Rezension zu »Der Holländer« von Mathijs Deen

Der Holländer

von


Drei Männer betreiben Wattwandern als Leistungssport. Als sie ihre Meisterleistung erbringen wollen, stirbt einer von ihnen, und nur einer erreicht das Ziel. Die Suche nach dem wahren Ablauf gestaltet sich kompliziert, denn im Watt verlaufen sich die Grenzen zwischen Realität und Wahn und selbst zwischen Staaten.
Kriminalroman · Mare · · 272 S. · ISBN 9783866486744
Sprache: de · Herkunft: nl

Eine tödliche Nachtwanderung

Rezension vom 29.04.2022 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Klaus Smyrna, Peter Lattewitz und Aron Reinhard verbindet ein ungewöhn­liches Hobby: Sie sind Extrem-Watt­wanderer. Gemeinsam haben sie vom Festland aus schon sämtliche Inseln des Watten­meers zu Fuß erreicht, darüber zahl­reiche Vorträge gehalten und ein Buch veröffent­licht. Doch die Krönung ihrer Karriere steht noch aus: die Durch­querung des Watts zur Insel Borkum.

Wer sich als Landratte schon einmal mit Gummi­stiefeln auf den weit­läufigen, wabbe­ligen, wurm­löchri­gen Unter­grund gewagt hat – wie alljähr­lich Zehn­tausende Touristen – wird sich wundern, was daran so Beson­deres sein mag. Das ver­meint­lich friedlich ruhende Watten­meer birgt indes Gefahren, die die gewaltige Macht der Natur vor Augen führen und sich obendrein kaum voraus­berech­nen lassen. Zwar kennt jeder das Regelmaß des Gezeiten­wechsels von Ebbe und Flut, doch im Watt kompli­zieren eine Menge Faktoren wie Untiefen, Priele, Sinnes­täuschun­gen und Nebel die Abläufe. Durch Jahr­hun­derte der Beob­achtung und die Erfindung einfacher Hilfs­mittel (wie Peilstock oder ein hoch aufge­spanntes Netz) hat der Mensch gelernt, diese Risiken einzu­schätzen und einzu­grenzen, aber noch heute hat die Natur das letzte Wort und kann die sorg­samste Planung zunichte machen. Am Ende kann selbst ein Zenti­meter mehr oder weniger an Körper­göße über Leben und Tod entschei­den.

Innerhalb einer Tide vom Festland zur Insel Borkum zu laufen ist (in einer um 90 Grad verdreh­ten Metapher) der »Mount Everest« der Watt­wanderer, und der »wollte sich nicht erobern lassen«. Diese exorbi­tante und aufsehen­erregende Tour können sich nur außer­gewöhn­liche, erfahrene Sportler wie die fiktio­nalen Helden dieses Romans als Lebens­ziel setzen und sich dann jahrelang darauf vorbe­reiten. Der Lang­strecken­schwim­mer Klaus Smyrna ist Bade­meister in Lübeck, sein Freund Peter Lattewitz Geo­graphie­lehrer in Aurich, und Aron Reinhard ist der Dritte im Bunde.

An einem Septemberabend 2015 werden bei Greetsiel endlich alle Bedin­gungen zusammen­passen: »Nipptide«, Niedrig­wasser, hoher Luftdruck und Wind aus Osten, der das Wasser in das Natur­schutz­gebiet der Außen­ems treibt. Die Wande­rung könnte somit um 18 Uhr von dem idylli­schen Warfen­dorf Manslagt aus in Angriff genommen werden. Peter ergreift die Initia­tive und ruft als ersten Aron an, damit sie die einmalige Chance beim Schopf packen können. Doch der ist gerade mit seiner Frau in Südengland und will lieber bei ihr bleiben. So ziehen die beiden anderen am Abend alleine los.

Viele Stunden später wird Klaus Smyrna tot auf der Sandbank De Hond ange­schwemmt. Während ein deutscher Hub­schrauber auf der Suche nach den in der Nacht Verschol­lenen kreist, birgt ein nieder­ländi­sches Patrouillen­boot die Leiche, hält ihren Zustand und die Koordi­naten des Fundorts fest und nimmt Kurs auf die Hafen­einfahrt von Delfzijl. Im Ergebnis seiner Unter­suchung hält der nieder­ländische Leichen­beschauer Ertrinken als Todes­ursache für wahr­schein­lich, sieht sich aber nicht berech­tigt, eine »natür­liche Todesart« zu beschei­nigen, zumal eine Verlet­zung am Ohr noch der genaueren Ab­klärung bedarf.

Derweil hat Peter Lattewitz Kontakt mit der Borkumer Insel­polizei aufge­nommen. Sie nimmt den Mann nun am Deich in Empfang, als er als Ein­ziger das gemein­sam gesteckte Ziel erreicht. Als erstes konfron­tiert ihn ein Polizei­beamter mit dem Vorwurf, er habe »gesperr­tes Gebiet« betreten, was Peter aller­dings kaum wahrzu­nehmen scheint. Er macht einen er­schöpf­ten und verwirr­ten Eindruck, stammelt, dass sein ertrun­kener Freund »wie ein Bruder für mich« gewesen sei, und spricht eine anwesende Journa­listin als »Helen« an.

Die Ermittlungen nehmen ihren Lauf, und zwar sowohl auf nieder­ländi­scher als auch auf deutscher Seite. Die vordring­lichste Frage scheint die der Zustän­digkeit zu sein, denn es entwi­ckelt sich ein Kom­petenz­gerangel, das eine lange politi­sche Vorge­schichte bis zurück zum Ems-Dollart-Vertrag von 1960 hat. Erst im Jahr 2014 unter­zeichne­ten Außen­minister Walter Stein­meier und sein nieder­ländi­scher Amts­kollege Bert Koenders einen Vertrag, der die jahr­zehnte­langen Grenz­streitig­keiten in der Ems­mündung mit einem pragma­tischen Kom­promiss beenden sollte. Dennoch wird der Fall durch die amtlichen Mühlen gedreht, bis er zu einer veri­tablen Grenz­affäre gerät und der deutsche Kriminal­beamte Liewe Cupido aus Cuxhaven inoffi­ziell seine Fühler aus­strecken soll. Unter seinen Mitarbei­tern ist der nicht sonder­lich gesprä­chige Mitt­fünf­ziger als »Holländer« bekannt, denn sein Vater ist Nieder­länder, seine Mutter Deutsche. Auf nieder­ländi­scher Seite bekommt er es mit dem jungen Kollegen Henk van de Wal zu tun, der »höher hinaus« strebt und sich den spekta­kulären Fall nicht nehmen lassen will. Um sich durch­zuset­zen, ist ihm jedes Mittel recht

Dabei wirft viel gewichtigere Fragen auf, was während der nächt­lichen Watt­wande­rung eigent­lich geschah. Ist es denn überhaupt möglich, dass ein Marathon­schwim­mer und Bade­meister im Watt ertrinkt? Während der »Holländer« eifrig hin und her reist, um sich zusammen mit seinen nieder­ländi­schen Kollegen an das Puzzle heranzu­tasten, wird der Hergang in der fins­teren Einsam­keit des Watten­meeres immer unklarer. Die Befra­gungen von Betei­ligten, die nicht selbst dabei waren, können natur­gemäß kaum Auf­schlüsse bringen, aber auch vom Haupt­verdäch­tigen ist dazu nicht viel Konkretes zu erfahren. Peter Lattewitz wirkt zunehmend wirrer, berichtet von »Watt­fieber«, von Wahn­vorstel­lungen, die ihm in den langen Nacht­stunden den Verstand geraubt hätten, von quälenden Erinne­rungen an Vergan­genes. Wie so oft bringen selbst­loses Engage­ment der Ermittler sowie ihr ›Kollege Zufall‹ wertvolle Erkennt­nisse aus gänzlich unerwar­teten Bereichen.

Der niederländische Autor Mathijs Deen, der 1962 in Hengelo geboren wurde, hat mit »De Hollander« einen ruhig verlau­fenden, aber raffi­nierten Kriminal­roman geschrie­ben (Andreas Ecke hat ihn übersetzt.). Er punktet mit einem geruh­samen Sprach­stil und mit netten Charak­teren wie dem Patho­logen, der als Amateur-Schau­spieler gern Shake­speare zitiert, Die Erzählung wird reichlich ergänzt und aufge­lockert durch einge­schobene Zeitungs­artikel, Radio­inter­views, Archiv­berichte und Mails, die zwar teil­weise Bekanntes vertiefen, aber als zusammen­fassende Wieder­holungen durchaus will­kommen sind. Knis­ternde Spannung zu erzeugen ist nicht das primäre Ziel des Autors, dafür erfährt der Flach­land­tiroler viel über die Schön­heiten einer bereisens­werten Land­schaft mit faszinie­render Atmos­phäre und solides Insider­wissen über das unter­schätzte Watten­meer. Eine Land­karte auf der Innen­seite des Schutz­umschlags gibt Orien­tierung und verdeut­licht die Dimen­sionen des Schau­platzes.


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