Rezension zu »Der gefrorene Himmel« von Richard Wagamese

Der gefrorene Himmel

von


Saul ist eines der vielen Kinder, die der kanadische Staat aus ihren Familien geholt hat und in Heimen aufzieht, um ihnen ihre indigene Kultur auszutreiben. Anders als all seine Leidensgefährten kann er dem herzlosen Zwang der Anstalt wenigstens zeitweise entkommen, denn er ist ein begnadeter Eishockeyspieler. Doch die Vorurteile in der Gesellschaft stoßen ihn rasch zurück.
Belletristik · Blessing · · 256 S. · ISBN 9783896676672
Sprache: de · Herkunft: ca

Opfer der Zwangsassimilation

Rezension vom 11.05.2021 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Wahrscheinlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass eine Gruppe, eine Nation stolz auf ihre kultu­rellen Leis­tungen ist. Haben die Europäer im neun­zehnten Jahr­hundert nicht Heraus­ragendes geschaf­fen in den schönen Künsten, in den Geistes-, Gesell­schafts- und Natur­wissen­schaften, im Maschinen­bau, in ihrer Infra­struktur? Leider hat sich daraus auch ein Über­legen­heitsge­fühl gegen­über anderen Kulturen ent­wickelt, aus dem sie die heute frag­würdige Berech­tigung ablei­teten, deren Indivi­duen zu unter­jochen und umzuer­ziehen, auf dass sie ebenfalls die »höhere Kultur­stufe« erklimmen, ob sie wollen oder nicht. Brutale Zwangs­assimila­tion gab es wohl in allen Kolonien bis zur Mitte des 20. Jahr­hunderts (wie auch gegenüber »minder­wertigen« Minori­täten im eigenen Land), und das Konzept, anderen Kulturen die eigene über­stülpen zu wollen, ist ja keines­wegs ausge­storben.

Der Roman »Indian Horse«, bereits 2012 erschienen, 2017 verfilmt und erst jetzt in deutscher Sprache erhält­lich (Über­setzung von Ingo Herzke), über­rascht zunächst einmal mit der Erkennt­nis, dass auch das als besonders tolerant und mensch­lich geltende Kanada solch dunkle Flecken in seiner Geschichte hat. Opfer waren die Urein­wohner, die wir seit Jahrhun­derten absurder­weise pauschal als Indianer zu bezeich­nen pflegen, seit Kolumbus sie erstmals erblickte und falsch schluss­folgerte, in Indien ange­kommen zu sein. In Wirk­lichkeit handelt es sich um zahllose, über den riesigen Kontinent verstreute indigene Stämme, deren Lebens­weise, Glauben und Gebräuche sich teilweise erheblich stärker vonein­ander unter­scheiden als die der euro­päischen Völker. Egal – verachtet, an den Rand gedrängt, unter­worfen und einge­pfercht wurden sie von den Zuwan­derern alle.

Der Schriftsteller Richard Wagamese (1955-2017) gehörte zu den kanadi­schen Ojibwe, Nord­amerikas größter indigener Ethnie. Er erzählt in seinem bewegen­den Roman (in den gewisse autobio­grafische Elemente ein­fließen) vom ursprüng­lichen Leben in diesem Stamm und von dessen Vorfahren, haupt­sächlich aber vom Schicksal eines fiktiven Jungen namens Saul Indian Horse, der in das Räderwerk der institutio­nalisierten Umer­ziehung gerät und am real existie­renden Rassismus des Landes scheitert. Im Jahr 1961, als die Handlung um das damals acht Jahre alte Kind einsetzt, ist die Hochzeit der kanadi­schen Zwangs­assimilations­maßnahmen eigent­lich vorüber. Die ersten Erziehungs­anstalten wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts gegründet, es folgten ca. drei­tausend solche Einrich­tungen, die letzte wurde erst 1996 geschlos­sen, und 2017 gab es noch etwa 900 Über­lebende.

Sauls Familie ist von den Regierungsmaßnahmen bereits hart getroffen, hat sich in den unweg­samen Norden von Ontario zurück­gezogen und hält sich dort in der Wildnis versteckt. Aller­dings sind außer dem kleinen Saul nur noch seine Eltern und seine Groß­mutter dabei, denn die Behörden haben seine jüngere Schwester und den älteren Bruder bereits ver­schleppt. Dem gelingt zwar die Flucht aus dem staat­lichen Erziehungs­heim, aber er stirbt kurze Zeit später an TBC. Die Mutter ist ein seeli­sches Wrack, der Vater steckt voller Wut und Aggres­sion. In ihrer Verzweif­lung ziehen die Eltern fort und kehren nie wieder, während Saul bei der Groß­mutter zurück­bleibt. Nachdem sie dem harten Winter zum Opfer fällt, wird der schutz­lose Saul aufge­griffen und in der »St. Jerome’s Resi­dential School« einge­liefert.

Was sich anhört wie ein Internat, ist in Wirklichkeit eine Erziehungs­anstalt unter der Obhut der Kirche, wo etwa 120 indigenen Kindern alles ausge­trieben werden soll, was sie von ihren Vorfahren mit­bringen. Die Mittel dazu sind brutal und gnadenlos. Der Tages­ablauf ist streng struk­turiert. Harte körper­liche Arbeit, Kälte und Hunger sollen die Persön­lichkeit der Kinder brechen. Die strengen Regeln werden konse­quent überwacht, Übertre­tungen mit schlimms­ten Züchti­gungen geahndet. Physische und sexuelle Über­griffe kommen hinzu. Kein Kind wird jemals die »Eiserne Schwester« vergessen, eine enge Kiste im dunklen Keller, oder die stillen Schreie im nächt­lichen Schlaf­saal. Manche überleben die Torturen nicht.

In Pater Gaston Leboutilier findet Saul einen einfühlsamen Vertrauten. Der lebens­frohe, beliebte Mann entdeckt in dem Jungen ein außerge­wöhn­liches sport­liches Talent und fördert es. Hinter den Mauern des Schulge­bäudes wird eine Gras­fläche zu einem Eishockey­feld umge­staltet und eine Schul­mann­schaft gebildet. Wenn Saul mit simplen, viel zu großen Schlitt­schuhen, einem Schläger und gefro­renen Pferde­äpfeln als proviso­rischen Pucks trainiert, fliegt er förmlich übers Eis dahin in eine andere Welt.

Als Saul vierzehn Jahre alt ist, öffnet ihm sein Ausnahme­talent die ansonsten herme­tisch verschlos­sene Tür seiner »Resi­dential School«. Er darf bei den Turnieren indigener Mann­schaften mit­spielen, wenn die Reservate gegen­einander antreten und Rang­listen bilden. Seine heraus­ragenden Leis­tungen erregen Aufsehen, und er erhält schließ­lich ein Angebot, zusammen mit Weißen in der Profi-Liga zu spielen. So wird er einer von verschwin­dend wenigen Indigenen, die in die National Hockey League NHL aufge­nommen werden. und etabliert sich dort als gefeier­ter »First Star«.

Doch kann nicht sein, was nicht sein darf. Ein Indianer, der weiße Mitspieler austrickst, der eine Profi-Karriere macht, wie sie Weißen gebührt? Das ertragen weder die (weißen) Sportler auf dem Spielfeld noch die (weißen) Zuschauer auf den Rängen. Die einen nehmen ihn in die Zange, die anderen stimmen Kriegs­gesänge an. Das zermürbt Saul unauf­haltsam. Nachdem er sich zu einem aggres­siven, unfairen Akt hinreißen lässt, setzt der Kapitän den reni­tenten Star auf die Reserve­bank, und es dauert nicht lange, bis er aus dem Kader fliegt.

Erst achtzehn Jahre ist Saul alt, da hat seine glänzende Karriere bereits ihr Ende gefunden. Der Aufschlag auf dem Boden der Realität indigener Minder­heiten ist hart. Saul reist durchs Land, nimmt jeden Hilfsjob an, setzt frus­triert jeden verdien­ten Dollar in Alkohol um, verfällt seelisch und körper­lich. Ein Therapie­zentrum fängt ihn auf, doch anders als die Mitpa­tienten ist er außer­stande, seine Vergan­genheit in Rede­kreisen offen­zulegen und zu verar­beiten. Sein persön­licher Betreuer rät ihm, seine Geschichte aufzu­schreiben, und so wird das Ende des Romans zugleich sein Anfang: Sauls Memoiren beginnen.

Drei Themenkreise bestimmen Richard Wagameses Roman. Einer ist die ursprüng­liche Kultur der Ojibwe. In der kurzen Zeit, die Saul mit seiner Groß­mutter zusammen ist, erfährt er aus ihren Erzäh­lungen, wie die Vorfahren in freier Natur mit den Wild­tieren zusammen­lebten. Seine Großväter waren Fallen­steller und Schamanen, stolz auf ihr Wissen und ihre Heil­kräfte. Sie wussten von »Wasser­geistern«, die zum Lied des Windes tanzten und deren blinkende, funkelnde Augen vom Wasser­spiegel herauf­leuchte­ten. Anders als die meisten ihrer Ver­wandten auf dem weiträu­migen Kontinent nutzten die Ojibwe nicht deren eigen­artiges, riesiges Tier ohne Geweih, dessen Hufe auf dem Erdboden wie Trommeln klangen. Die Ojibwe waren immer zu Fuß unterwegs.

Der zweite Schwerpunkt ist die erbarmungs­würdige Lage der Kinder in den »Resi­dential Schools«. Aus ihren Familien entführt, einge­sperrt, isoliert, entwur­zelt, gede­mütigt und miss­handelt, durch­leiden sie hautnah, was ihnen angetan wird, können es aber nicht begreifen. Warum nur soll alles, was sie in ihrem bis­herigen Leben zu schätzen gelernt haben, auf einmal verboten sein? All der Gaben seiner Vorfahren beraubt, steht Saul »unter dem Bann einer Macht, die ich nie verstand«. Was er und seine Alters­genossen an unerträg­lichen Repres­salien auferlegt bekommen, proji­ziert Richard Wagamese drastisch in unser Kopfkino.

Das dritte Sachgebiet ist Eishockey, Kanadas National­sport. Viele Seiten lang haben wir den Eindruck, wir hielten ein Fachbuch darüber in Händen. So sach­kundig wie enthu­siastisch schildert der Autor, wie Saul mit traumwand­lerischer Sicher­heit über die Eisfläche flitzt, dabei intuitiv den Puck beim Mit­spieler platziert oder ins Tor knallt, die Spiel­züge der Gegner blitz­schnell zu »lesen« vermag. Über­zeugend vermit­telt er das himm­lische Glück, das Saul auf dem Höhepunkt seiner Karriere durch­dringt, den Zusammen­halt und Sports­geist der triumphie­renden Mann­schaft. Ebenso erleben wir mit ihm später den Hass der Gegner auf den talen­tierten Außen­seiter und dessen Aufbe­gehren gegen die derben Beschimp­fungen und unfairen Demüti­gungen. Er erschrickt selbst vor dem Ausmaß an Aggres­sion, die in ihm explo­diert und sich gegen ihn selbst richtet.

Ein bitterer Roman.


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