Rezension zu »Immer wieder das Meer« von Nataša Dragnic

Immer wieder das Meer

von


Liebesroman · DVA · · Gebunden · 368 S. · ISBN 9783421045829
Sprache: de · Herkunft: de · Region: Toskana, Umbrien, Marken

Drei Frauen - hart am Wind des Kitsches

Rezension vom 08.04.2013 · noch unbewertet mit 1 Kommentaren

Roberta Alessis Kindheit und Jugend sind pures ungetrübtes Lebensglück. Sie wächst mit Vater Niccolò, ihrer deutschen Mutter Erika und zwei Schwestern in der Toskana auf; die Familie wohnt an der Küste des Tyrrhenischen Meeres bei Piombino.

Die drei Töchter sind der Eltern Ein und Alles, und sie schenken ihnen Geborgenheit, Liebe und Ver­trauen. Man teilt Freud und Leid miteinander und nutzt jede Gelegenheit, um zusammen Feste zu feiern, am Strand zu toben oder einfach nur spazieren zu gehen. Mutter Erika zuliebe feiert man den Heiligabend auf traditionell deutsche Art mit Würstchen und Kartoffelsalat, gemeinsam gesungenen Weihnachtsliedern unterm geschmückten Tannenbaum und anschließender Bescherung.

Die drei Mädchen glucken ständig zusammen. Natürlich sind die beiden jüngeren besonders begierig dar­auf, was die älteste von ihren ersten Erfahrungen mit Jungen zu berichten weiß. Als Roberta 1984 volljäh­rig wird, verlobt sie sich mit ihrem langjährigen Freund Marcello. Lucia (16) und Nanina (8) werden sie ver­missen, wenn sie bald in Siena mit dem Medizinstudium beginnt …

Doch dann nimmt eine schicksalhafte Entwicklung ihren Lauf, die all dies aus den Fugen bringt.

Während einer Toskanarundfahrt erkrankt Marcello, so dass Roberta alleine im Museum von Monterchi steht und Piero della Francescas berühmtes Fresko »Madonna del Parto« (1455) bewundert. »Die erste schwangere Madonna«, flüstert ihr eine dunkle Stimme von hinten in den Nacken. Sie gehört dem Dichter Alessandro Lang. So entflammt Robertas große Liebe. Sie wird nie in Erfüllung gehen, aber sie im Laufe der Jahre um den halben Globus bis nach San Francisco treiben, ihre engen Familienbande aus­ein­ander­rei­ßen, ihr kaum erträgliche Erlebnisse zumuten und sie psychisch fast zu Grunde richten.

Was für ein Charme ist das nur, dem Roberta da verfällt? Alessandro gibt ihr schon frühzeitig zu verste­hen, dass er sich nicht vorschnell in eine abhängige Beziehung begeben und nie festlegen würde. Er sam­melt lediglich »Eindrücke, Bilder«, und Roberta »habe ich auch gesammelt«.

Kann das genügen, »ein kostbares Souvenir« zu sein? Die beiden streiten und versöhnen sich wieder. Manchmal sehen sie sich monatelang gar nicht, denn Alessandro ist viel unterwegs, um seine neuesten Ge­dichtbände vorzustellen.

Während sich die Partnerschaft zwischen Roberta und Alessandro immer schwieriger gestaltet, verfolgen die Eltern und Geschwister all das Liebesleid aus nächster Nähe. Nanina macht eine Lehre im Verlags­wesen und verliebt sich in einen verheirateten Mann. Lucia arbeitet nach einem Wirtschaftsstudium als Bankerin in Florenz und wechselt ihre Männerbekanntschaften häufig.

Eines Tages nimmt Lucia in einer florentinischen Buchhandlung an einer Lesung Alessandro Langs teil. Könnte er an Roberta gedacht haben, als er die Liebesgedichte schrieb, denen Lucia jetzt lauscht? Bei einem anschließenden Treffen fragt der Dichter nach, ob man sich nicht irgendwoher kenne, doch Lucia gibt sich nicht zu erkennen und hintergeht ihre Schwester Roberta. Eine neue Affäre nimmt ihren Anfang, und Alessandro ist der Keil, der die Schwestern auseinandertreibt.

Die weitere Entwicklung rund um diesen eigentlich nicht als Draufgänger charakterisierten Mann mutet reichlich kitschig und unrealistisch, wenn nicht gar absurd an. Denn auch Nanina wird sich in ihn verlieben …

Dass aus dieser Dreiecks-Story – mit den Spitzen Roberta, Lucia und Nanina rund um den Mittelpunkt Alessandro herum – keine platte, schmalztriefende Liebesschnulze wurde und sie die Leserschaft tatsäch­lich bis zum Schluss zu fesseln vermag, liegt an der gut gemachten stilistischen Ausgestaltung des Romans. Ständig wechseln die Perspektiven, um die Ereignisse unterschiedlich zu beleuchten, und die Handlung (die bis ins Jahr 2010 reicht) wird durch Zeitsprünge aufgebrochen. So können wir tatsächlich nachvollzie­hen, warum sich jede Schwester, obwohl sie von der Liebe der anderen und dem Schmerz, den sie verursa­chen wird, weiß, von diesem Mann betören lässt.

Trotz ihres jugendlichen Versprechens, immer ehrlich miteinander umzugehen, zerbricht ihre Gemeinsam­keit, als Alessandro ins Spiel kommt. Sie betrügen einander; nichts lässt sich verheimlichen; alles kommt ans Licht.

Weitere Verlierer sind die Eltern Niccolò und Erika. Obgleich sie ihren Kindern eine gute Partnerschaft vorgelebt haben, müssen sie sich schließlich sogar vorwerfen lassen, Robertas psychische Erkrankung mit­verursacht zu haben. Dass die Autorin am Ende beide an schweren Erkrankungen sterben lässt, ist mir aber dann doch ein bisschen zu viel Herzschmerz.

Insgesamt ist »Immer wieder das Meer« ein schön melancholischer, frisch formulierter Roman für den Sommer, vornehmlich für die Damenwelt verfasst. Allerdings sollten Sie sich einen ungestörten Platz un­term Sonnenschirm suchen, denn ein bisschen Konzentration ist vonnöten, um den Perspektivwechseln zu folgen.


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Kommentare

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Zu »Immer wieder das Meer« von Nataša Dragnic wurden 1 Kommentare verfasst:

Beatrix Alfs schrieb am 23.10.2013:

Das ist schon richtig: Ein wenig acht geben muss der Leser schon bei diesem Roman. Dafr wird er in eine herrliche Landschaft mitgenommen und wird von dem Buch gefesselt sein.

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