Rezension zu »Die Landkarte der Finsternis« von Yasmina Khadra

Die Landkarte der Finsternis

von


Belletristik · Ullstein · · Gebunden · 336 S. · ISBN 9783550080005
Sprache: de · Herkunft: fr

Vom Regen in die Traufe

Rezension vom 30.08.2013 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Dr. Kurt Krausmann ist aus der Bahn geworfen. Schon zum zweiten Mal muss er sich ganz neu orientieren. Das eigentliche Leben des praktischen Arztes be­gann, so reflektiert er in der Rückschau, als er »der Liebe begegnete«. Als sich seine Frau Jessica nach zehn glücklichen Ehejahren das Leben nahm, ohne eine Er­klärung zurück­zulas­sen, verlor er zum ersten Mal den Halt. Waren es tatsächlich ihre frustrierten Karriere­träume, die sie dazu trieben, ihr Leben weg­zu­wer­fen? Eine Afrikareise, die ihm eigentlich Ablenkung und Entspannung bringen sollte, stürzt ihn un­ver­mittelt in eine grundlegend andere Kultur, wo ihn menschliche Grenzerfahrungen erschüttern und er radikal andere Lebensauffassungen kennenlernt. In unsere Zivilisa­tion zurückgekehrt, findet er sich erneut nicht mehr zurecht, muss seine bisherigen Wertungen in Frage stellen und sich einer ungewissen Zukunft stellen.

Es war Freund Hans Mackenroth, Industrieller im Ruhestand und Eigner einer großen Segelyacht, der Kurt zu einer Reise nach Afrika überredet. Der alte Seebär ist seit Jahren in aller Welt unterwegs, um den Ärm­sten, Misshandelten, Ausgebeuteten und Unterdrückten humanitäre Hilfe zu bringen. Diesmal geht es Richtung Komoren, wo er mit Unterstützung wohltätiger Organisationen ein Krankenhaus einrichten will. Doch die Seefahrt endet in einem Desaster.

Im Golf von Aden wird das Schiff von einer kleinen Truppe bewaffneter Männer gekapert. Als sie Tao, den asiatischen Koch, packen, um ihn kurzerhand über Bord zu werfen, wird Hans bei seinem Versuch, sich für ihn einzusetzen, mit einer Machete schwer verletzt. Dann werden die Männer gefesselt und tage- und nächtelang auf der Laderampe eines verrotteten Pickups über unwegsame Pisten durch Geröllfelder und Trockengebiete ins Nirgendwo verschleppt. Als kurzfristige Verstecke dienen stinkende Erdlöcher oder Felshöhlen. Der verabreichte Fraß ist ungenießbar, es gibt kaum etwas zu trinken und keine Medizin. Erbarmungslos knallt Tag um Tag die Sonne herab. Wie lange wird dieses Elend andauern, bis irgend­jemand – Regierung, Firmen oder Organisationen – bereit ist, das Lösegeld in maximal pressbarer Höhe zu bezahlen?

Der algerische Schriftsteller Mohammed Moulessehoul (geboren 1955, im Exil in Frankreich lebend und unter dem Pseudonym Yasmina Khadra schreibend) hat in seinem Roman »Die Landkarte der Finsternis« all das in bildstarke Worte gefasst. Neben dem spannenden Plot um die Entführung reizt sein Buch durch die Konfrontation gegensätzlicher Charaktere, Lebensweisen, -konzepte und -verläufe.

Vermittelt wird uns, was geschieht, durch den Ich-Erzähler Kurt. Dessen Leben verlief nicht ungewöhn­lich, eher oberflächlich; wie wohl die meisten Wohlstandseuropäer war er vor allem damit beschäftigt, sein eigenes Glück zu schmieden. Als seine tüchtige Ehefrau (vermutlich) an ihrer ehrgeizigen Selbstverwirk­lichung scheitert, versinkt er nicht weniger egozentriert in Trauer. Aus dieser Grundhaltung heraus nimmt er nun seine Gefangennahme und die Entführer wahr: eine menschenverachtende, mitleidlose Bande kri­mineller »Monster [und] Barbaren«, die eine Industrie daraus entwickelt haben, aus dem Leid argloser und unschuldiger Reisender Millionen zu pressen.

Khadras Figuren bestätigen diese Auffassung ungeschönt. Anführer der Piraten ist Joma, ein Koloss, des­sen Gestalt allein schon Angst einflößt. Gleich beim ersten Wortwechsel an Bord der Yacht schlägt er ver­bal und mit der Waffe Pflöcke ein, die unmissverständlich klarstellen, wer hier in seiner Heimat Afrika das Sagen hat. Proteste gegen die unwürdigen Umstände der Geiselnahme bügelt er mit primitivem Macht­gehabe und bedrohlichen Handgreiflichkeiten, ab; er kokettiert mit seiner Ausstrahlung der Unbesiegbar­keit und Allmacht. In heftigen ideologietriefenden Disputen untermauert er seine Legitimation mit Kolo­nial­ge­schich­te und Fatalismus. Taos Tod war nur »eine Frage der Logistik«, und ohnehin ist der Tod in Afrika normal: »Jeden Tag wird gestorben. Das ist nichts, was den Herrgott um seinen Nachtschlaf bringt.«

Später erweist sich in einer Schlüsselszene, dass auch dieser Ausbund an Horror von europäischer Kultur geprägt ist. Mitten in der Wüste glaubt Kurt, einen hilfsbedürftigen Menschen zu sehen; als Joma sich wei­gert, den Pickup anzuhalten, bricht Abscheu aus Kurt heraus, er beschimpft und provoziert Joma. Doch der kontert: »Keine Rasse ist der anderen überlegen.« Was bilden sich die Europäer ein, die ganze Kontinente unterjocht und weltweit Kriege geführt haben? Joma ist selbst in gewisser Weise ein Geschöpf des Kolo­nialismus: Mit europäischer Literatur kennt er sich besser aus als die weißen Segler; er beherrscht ganze Textpassagen auswendig – Shakespeare, Goethe, Hölderlin, Lermontow … –, und er ist selbst Lyriker, so­gar der beste seines Landes, ausgezeichnet mit dem »Nationalen Literaturpreis«. Doch die Frustration all seiner Hoffnungen und Erwartungen hat ihn zum Barbaren werden lassen. Kurt bleibt mit den gehaltvollen, aussagekräftigen Gedichten des gebildeten Mannes ratlos zurück.

Jomas Schicksal steht nicht allein. Wir erfahren von der bitteren Armut der Menschen der Finsternis: »Wir hatten noch nicht mal das Geld für den Strick, um uns aufzuhängen.« In ihrer Not ergreifen viele ihre Chance, das für sich zu erpressen, was andere im Überfluss haben. Sind wir berechtigt, die Hoffnungslosen dafür zu verurteilen, dass sie keine edleren Wege beschreiten als Verbrechen, Menschenraub und Mord?

Khadra hat nicht etwa vor, in der Schuldfrage zu differenzieren oder gar Nachsicht für die Verbrecher zu wecken. Nicht eine seiner Figuren afrikanischer Provenienz bietet einen Funken Hoffnung auf Alternativen oder eine bessere, menschenwürdigere Zukunft. Ein junger Wächter, der mit den Gefangenen Kontakt hält, zeigt immerhin Mitgefühl und wagt es sogar, dem Boss vorzuschlagen, man könne die Männer doch lau­fenlassen. Doch sein Versuch wird schon im Ansatz niedergeschlagen.

Auf der anderen Seite sind die involvierten Europäer vorwiegend vernünftig und bemühen sich um gesit­tetes Auskommen. Keine der Figuren relativiert die Schuld der kolonialistischen Jahrhunderte. (Wobei ich mich frage, wieso Khadra sich ausgerechnet Deutsche als Protagonisten ausgesucht hat; als Algerier in Frankreich wüsste ich Näherliegendes.) Das Verhalten der Gefangenen in konkreten Krisensituationen ist nicht zu kritisieren. Der französische Ethnologe Bruno, schon länger in der Hand der Piraten, ist zwar ein wirrer Charakter, den auch die grausame Realität nicht von seiner idealistisch-weltfremden Afrika-Verklä­rung abbringen kann, aber er richtet wenigstens keinen Schaden an.

Doch sind die beiden Welten, die da aufeinanderprallen, inkompatibel. Der erschreckend geradlinige Joma verachtet Kurt Krausmann als fassadenhaft und scheinheilig, und der hasst das größenwahnsinnige Mons­ter abgrundtief. Obwohl Joma sich seiner europäischen Ader bewusst ist und Krausmann fürchtet, seinem Ge­genpol »allmählich ähnlich zu werden, wenn ich ihn noch weiter ertragen muss« (in der Tat wird er schließlich zum Mörder), ahnt Krausmann, »dass einer von uns zu viel ist auf dieser Erde, dass auf der Welt zwei Wesen wie wir, die alles trennt und zwischen denen keinerlei Gemeinsamkeit auch nur denkbar ist, nie und nimmer am selben Platz existieren können.«

Da fragt man sich, ob der Autor tatsächlich kein Lichtlein am Ende des Tunnels zulassen, sondern nur Gängiges bestätigen will: das Schwarz-Weiß-Bild vom hoffnungslosen, brutalen afrikanischen Kontinent, dessen Kultur verroht, von dem selbst die letzten Spuren eines Kulturfirnis abplatzen, der sogar seine Hel­fer umbringt … Bedarf es für so eine Botschaft eines Romans? Liefern nicht schon die alltäglichen Nach­richten genug Material, um zu einer solchen Haltung zu gelangen?

Darüber hinaus verharrt die Erzählung eigenartig auf der individuellen Ebene. Es scheint, als gehe es Khadra eher darum, zu reflektieren, was »Leben« bedeutet, und in dieser Hinsicht einen Kontrast zwischen dem hochgezüchteten europäischen Individualismus und nacktem afrikanischen Überlebenskampf zu illus­trieren. Ihr Leben wegzuwerfen, wie Jessica es tat, käme diesen Menschen nie in den Sinn. In Europas Wohlstand und Zivilisation gibt es Raum für Hochkultur und Moral; in Afrika gibt es nicht einmal genug, um Hunger und Durst zu stillen. Kurz: »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!« (Bertolt Brecht, »Dreigroschenoper«, 1928) Doch während Macheaths Ausruf an die »Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben / Und Sünd und Missetat vermeiden kann« Klassenkampf-Dimensionen innewohnen, grämt sich auf der »Landkarte der Finsternis« immer nur der Mediziner Krausmann. Verlorene Liebe brachte ihn nach Afrika; dort findet er eine neue Liebe, und wenn er am Ende nach Afrika zurückkehrt, dann ist es ihret­wegen. So stehen auch die beiden Motivstränge – einerseits die politisch relevante Entführungs­pro­ble­ma­tik, andererseits die Liebesnöte eines deutschen Arztes – merkwürdig unverbunden nebenein­ander …

Dass einer selbst in widrigsten Umständen durch die Liebe das Leben wieder als lebenswert entdeckt, ist schön und gut, aber die politischen und kulturellen Dimensionen von Khadras Projekt bleiben leider unge­nutzt. Gerade bei einem algerischen Exil-Schriftsteller hätte ich eine deutlichere Aussage und vielschich­tigere Stellungnahme erwartet.

Alles in allem halte ich »Die Landkarte der Finsternis« trotz der konzeptuellen Schwäche für ein lesens­wertes Buch. Großen Anteil daran hat Regina Keil-Sagawe, die »L’Équation Africaine« Yasmina Khadra: »L’Équation Africaine« bei Amazon großartig übersetzt hat. Der Plot ist spannend, die Einblicke in afrikanisches Leben erschüttern, die Schilderungen der Umstände gehen unter die Haut, die emotionalen Wechselbäder sind nachvollziehbar, die Sprache ist literarisch niveauvoll, differenziert und authentisch. Wir lesen über »eine Welt, in der Götter ohne Barm­her­zig­keit schon keine Haut mehr an den Fingern haben, weil sie ihre Hände fortwährend in Unschuld waschen.«


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