Rezension zu »Willkommen auf Skios« von Michael Frayn

Willkommen auf Skios

von


Belletristik · Hanser · · Gebunden · 288 S. · ISBN 9783446239760
Sprache: de · Herkunft: gb

Ich bin wo? Wer ist du?

Rezension vom 12.10.2012 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

In diesem Jahr lädt die amerikanische Fred-Toppler-Stiftung zur jährlichen Hausparty in ein ganz besonderes Ambiente: Man trifft sich auf der griechischen Mittelmeerinsel Skios. Nur für die Glücklichen, die eine Einladung als Passierschein vorweisen können, öffnen sich die Schranken zu dem abgeschotteten Hochsicherheitstrakt, in dem eine geschlossene Gesellschaft auf 3000 Jahre altem Kulturboden unter sich bleiben möchte. Erwartet werden mondäne Superreiche aus aller Welt, Ölmagnaten aus den Staaten und den Emiraten, Oligarchen, ein griechischer Großreeder, sogar ein Bischof und einige Wissenschaftler. Als Höhepunkt der zweitägigen Veranstaltung steht ein renommierter Gastredner auf dem Programm. Nikki, Mrs Topplers persönliche Assistentin, hat lange recherchiert und verhandelt, bis sie Dr. Norman Wilfred endlich verpflichten konnte. Der 52-jährige Wissenschaftler wird über "Innovation und Governance: das Versprechen der Szientometrie" referieren. Nikki hat eine gigantische Last an Organisation und Verantwortung auf sich genommen, doch wenn alles klappt, wird für sie die Tür zum Direktorenposten sicher offen stehen.

Mit einem Lächeln am Flughafen nimmt ein irrsinniges Tohuwabohu und Bäumchen-wechsle-dich-Spiel seinen Lauf. Protagonist Oliver Fox hat sich allemal höflich bemüht, aber ihm wollte ja keiner glauben.

Gerade verlässt er den Bereich der Rollbänder, schleppt seinen schwarzen Koffer mit rotem Gepäckanhänger und erwartet Georgie. Eigentlich wollte er das Haus in der karstigen Inseleinöde mit Annuka Vos beziehen, aber die hat mal wieder Schluss mit ihm gemacht und ihn vor die Tür gesetzt. Wo das erotische Wochenende nun schon mal geplant war, musste Ersatz her, und da bot sich Georgie an, eine 10-Minuten-Barbekanntschaft. Doch wo ist sie jetzt? Ihn scheint niemand zu erwarten. Dafür werden überall Namensschilder hochgereckt: "Dr. Norman Wilfred". Das hört sich gut an, und "er musste lächeln." Die attraktive Nikki ist überglücklich: "Er ist es!", und sie lächelt zurück ...

Michael Frayns Roman"Willkommen auf Skios" ("Skios", übersetzt von Annette Gruber) ist eine bühnenreife Verwechslungskomödie, die ihresgleichen sucht, eine intelligente Klamotte voller Slapsticks und running gags.

Mit Spott und Häme überschüttet der Autor die bessere Gesellschaft, die sich hier eingefunden hat, um gesehen zu werden, um gute (auch krumme) Geschäfte abzuschließen, um durch die Stiftung hindurch üppige Geldspenden am Fiskus vorbeizuhebeln. An diesem Wochenende wollen sich alle amüsieren, dazu eine Big Show genießen. Wen interessiert es, wer den Clown spielt oder wie er heißt? Namen sind Schall und Rauch. So fallen sie auf den charmanten Hochstapler Oliver Fox herein.

Wenig wissen, aber blasiert mitreden - diese "Kunst" beherrschen sie. Die illustren Gäste stellen Fox Fragen zu seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen. "Wenn man der Theta-Funktion einer Wexler-Verteilung einen Wert zwischen sieben und zehn zuordnet, vorausgesetzt, Lambda ist negativ und Mu größer als Phi, dann erzielt man eine Lösung, die Theobalds Konstante erstaunlich nahe kommt. Meine Frage ist: Wie nahe genau?" - "So nahe wie ein Floh einem Hund" antwortet Fox alias Dr. Wilfred.

Schnell hat sich Fox in seiner Rolle als Dr. Norman Wilfred einquartiert. Selbst als ihm die Blamage lebendigen Leibes gegenübersitzt, fürchtet er sich nicht, unternimmt keinen Versuch, sich der Bredouille zu entziehen.

Derweil hat sich Dr. Norman Wilfred (der echte) am Flughafen damit abgefunden, dass sein Koffer offensichtlich abhanden gekommen ist, denn auf dem Rollband zieht einzig ein schwarzer Koffer mit dem Namen "Annuka Vos" auf dem roten Lederanhänger seine Runden. Jetzt hat er nur noch Handgepäck, darin sein mehrfach gehaltener Vortrag. In der Halle wartet einsam Taxifahrer Spiros und wendet sich hoffnungsvoll an den letzten verbliebenen Passagier: "Phoksoliva? Euphoksoliva?" Was immer er damit meinen mag - der Professor will nur zu seinem Ziel gebracht werden, und auftragsgemäß fährt Spiros "Phoksoliva" in die Einöde, wohin "Phoksoliva" gefahren werden sollte ...

Im Luxushotel (dem falschen) werden dem Wissenschaftler (dem echten) bald unerwartete Serviceleistungen (echt) erbracht. Denn auch Georgie ist inzwischen vor Ort. Sie hatte ihren Flug verpasst und die Maschine am nächsten Tag genommen. Taxifahrer Stavros, Spiros' Bruder, erkundigt sich ebenfalls bei ihr nach "Phoksoliva?", um dann auch sie in die Einöde zu bringen. Dort finden sich schließlich Georgie (die echte) und Fox Oliver (der falsche) im Liebesnest, und das kann nicht gutgehen ...

So setzen sich die Missverständnisse und Verwechslungen fort und explodieren in einer Kettenreaktion irrwitziger Situationen. Niemand weiß, wo, wer, wie, was, wieso, weshalb, warum, und du bist ich, und ich bin du. Oder doch irgendwie anders ...

Oliver Fox ist kein wirklicher Hochstapler. Er ist ein unschuldig schuldig gewordener Lebenskünstler und Herzensbrecher, frei von Vorsatz oder Täuschungsabsicht. Der gesamten Zuhörerschaft erklärt er wahrheitsgemäß und ernsthaft, wer er ist, und entfacht doch nur ein urkomisches Spiel mit Identitäten, ein Feuerwerk witziger Repliken ("Ich bin George Washington." - "Ich bin ein Flusskrebs."). Alle toben vor Lachen und Begeisterung für Dr. Norman Wilfred. Wenn sie ihm (Fox) daraufhin die Schirmherrschaften, Präsidenten- und Vorstandsposten derart aufdrängen, bloß um sich mit fremden Lorbeeren zu schmücken und einen Promovierten vorweisen zu können, muss man ihm dann nicht nachsehen, dass er den lockenden Dollarsummen nachgibt?

Nach zwei Nachmittagen ist der Lesespaß leider vorbei. Bei der Lektüre konnte ich oft nicht umhin, mir auszumalen, wie Autor Michael Frayn seine Figuren auf die Bühne schickt, wie sie nebeneinander stehen oder aneinander vorbeilaufen, ohne den anderen wahrzunehmen, wie sie hereinspazieren durch die eine Tür, durch die andere hinaus. Dazwischen knattern die Taxis der Spiros-und-Stavros-Brüder, und immer wieder hört man ihre Frage: "Phoksoliva?"

Übrigens, falls Sie die kleine griechische Insel Skios auf Google Maps suchen, wundern Sie sich nicht über das rote Fähnchen: Sie ist verkauft - sicher ein Schnäppchen ...

Michael Frayn, 1933 in London geboren, ist ein mit vielen Literaturpreisen ausgezeichneter englischer Autor. Als Dramatiker und Übersetzer (u.a. von Tschechow) hat er sich international einen Namen gemacht. 2004 wurde ihm für seine Aufarbeitung bedeutender Ereignisse der deutschen Zeitgeschichte das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Herbst 2012 aufgenommen.


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