Rezension zu »Das Lavendelzimmer« von Nina George

Das Lavendelzimmer

von


Belletristik · Knaur · · Gebunden · 382 S. · ISBN 9783426652688
Sprache: de · Herkunft: de

Vergesst das Leben, Lieben, Lesen nicht!

Rezension vom 01.09.2013 · 15 x als hilfreich bewertet mit 3 Kommentaren

»Ein Meer aus Lebenszeichen« ist das Wohnhaus, in dem der fünfzigjährige Jean Perdu in Paris lebt – eine schöne Metapher für das bunt gemischte Völk­chen von Individualisten, die Jean umgeben. Da sind: – das schon etwas ältere Ehepaar Goldenberg, das sich ständig streitet – die ehemalige Pianistin Clara Violette, die inzwischen an ihren Elektrorollstuhl gefesselt ist – Che, der blinde Koch, der sich auf seinen Geruchssinn bedingungslos verlassen kann – der aus Ghana stammende Kofi, ein Podologe – die Witwe Madame Bomme, bei der sich regelmäßig ein Damenkränzchen trifft.

In der dritten Etage ist kürzlich der Schriftsteller Maximilian Jordan (25) eingezogen. Aber der kann und will wohl nicht viel von seiner Umwelt wahrnehmen. Er isoliert sich mit maßgeschneiderten Gehör­pfropfen, über denen er Ohrenschützer und bei Kälte zusätzlich noch eine Wollmütze trägt; all das dürfte genügen, um den Geräuschpegel auf Level Null zu dämpfen.

Ein bisschen kauzig ist auch Jean Perdu selber. Vor gut zwanzig Jahren hat er in einem Anfall sein gesam­tes Mobiliar zerdeppert. So lebt er noch heute in einer auf das Lebensnotwendigste reduzierten, dekor­freien Wohnung. Zwei seiner Zimmer nutzt er gar nicht mehr. Verschlossen ist auch das »Lavendelzimmer«, sein ehemaliges Liebesnest, in dem er sich über fünf Jahre lang mit Manon geliebt hatte und wo er ihr ein selt­sames Versprechen geben musste: »Ich wünsche mir, dass du vor mir stirbst.« Doch dann hat sie ihn ver­lassen, um Luc, einen Weinbauern aus der Provence, zu heiraten. Einen Brief hat sie ihm geschickt, aber der verletzte, verbitterte Jean hat ihn nie geöffnet; noch immer liegt er verschlossen in einer Schreib­tisch­schublade.

Jean Perdus Lebensinhalt heißt »Lulu«. Das ist ein Schiff, das am Ufer der Seine dümpelt und vollgestopft ist mit Büchern. Ein Schild mit der Aufschrift »La pharmacie littéraire«, die Literarische Apotheke, lockt die vorbeiflanierenden Spaziergänger. Nachdem Perdu jahrzehntelang gelesen und gelesen hat, empfiehlt er heute seinen Kunden Bücher, die nicht nur ihren Lesehunger stillen, sondern auch solche, die Trost spen­den, ja heilen können, wo kein Arzt oder Therapeut mehr weiter weiß. Seine Bücher lindern Schwer­mut, Heimweh, Liebeskummer, Ängste aller Art, ob vor dem Leben, dem Älterwerden oder dem Sterben.

Nur sich selber zu therapieren, seine ihn immer noch quälende Seelenpein zu besiegen, sich endlich zu öff­nen, um Glück zu erleben und nach Jahren der Abstinenz mal wieder eine Frau zu berühren – das vermag Perdu bis heute nicht.

Da tritt die schöne Catherine in sein Leben. Obwohl sie nicht kochen kann und nicht einmal Teller oder Besteck besitzt, lädt sie ihn zum Essen ein. Die beiden kommen sich näher. Catherine bringt Perdu nicht nur dazu, ihr von Manon zu erzählen, sondern sogar den verschlossenen Brief zu öffnen. Was Jean darin zu lesen bekommt, ist bitter und beschämend für ihn: Manon hätte damals dringend seine Hilfe benötigt. Jetzt will Jean sich auf den Weg machen; er muss Manon finden – vielleicht kann er noch etwas gutmachen …

So legt die »Lulu« ab und tuckert auf der Loire, der Rhône und vielen Kanälen hinunter in die Provence. Mit von der Partie ist Max, auf der Flucht vor sich selber und auf der Suche nach Geschichten, denn seine Schreibblockade macht ihn fertig. Als das gemeinsame Budget schnell aufgebraucht ist, bezahlt man Schleusen- und Hafengebühren und sogar das tägliche Brot mit Naturalien. Denn irgendein passendes Buch hat Jean für jeden dabei.

Indem die beiden dahinschippern, passieren sie herrliche Landschaften, lernen sympathische Menschen kennen und nehmen einen weiteren Gast bei sich auf. Am Ende ihrer Flussfahrt findet jeder der Three Men in a Boat genau die Frau, die er sich erträumt hatte.

Was ziemlich seicht und kitschig klingt, hat die Autorin gar nicht so platt gestaltet. Es sind halt die Zufälle des Lebens, die diese Menschen zusammenführen, und Nina George erzählt sie ansprechend, einfühlsam, bedächtig, phantasievoll, poetisch – ein Märchen auf 382 Seiten.

Darüber hinaus hat sie sich eine ausgewachsene Fleißkarte verdient, denn sie fügt ihrem Roman einen An­hang bei, der (neben Rezepten aus der Provence) »Jean Perdus literarische Notapotheke von Adams bis von Armin« bereithält – eine Literaturliste, die zu einem geschätzten Drittel bekannte Klassiker (»Moby Dick«, »Der Mann ohne Eigenschaften«), ansonsten einen bunten Mix von Gattungen und Genres unter­schiedlichster Autoren in ein paar Wörtern auf ihre Indikation und Nebenwirkungen hin kondensiert. Setzt Nina George das Werk Jean Perdus fort? Identifiziert sie sich voll und ganz mit seinem Lebenshilfe-Kon­zept?

Trotz alldem konnte mich das Buch nicht wirklich packen. Da ist einerseits das Duftig-Fluffige, das natür­lich Fließende in Handlungsgang und Erzählton. Es gibt nette Überraschungen und unterhaltsam-heitere Pas­sagen. Doch steckt in der Figur des Protagonisten von Anfang an zuviel selbstauferlegtes Pathos. Ein erwachsener, umfassend belesener Mann, der in der quirligen Weltmetropole Paris lebt, sich jedoch Jahr­zehnte lang in einen inneren und äußeren Kerker einschließt, weil er über die Liebe seines Lebens nicht hinwegkommt – das ist mir zu dick aufgetragen: eine weltfremde, konstruierte Dramatik, der der spre­chen­de Name mit einem ganzen Strauß von Bedeutungen ein schweres Krönchen aufsetzt (»Jean Perdu«: der verlorene, der herbe, abgeschiedene, verkommene, versunkene Johannes). Und kaum ist die Büchse der Pandora (Manons Brief) geöffnet, ist es vorbei mit der unbeschwerten Leichtigkeit des Seins. Von da an wird der Handlungsgang metaphorisch aufgeladen, und hinter der hübschen Flussreise schimmert be­stän­dig die Sinnüberhöhung durch. Ein bedauernswerter verkrampfter Kauz muss lernen, seine unter­schied­lich­sten Gefühle wieder zuzulassen, um auf dem Umweg einer Reise schließlich wieder zu sich sel­ber zu fin­den. Die Botschaft an den Leser lautet dann wohl: Machen Sie es nicht wie Jean, sondern leben Sie jetzt, denn das Leben ist endlich, und lesen Sie nur recht viel, denn Bücher sind die beste Medizin. Nett und harmlos.


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Kommentare

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Zu »Das Lavendelzimmer« von Nina George wurden 3 Kommentare verfasst:

Elisabeth Guechida schrieb am 14.11.2013:

Zum Glck hier einmal eine kritische Rezension zum "Lavendelzimmer". Mir wurde es von einer Kollegin empfohlen, ich fing an zu lesen und glaubte mich nach kurzer Zeit in einem Text von Coelho vor, dem "Eso-Schwadroneur", wie A.Altmann ihn treffend nennt. Es sind so viele "Schlampigkeiten" und z.T, dmmliche "Lebensweisheiten" versteckt, dass ich fast nicht weiterlesen mag. Gibt es in Paris wirklich Papierservietten, auf denen Hesses "Stufen" gedruckt sind? Und Kstners "Hausapotheke" gibt dem Schiff des M. Perdu den Namen. Es kommt mir vor, dass Frau George nur deutsche Dichter kennt. Die eune Katze heisst "Kafka", warum nicht Voltaire oder Moliere...Und bitte, was ist ein "energisch gebgeltes Hemd" (S.12). Ich knnte noch Hunderte von Beispielen des Verirrens der Autorin in der deutschen Sprache bringen, aber das soll gengen. Ich glaube, mir ist die Zeit zu schade, um das Buch fertig zu lesen.


F. Gajewski schrieb am 26.09.2015:

Vielleicht ist die Kommentatorin E.G. doch besser bei "Jerry Cotton"-Romanen aufgehoben. Aber schlielich haben wir in D ja die Meinungsfreiheit! Nicht wahr!

Elisabeth Guechida schrieb am 15.10.2016:

Leider habe ich erst heute den Kommentar von F.G. entdeckt und eigentlich wrde ich nicht darauf antworten, wenn ich ihn nicht ausgesprochen unverschmt finden wrde. Glauben Sie wirklich, dass eine gelernte Buchhndlerin und Bibliotheksassistentin, deren Lieblingsbuch Bulgakows "Meister und Margarita" ist, Jerry Cotton liest? Ja, machmal haben wir leider Meinungsfreiheit in D, sodass man auch beleidigende Kommentare schreiben darf.

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