aufs Schwerste traumatisiert. Sie lebt allein, will mit niemandem reden, spricht aber mit ihren Blumen, dem Federvieh und Bienen. Ständig leidet sie unter schlimmen Kopfschmerzen, doch sobald ihr jemand Naschwerk anbietet, explodieren sie zu unerträglichen, tagelang währenden Attacken wie »Eisenringe, die ihren Kopf zusammenpressten«. Erleichterung sucht sie dann, indem sie im Garten ein hüfttiefes Loch aushebt, in diese Grube hineinsteigt und sich an die schwarze, lebendige Erde voller Wür­mer und anderem Kleingetier anschmiegt. Während die Säfte des Bodens ihren Körper von der Sohle bis zum Kopf durchdringen, löst sich ihr Schmerz langsam auf.

Wenn sich Darina wohlfühlt, klettert sie in den alten, fast verdorrten Birnbaum, den ihr verstorbener Vater gepflanzt hatte, schmückt ihn mit Ziergoldstreifen und längst verblichenen bunten Wollfäden und genießt die Frische des durchziehenden Windes.

Angesichts solchen Verhaltens tippen sich die Nachbarn an die Stirn und verlachen die vermeintlich zu­rückgebliebene Frau. Dabei sind sie selber dumm – und herzlos, wie Darina findet: »Sie hatten weder Grips im Kopf noch Gott im Bauch.« Sollten sie nicht vielmehr froh sein, dass Darina sich in ihrer Not selber helfen kann?

Aber überall zerreißen sich die Leute das Maul über alles und jedes, und vor allem sind sie schnell mit einem Urteil bei der Hand, wenn sie etwas nicht gleich verstehen. Das erlebt Darina, als eines Tages Iwan Zwytschok bei ihr einkehrt und eine Weile bleibt. Der Fünfzigjährige ist nur ein schmuddeliger Tagelöh­ner, nicht sesshaft, leicht sprachbehindert und ein derber Patron, der seinen Mitmenschen schnell über den Mund fährt, wenn sie ihm allzu blöd daherkommen (»Du sudelige Schlunze, du krumme Hure! Hast du dir nicht Schwielen geholt an deinem runzligen Ding da nach der Hochzeit letzten Sonntag …?«). Darina aber spielt er auf der Maultrommel vor und kümmert sich rührend um sie. Er spürt, dass ihr ganzes Elend eine Ursache haben und ihr jemand helfen muss.

So schleppt er Darina eines Tages in die Kreispolioklinik und legt dem Arzt als Bezahlung gleich »zwei Maultrommeln und eine nagelneue Sechskantfeile« auf den Tisch. Der Infektionsarzt und Diätspezialist hingegen zeigt Iwan mit unmissverständlicher Geste, was er von dem Fall hält, und schickt die beiden wie­der von dannen. Unter deftigen Tiraden und Verwünschungen (»Dämliches Arschloch … mieser Wurm«) ergreift Iwan die Hand seiner Darina, und sie kehren heim.

War das Getratsche im Dorf schon groß genug, als Iwan unter Darinas Dach zog, gewinnt es eine neue Dimension, als die beiden des Nachts nackt im Teich baden und bisweilen wie die Hunde heulen. Die wer­den rasch zu leibhaftigen Wölfen transformiert und als finstere Mächte interpretiert, die die ungesühnten Sünden von Toten hervorholen. Ein verfluchtes Haus gleich neben dem der »guten« Menschen? Niemals – das bedrohliche Unbekannte muss ausgemerzt werden, und »kein Teufel hat eine solche Macht wie die ein­fachen Leute mit ihrem Neid, mit Hass und Rache«. So ist dem verderblichen Treiben dieser beiden arm­seligen Geschöpfe bald ein Ende gemacht und ihrem bescheidenen Glück auch: Einbestellung Iwans beim Gemeinderat, Anhörung, Inhaftierung …

Damit endet die erste Hälfte des Romans. Es folgt der zeitliche Rücksprung und die Erzählung von My­chaij­lo und Matronka, zweier Liebender, deren Schicksal durch die politischen Fährnisse im Zweiten Welt­krieg auf grausamste Weise zerstört wird. Beim Lesen der tragischen Geschichte vergisst man schnell, dass uns die Autorin ja noch eine Erklärung zu Darina, der Süßen, schuldig geblieben ist …

Maria Matios’ Roman »Darina, die Süße« kann ich Ihnen ohne Einschränkungen ans Herz legen. Dem ein­dringlichen, elementaren, intensiv beschreibenden Sprachstil kann man sich nicht entziehen; man taucht in eine hierzulande völlig unbekannte Welt ein und wird in eine unglaubliche Geschichte eingebunden.

Die Tratsch- und Klatschgeschichten der Bauersleut’, in formal abgesetzten Passagen »wortgetreu« einge­schoben wie Reportagen direkt vom Dorfplatz, machen eine beklemmende Atmosphäre. Liest man sie im Nachhinein noch einmal losgelöst vom Zusammenhang, tritt umso beängstigender zutage, welch abstruser Irrationalität Menschen verfallen können, wenn sie aus dem, was sie beobachtet oder erlauscht haben, einen Sinn zusammenzureimen trachten.

Die Autorin verurteilt die Dörfler aber nicht; vielmehr hilft sie uns, sie zu verstehen. Was wissen wir schon über die weit entfernte Bukowina, über jenes Volksgemenge von Deutschen, Juden, Rumänen, Ukrainern, Ungarn, über die dunklen Zeiten, in denen ebenso entschlossene wie rücksichtslose Herrscher jene unge­bildeten, folglich oft kleingeistigen, engstirnigen und duckmäuserischen Menschen in ihrer isolierten Ge­gend drangsalieren konnten, wie es ihnen gerade beliebte? Alles, was die ewigen Untertanen sich wünschten, war, ihren ohnehin schon knochenharten bäuerlichen Alltag in Ruhe und Frieden zu leben. Alles Fremde bedeutete Gefahr, machte ihnen Angst. Halt gaben diesen einfachen Leuten ihre Traditionen, ihre Rituale, die Religion und der Aberglaube, der Triviales und Existenzielles zusammenführen kann: »Wer im Licht der Auferstehung Christi geboren wurde, dem stand ein glückliches Leben bevor, dafür würde ein anderes Familienmitglied sterben müssen«; eine Nichtigkeit wie nicht hochgebundene Haare macht eine verheiratete Frau schnell zur Hexe, und wenn so ein Vorurteil erst einmal steht, geht es nur noch darum, die eigene Seele zu retten, und sei es um den Preis eines Verrats.

Das Volk ist die eine Seite der schwarzen Medaille. Ebenso intensiv setzt sich Maria Matios mit der ande­ren Seite auseinander – den politischen Mächten. Da war zunächst die österreichische Habsburgermonar­chie (bis 1918), dann stritten Rumänien und Ungarn um die Vorherrschaft; nach dem Hitler-Stalin-Pakt (1939) besetzten die Sowjets das Land, wurden 1941 von rumänischen Truppen wieder vertrieben, kehrten 1944 zurück … Während die Machthaber wechselten, wurden die Menschen je nach Gruppenzugehörigkeit achtlos hin und her geschoben, eingebürgert, umgesiedelt, in Konzentrationslager deportiert, systematisch getötet, oder sie verloren Hab und Gut und flohen. Seit den Pariser Friedensverträgen von 1947 ist die zer­rissene Region zwischen der Ukraine (damals Sowjetunion) und Rumänien aufgeteilt. Kein Regime stand dem anderen nach, was Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit angeht; Maria Matios scheut sich bei keinem, Klartext zu schreiben, etwa wenn Stalins Geheimdienstler ihre brutale Arbeit tun; ihre schmerz­haften, un­vorstellbar bestialischen Folterungen konnte kaum ein Opfer überleben.

Wenngleich traurig und bedrückend, ist dieses Buch ein Stück ausgezeichnete Literatur. Die mit Hingabe, Empathie und literarischem Talent entwickelte Protagonistin »Darina, die Süße« wird lange im Gedächtnis bleiben.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Frühjahr 2013 aufgenommen.


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Kommentare

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Zu »Darina, die Süße« von Maria Matios wurden 2 Kommentare verfasst:

Jo Ubags schrieb am 12.08.2013:

Das Buch habe ich mit Erstaunen und Entsetzen gelesen. Du wirst in eine Welt versetzt, die uns völlig fremd ist und auch nach der Lektüre fremd bleiben wird, denn es gibt diese Welt dort nicht mehr, aber man kann sich trotzdem vorstellen, welche Spuren die grausame Geschichte dieser Region hinterlassen hat.

Silke schrieb am 13.03.2014:

Ich habe das Buch in einem Zug gelesen und empfehle es - ebenfalls uneingeschränkt - als eine Kostbarkeit weiter. Ich wusste schon etwas über das Land, und diese Buch hat zu weiterer Beschäftigung motiviert.

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