Rezension zu »Oskar und Lilli« von Monika Helfer

Oskar und Lilli

von


Belletristik · Deuticke · · 251 S. · ISBN 9783552061682
Sprache: de · Herkunft: at

Liebe Muttergottes, mach, dass es dich gibt!

Rezension vom 12.09.2011 · 4 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Nach Venezuela zu reisen, das ist der Wunschtraum des siebenjährigen Oskars. Seine neunjährige Schwester Lilli will er mitnehmen, und Geld hat er genug. Aber die Mutter der beiden Kinder muss auf Dauer in einer Psychiatrie behandelt werden, und ohne Vater werden die Geschwister von der Fürsorge getrennt und übergangsweise bei "Zieheltern" untergebracht.

Oskar kommt zu den "Lehrers", einer Ökofamilie von Vegetariern mit Energiesparhaus und Sparwahn. Lilli hat mit Rut das bessere Los gezogen, denn die kümmert sich gut um sie, verspricht ihr, dass sie auf Dauer bleiben kann, wenn Rut mal heiraten sollte, und setzt sich für Lilli ein, als sie in der Schule Probleme bekommt: Die Klassenkameradin Elvira berichtet Lilli nämlich, dass sie ihre Mutter beim Diebstahl im Kaufhaus erwischt habe und wisse, dass ihr Vater eine Geliebte hat. Nun werde ihr jeder Wunsch erfüllt, damit sie diese beiden Geheimnisse für sich behalte. Aber Lilli möchte mit solchen Erpressungen nichts zu tun haben und sich lieber von Elvira fernhalten. Diese rächt sich, indem sie Lilli systematisch mobbt.

Lilli freundet sich mit der dicken Betti an. Manchmal leidet diese immens und hasst ihren übergewichtigen Körper, dann wieder tröstet sie sich, sie könne ja nach Afrika gehen, wo füllige Frauen begehrt sind.

Bettis Schwester, die "Tschäin", ist drogenabhängig. In letzter Zeit spritzt sie sich mehr und mehr. Woher hat sie das Geld? "Hast du ihr etwas gegeben?" fragt Betti Lilli, die ihr schon zweimal heimlich viel Geld zum "Äitschschießen" zugesteckt hat. Sie waren gemeinsam auf dem Schlossberg, Lillis geheimem Ort, und dort hat sie die vielen Einstiche in den Armen der Tschäin gesehen. Welches Elend! Lilli war so erschüttert, dass sie einfach helfen musste – aber Betti kann sie die Wahrheit nicht sagen.

Und keiner kann helfen, nicht mal die Muttergottes. Immer wieder betet Lilli zu ihr, bittet darum, ihren schützenden Mantel über ihre Feinde, Freunde und sich selber zu werfen. "Bitte, Muttergottes, mach, dass es dich gibt."

"Die Lehrers" – die Mutter ist Turnlehrerin, der Vater unterrichtet Biologie – haben soviel mit sich selbst, ihrem immer schreienden Baby und der pflegebedürftigen Oma Erika zu tun, dass Oskar für sie nur ein ungeliebter, undankbarer Störenfried ist. Dabei zahlt doch das Amt für ihn, und zum Babysitten und zum Füttern der Oma können sie ihn gut gebrauchen. Als er nichtsahnend ausplaudert, dass die Mutter Lotto spiele, wird er obendrein als Lügner beschimpft, und dieser böse Vorwurf macht ihm besonders zu schaffen: Anderen gegenüber hat die Turnlehrerin Lotto immer als "Kapitalverbrechen" angeprangert, doch dann hat er im Abfall Lottoscheine gefunden ...

Zwischen Oma Erika und Oskar entwickelt sich schnell ein intensives Vertrauensverhältnis. Im Gegensatz zu anderen kann er die Worte, die unkoordiniert aus ihrem Munde fallen, verstehen. Für ihre Arme erfindet er Zugbänder, um ihr ständiges Zittern etwas zu mildern. Und sie teilen zwei Geheimnisse miteinander, von denen die "Lehrers" nichts ahnen: Erika hat in einem Versteck viel Geld, das er nach ihrem Ableben erhalten soll, und sie bittet ihn um Sterbehilfe – ein Kopfkissen, einen Stromschlag oder Ähnliches. In der Tat stirbt Erika später während eines technischen Unfalls mit einem Heizkörper ... Wenn Oskar nun also viel Geld erbt, was wird dann aus seinem Traum: Venezuela?

Ein erschütternder Roman über zwei ganz auf sich selbst gestellte Kinder. Sie dürfen ihre Kindheit nicht ausleben, im Gegenteil: Sie werden in die Probleme der Erwachsenenwelt derart stark hineingezogen, dass sie überfordert werden, auch wenn sie reifer als andere ihres Alters sind.

Monika Helfers "Oskar und Lilli" ist gerade bei Deuticke wieder neu erschienen; zuerst veröffentlicht wurde das Buch schon 1994. Dass seither siebzehn Jahre vergangen sind, merkt man: Hier und da wirkt der Roman ein wenig angestaubt. Hat sich denn die Situation von Pflegekindern mittlerweile nicht verbessert? Hat denn deren böse Diskriminierung (Ein Fürsorgefall zu sein ist schlimmer, als Ausländer zu sein ...) in unserer heutigen Gesellschaft nicht ein Ende gefunden? Die Tatsache, dass das Buch jetzt neu aufgelegt wurde, lässt Zweifel aufkommen ...

Der Sprachstil der Autorin ist gewöhnungsbedürftig. Sie reiht einfache kurze Sätze aneinander, bevorzugt "von" plus Dativ ("die Stiefel von Lilli") statt des Genitivs und verwendet andere Eigenheiten, wie zum Beispiel " [hat] zu seinem Stiefvater geholfen" (S. 227) statt " [hat] zu seinem Stiefvater gehalten"). Das mag einerseits kindliche Sprech- und Denkweise imitieren, andererseits österreichischem Sprachgebrauch entsprechen.

Die Gefühlskälte, der besonders Oskar ausgesetzt ist, wird dadurch deutlich, dass seine Bezugspersonen keine Namen erhalten, sondern stets nur mit ihrer Berufsbezeichnung "die Lehrers" benannt werden. Die einzig liebenswerte Person in jenem Haushalt heißt dagegen Erika – auch für den kleinen Oskar.

Oskar und Lilli, gelegentlich auch Betti wechseln von Kapitel zu Kapitel als Ich-Erzähler. Während Betti manchmal klagt, sind Oskars und Lillis Alltagsbeschreibungen durchweg sachlich-berichtend – und umso erschütternder. Kaum ein Leser wird sich diesen verletzten Seelen gefühlsmäßig verschließen können.

Ein sehr melancholischer Kinderroman, der nirgendwo einen Hoffnungsschimmer erkennen lässt; über allem schwebt allein der Traum-Ballon Venezuela, der allerdings auch leicht platzen könnte.

Monika Helfer, geboren 1947 in Au/Bregenzerwald, erhielt für ihre literarischen Werke zahlreiche Auszeichnungen, u.a. (1997) den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur.


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