Rezension zu »Landpartie mit drei Damen« von Nancy Mitford

Landpartie mit drei Damen

von


Belletristik · Graf · · Gebunden · 256 S. · ISBN 9783862200146
Sprache: de · Herkunft: gb

»Rule, Britannia« – mit »Reichshund«

Rezension vom 04.09.2012 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Der Plan scheint aufzugehen. Auf dem Lande gebe es ungleich mehr junge Damen aus reichem Hause, die nur darauf warten, von einem Prinzen in den Hafen der Ehe geschippert zu werden. Diesem Gerücht glaubend, reisen Noel und Jasper, zwei junge Herren aus der Londoner Oberschicht und immer knapp bei Kasse, nach Chalford in der Grafschaft Gloucestershire und hoffen, dort eine gute Partie zu finden. Ohne die kleine Erbschaft von Noels Tante hätten sie sich nicht einmal die Zugfahrkarte leisten können, und Jasper, der Lebenskünstler, geht davon aus, dass er sich wie üblich durchschnorren wird.

Welch glückliche Fügung: Im Landgasthof "Jolly Roger", der einzigen repräsentablen Unterkunft in Chalford, haben gerade Miss Jones und Miss Smith eingecheckt. Zimmer ohne eigenes Bad, das ist nicht ihr Standard. Das Geheimnis der unbekannten Schönheiten wird bald schwarz auf weiß in der Morgenzeitung gelüftet: Erstere ist die Grafentochter Lady Marjorie Merrith, die die Flucht ergriffen hatte, ehe ihre anberaumte Vermählung mit dem Herzog von Dartford vollzogen werden konnte. Die andere ist Poppy St. Julian, ihre (verheiratete) Vertraute und Seelenverwandte. Wenn Marjorie "in weißem Satin und mit Blumen im Haar herumläuft", trägt Miss Smith weißes Leinen und Strohhalme im Haar.

Aber auch das Dorf selbst hat einiges zu bieten. Da ist Anne-Marie Lace, die extravagante, unnahbare Provinzschönheit. Dass ihresgleichen sie nicht schätzt, dass die ungehobelten Dorftrampel sie als überkandidelt abkanzeln, bereitet ihr geradezu Genugtuung, ist sie doch der Star, den die unbekannten Künstler, die sich allsommers in einer Kolonie zusammenfinden, grenzenlos verehren.

Last but not least, steht unüberseh- und unüberhörbar die aparte siebzehnjährige Eugenia Malmains auf einem umgedrehten Waschzuber und schwingt ihre Rede an die Dörfler: "Briten, erwacht! Erhebe dich, britischer Löwe!" Gekleidet "in einen schlecht sitzenden grauen Wollrock, keine Strümpfe, alte Turnschuhe und eine Bluse, die allem Anschein nach aus einem Union Jack geschneidert war", würde niemand sie als reichste Erbin Englands erkennen.

Noel und Jasper schenken dieser durchgeknallten "modernen Johanna von Orléans" ihr geneigtes Ohr und werden sogleich von ihr vereinnahmt. Nur noch unterschreiben, und schon sind sie dem "Union Jack Movement" beigetreten. "Das kostet monatlich neun Pence, das Union Jack Shirt kostet fünf Shilling und das kleine Abzeichen Sixpence". Mit einem Fluch auf die Pazifisten und "Heil Hitler!"-Gruß schwingt sie sich auf ihr Pferdchen "Vivian Jackson" und galoppiert davon, im Schlepptau eine riesige Bulldogge namens "Reichshund".

Verliebt sind Noel und Jackson sofort. Doch wer wird am Ende wen beglücken?

Nancy Mitford wurde 1904 in London geboren und starb 1973 in Versailles. Aus uraltem Adel stammend, machte sie mit ihren fünf ebenso exzentrischen Schwestern um 1930 herum Furore: Die Mitford sisters wurden gefeiert, gehasst oder verachtet, gemeinsam und jede für sich – als Faschistinnen, Kommunistinnen, Hitler-Verehrerinnen, Schriftstellerinnen und Geflügelzüchterinnen.

Nancy Mitfords Bücher voller bissiger Gesellschaftskritik waren Bestseller. "Wigs on the Green", ihr dritter Roman, erschien 1935 und war nicht nur sogleich umstritten, sondern löste auch in der Familie einen Streit aus. In der Figur der faschistischen Eugenia spiegeln sich nämlich die Schwestern Diana und Unity wider, beide überzeugte Anhängerinnen Hitlers. Diana heiratete in zweiter Ehe Oswald Mosley, den Führer der "British Union of Fascists", Unity besuchte 1933 den Parteitag in Nürnberg und war von Hitlers flammenden Worten begeistert.

Einer weiteren Veröffentlichung hat die Autorin zu ihren Lebzeiten nie zugestimmt. Erst 2010 erschienen Neuauflagen in Großbritannien und den USA, und 2011 hat der Graf-Verlag "Landpartie mit drei Damen" in einer Neuübersetzung von Matthias Fienbork und einem Nachwort von Charlotte Mosley herausgebracht.

Wie Cover und Titel versprechen, ist der Handlungsverlauf charmant. Mit spitzer Feder bereitet die Autorin die hohle aristokratische Gesellschaft komödiantisch auf. Die Persiflage auf die englischen Nationalsozialisten wirkt dagegen nach 76 Jahren und einem verheerenden Weltkrieg recht antiquiert, angestaubt und ohne hinreichenden Tiefgang. Eugenia erscheint eher als Kind denn als intellektuelle Emanze.

Weitere Werke von Nancy Mitford:

The Pursuit of Love (1945; deutsch: Englische Liebschaften, 1998)

Love in a Cold Climate (1949; deutsch: Liebe unter kaltem Himmel, 1998)

The Blessing (1951; deutsch: Ein Segen für die Liebe, 1993)

Noblesse Oblige. Böse Gedanken einer englischen Lady (1997; im Original: Noblesse Oblige: an Inquiry into the Identifiable Characteristics of the English Aristocracy, 1956)

Don't Tell Alfred (1960; deutsch: Die Frau des Botschafters, 1995)


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