Rezension zu »Die Harpyie« von Megan Hunter

Die Harpyie

von


Eine musterhafte Ehefrau und Mutter wird in ihrem traditionellen Rollendasein jäh erschüttert und wandelt sich in eine Rachefurie.
Belletristik · C.H. Beck · · 230 S. · ISBN 9783406766633
Sprache: de · Herkunft: gb

Der Mythos lebt

Rezension vom 27.05.2021 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Was in aller Welt ist eine »Harpyie«? Der Begriff wurzelt in der griechi­schen Mytho­logie und hat, wie es scheint, mit unserer Realität nicht mehr viel zu schaffen. Doch beim Nach­forschen erfährt der Suchende, dass die Vorstel­lung, die in dem Fabel­wesen Gestalt findet, in unseren Köpfen durchaus präsent ist. Als Misch­wesen mit Raubvogel­körper und gelocktem Frauen­kopf sind sie den Betrach­tern mittel­alter­licher Kirchen­fassaden, Kreuzgang-Kapitelle und Renais­sance-Paläste zumindest optisch vertraut. Die altgrie­chischen Harpyien waren schnell, stark, wild und unver­wundbar, mal schön, mal abstoßend darge­stellt, jeden­falls gleicher­maßen faszinie­rend und bedroh­lich, und sie erledig­ten im Auftrag der Götter unange­nehme Aufgaben wie in Ungnade Gefallene ins Toten­reich zu befördern und Rache zu üben. In Süd­amerika trägt ein riesiger Greif­vogel diesen Namen, und erstaunt regis­trieren wir, dass Harpyien sogar noch als leib­haftige Figuren in Internet-Serien, Filmen und Literatur unserer Tage auftreten und durch ihre bloße Erschei­nung düstere Assozia­tionen aus unserem Unterbe­wussten erwecken.

Nun hat die britische Autorin Megan Hunter (1984 in Manchester geboren) das steinalte Motiv zum Titel eines Romans gemacht (»The Harpy« Megan Hunter: »The Harpy« bei Amazon ) und damit eine moderne Frauenge­schichte gewaltig aufge­laden. Schon das Cover (der engli­schen wie der deutschen Ausgabe) verwun­dert und verstört erst einmal. Der Kern des Plots ist geradezu trivial (die Rache einer betro­genen Ehefrau), der evozierte Überbau umso düsterer, archa­ischer. Die sprach­liche Gestal­tung (kongenial von Ebba D. Drols­hagen ins Deutsche übersetzt) fügt starke poetische und märchen­hafte Töne hinzu, während sich die Handlung mit höchst zeitge­mäßen Themen auseinan­dersetzt. Kann diese Mischung gutgehen?

Lucy, die Protagonistin und Ich-Erzählerin, ist Mitte 30 und Gemahlin des Universitäts­lehrers Jake Stevenson. Das gut situierte Paar wohnt mit den beiden Söhnen in einer engli­schen Kleinstadt­idylle. Ihre eigenen akademi­schen Ambitio­nen als Altphilo­login hat Lucy aufge­geben, um ihr Glück in der Rolle als Hausfrau und Mutter zu finden. Obwohl auch ihre Mutter so gelebt hat, hat sie sich nicht gedrängt gefühlt, den gleichen Weg zu gehen. Sie empfindet es als sinn­vollen Lebens­zweck, die Termine ihrer Kinder und der Familie zu organi­sieren, den Haushalt in Ordnung zu halten, für Mann und Kinder verfügbar zu sein. In ihrem traditio­nell defi­nierten Dasein geht sie auf, wähnt sich erfüllt und glücklich.

Was wie ein Klischee anmutet, wird durch ein weiteres abgeräumt. Professor David Holmes, ein Kollege von Jake, ruft Lucy an und sagt nicht viel mehr als »Ihr Ehemann schläft mit meiner Frau. Ich meine, dass Sie das wissen sollten.« Lucy treffen die Wörter wie »Atom­zertrüm­merer, ein wissen­schaft­liches Experi­ment, das die Zusammen­setzung des Univer­sums verän­derte«. Während ihre innere Balance ins Trudeln gerät, triggert ihre Selbst­disziplin bewährte stabili­sierende Verhaltens­routinen. Wie, fragt sich Lucy, würde die Heldin eines Films auf solch eine Nachricht reagieren? Konzen­tration auf die Zuberei­tung des Abend­essens! Gesicherte Gesten, die schon die Mutter vor­machte (die Zitrone mit der Faust umklam­mern, die Nägel hinein­graben, quetschen, bis sich »der Kiefer ver­krampfte«, das Gesicht hässlich verzerrt). Aber ihre Realität ver­schwimmt, das Zerteilen der Hühner­brust fällt schwer, die Gedanken schweifen und bündeln sich in der Defini­tion ihres neuen Ichs: »eine Frau, deren Mann eine Affäre hat«. Als plötzlich ihr Sohn in der Tür steht, kann sie sich für ihn wieder fassen, bringt ihn in sein Bett zurück, singt die Jungs in den Schlaf.

Jake kommt wie so oft verspätet nach Hause (»Zug verpasst«). Er regis­triert Lucys Unruhe (»Etwas in mir brach aus der Veran­kerung … Als habe sich ein Organ losge­rissen, um entwur­zelt durch meinen Körper zu treiben.«), bringt ihr ein Glas Wasser, mimt Anteil­nahme (»Wie war dein Tag?«). Lucys kompakte Auf­klärung (»das mit dir und Vanessa«) quittiert er aller­dings nicht etwa mit der Reue des Ertappten, sondern mit blanker Wut auf den Gehörnten. Während er über die nächsten Tage hin Empathie heischt (»weinend auf dem Küchen­boden«), zusammen­brechend Schuld bekennt (»es tut mir unendlich Leid«), die Affäre zu beenden ver­spricht, setzt Lucys Wandlung ein. Ange­widert wird sie zu einer »scharf­kantigen Kreatur«, einer Tarantel. Schlimme Erinne­rungen an ihren schluch­zenden Vater und die zerrüt­tete Ehe ihrer Eltern befeuern ihre Wut, und sie verur­teilt Jake, seine Nächte fortan auf »dem gottver­dammten Sofa« zu verbrin­gen. Jake, ganz ein­sichtig, bietet an, wenn es ihr helfe, könne sie ihn »auch verletzen … Wie oft? Drei Mal?«, und an dieser Rache­option findet Lucy Gefallen. Die »Struktur hatte etwas Reli­giöses«.

Als die Romanhandlung einsetzt, vollzieht sich bereits »Das letzte Mal.« Die beiden haben sich »auf einen winzigen Schnitt geeinigt«. Mehr sei hier nicht verraten, zumal die drei Straf­aktionen nicht die Haupt­sache in diesem bemerkens­werten Buch sind. Vielmehr geleitet uns Megan Hunter mit dem inneren Monolog ihrer Protago­nistin – eine Kette sehr kurzer, teils Handlung berich­tender, teils intro­spek­tiver, teils refle­xiver Ab­schnitte – durch die eigen­artige Meta­morphose einer Frau, die aus ihren konven­tionellen Rollen auf ganz unkonven­tionelle Weise ausbricht, sich ihrer Umgebung ent­fremdet, schließ­lich einem Raubvogel gleich ihre Flügel entfaltet. Das ist auf mehreren Motiv­ebenen viel­schichtig und fantasie­voll konzi­piert, dazu einfühl­sam gestaltet und amüsant, auch süffisant formu­liert und lässt uns Lesern viel Spielraum für eigene Deutungen.

Ist Lucys Selbstverständnis zum Beispiel fremdbestimmt, wurden ihre Rollen ihr auf­oktro­yiert? Tief sitzen die Erleb­nisse der aggres­siven Strei­tereien ihrer Eltern. Ganz im Einklang mit der bürger­lichen Fassade ihrer Ehe fragt sie sich »Bin ich eine gute Frau?«, bezieht sich dabei auf biblische Bilder (»edler denn die köstlich­sten Perlen«) und weiß gleich, »dass ich das nicht bin.« Anderer­seits lehnte sich schon ihre Urgroß­mutter gegen alle Konven­tionen und weibliche Rollen­muster auf. Könnte die Wut im Bauch der »Suffra­gette« nicht als »Parasit« durch alle Gebär­mütter der folgenden Genera­tionen bis zu Lucy weiter­gelebt haben?

Jedenfalls entfesselt sich die Partnerschaft zwischen Lucy und Jake radikal. Erst wird Lucy noch von der Wut darüber beherrscht, hinter­gangen, gede­mütigt worden zu sein, dann greift das Harpyien­wesen in ihr um sich. Dabei spielen einge­schobene kursiv gedruckte Passagen eine Schlüssel­rolle: Blitz­lichter in Lucys Kindheit, als sie eine Art Vogel­kunde-Buch zu faszi­nieren begann, insbe­sondere die Abbil­dungen der Harpyien: »Ich wollte wissen, warum ihre Gesichter so waren: einge­fallen, hasszer­fressen.« Im Studium begegnet sie dem geflü­gelten Misch­wesen als mytholo­gische Figur, studiert ihre Rollen: »Männer­mörderin. Monstro­sität. […] Perfekter Körper, Vogelfüße. Angst ein­flößend. Verführe­risch«. Sie »reißt Augen aus, zerrt, versengt, kratzt, verkrüp­pelt […] auf Anwei­sung der Götter, aber nicht wider­willig [, sondern] mit leuch­tenden Augen.« »Sie wurde zum Inhalt meiner Tage«, bis Lucy sogar eine körper­liche Verwand­lung an sich bemerkt: »Mein Gesicht sank ein, meine Nase wurde spitzer, meine Stirn niedriger.«

Der Roman schließt mit einer fantastischen Metamorphose, die nicht absurd oder lächer­lich wirkt, sondern folge­richtig. Die voraus­gegan­gene konse­quente Per­spektive mit ihrer Mischung aus Realität und Traumwelt, aus Mytho­logie und Gegenwart, aus innerem Monolog und präg­nanten Dialogen hat uns mit behutsam stei­gender Spannung genau dort hingeführt.


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