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Rezension zu »Der Tod kommt nach Pemberley« von Phyllis Dorothy James

Der Tod kommt nach Pemberley

von


Kriminalroman · Droemer · · Gebunden · 384 S. · ISBN 9783426199626
Sprache: de · Herkunft: gb

Murder in the family!

Rezension vom 17.02.2014 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Sechs Jahre ist es her, dass Elizabeth Bennet und Fitz­william Darcy ge­heira­tet haben. Welch eine ver­wir­rende Odyssee der Gefühle, Miss­ver­ständ­nisse, Intri­gen, ge­sell­schaft­licher Tur­bu­lenzen und per­sön­licher Rei­fung, bis es endlich soweit war! Jane Austen brei­te­te all das in ihrem Roman »Pride and Pre­judice« (»Stolz und Vor­urteil«) lücken­los aus; seit er 1813 erschien, wurde er zwan­zig­millio­nen­fach gelesen und zehn Mal verfilmt. Baro­ness Phyllis Dorothy James schaut nun nach, wie es den Ehe­leuten und ihren beiden Söhnen im Herbst 1803 auf ihrem Land­sitz Pem­ber­ley er­geht. Und was müssen wir fest­stellen? Oh dear – murder in the family!

Schon lange bevor die schreckliche Nach­richt auf Pem­ber­ley herein­stürzt, ist Mr Darcy besorgt. Denn ist es ange­bracht, den traditio­nellen fest­lichen Herbst­ball aus­zu­richten, wenn das König­reich bald gegen den fran­zösi­schen Bona­parte in den Krieg zieht? Doch eine Absage des Er­eignis­ses würde ganz Paris in Jubel aus­brechen lassen, und oben­drein befindet Darcy, »dass nichts der Moral zu­träg­licher sei als ein wenig harm­lose Unter­haltung«.

So wurden die Einladungen verschickt, und während die Vor­berei­tungen auf Hoch­touren laufen, bringt uns die Autorin auf den neuesten Stand, was aus all den Menschen wurde, die »Pride and Pre­judice« be­vö­lker­ten.

Am Abend vor dem Fest sitzt man wie immer im Familien­kreis bei Kerzen­schein und Klavier­musik im Salon. Draußen waren dunkle Wolken aufge­zogen, ein Sturm braut sich zusam­men. Plötzlich rast eine schlin­gernde Kutsche auf das An­wesen zu. Der Kutscher knallt mit den Zügeln auf die Pferde ein. Man hört die Räder nicht, sieht nur die »sturm­ge­peitsch­ten Pferde­mähnen, die wilden Augen und ange­spann­ten Flanken der Tiere«. »Eine wahre Geister­kutsche«, geht es Elizabeth durch den Kopf, »ein schreck­licher Vor­bote des Todes«. Eine schwarz gekleidete Frau stürzt »hem­mungs­los krei­schend« aus der Kutsche – Elizabeths eigen­willige Schwester Lydia, die einst mit dem zwie­lich­tigen Offizier George Wick­ham durch­brannte und ihn dann hei­ratete. Ihre ver­zerr­ten Worte sind kaum zu verstehen: »Wick­ham ist tot! [Captain] Denny hat ihn er­schos­sen!« Dann bricht sie schluch­zend zu­sam­men.

Nach dieser schaurigen Szene (P.D. James kann auch »Wuthering Heights« ...) wird Darcy den Ball auf Pem­ber­ley wohl doch ab­sagen müssen. Ein Mord in besten Kreisen! Das Ver­bre­chen am (wenn auch un­ge­lieb­ten) Schwager muss auf­geklärt, der Täter seiner ge­rech­ten Strafe zu­ge­führt werden.

Versteht sich, dass die Recherche vor zwei­hun­dert Jah­ren nach Guts­herren­art erfolgte. Man hört und wägt, was Be­trof­fene, Zeu­gen und hohe Herr­schaf­ten zu sagen haben. Wes Standes eine Person ist, was für ein Leu­mund ihr voraus­weht, das kann über Wohl und Wehe ent­schei­den. Wenn man doch schon »das Blut eines Men­schen von dem eines anderen unter­scheiden« könnte! Doch davon ist die Wis­sen­schaft noch weit ent­fernt.

Der Prozess geht zügig über die Bühne. Der Ange­klagte mag seine Un­schuld noch so sehr be­teuern, es ist plausi­bel, dass er der Mörder war, und eine lücken­lose Beweis­kette kann niemand liefern. Am Ende zählt das Urteil der Ge­schwo­re­nen, und das fällt ein­stimmig. Der Richter folgt ihrem Spruch, und schon erwartet den Sünder der Strang. Aber unsere Auto­rin hat bereits zuvor einige Wen­dun­gen ein­ge­fä­delt und einen anderen Täter im Ärmel; er wird sich einem höheren Rich­ter stellen müssen.

Es wird keinen Leser überraschen noch schmerzen, dass dieser Kriminal­roman nicht gerade birst vor Span­nung. Wenn eine exquisite Schrift­stellerin wie Baro­ness James die Geschicke einer von Jane Austen in Szene ge­setz­ten Familie weiter­spinnt, stehen natür­lich subtile Charak­tere, ihre Be­zie­hun­gen unter­ein­ander, die Ge­sell­schaft und eine er­lesene sprach­liche Ge­stal­tung im Vor­der­grund, nicht das De­tek­tivi­sche. Das Böse und Hinter­hältige bricht aus der mensch­lichen Natur her­vor, wenn diese nicht unter der Kon­trolle der Zivi­lisiert­heit ge­halten werden kann oder will.

A und O menschlicher Existenz sind Einkom­men und öffent­liches An­sehen. Droht der Re­puta­tion Schaden, etwa nach einem unbe­dach­ten Fehl­tritt, so lässt sich vieles mit Geld aus der Welt schaffen. Austen-Fans wissen: Auch Darcy hat mehr als einmal gezahlt ...

In vielerlei Hinsicht wirkt das Groß­britan­nien vom Anfang des 19. Jahr­hun­derts bei P.D. James ebenso weit ent­rückt wie bei Jane Austen. Immer­hin lässt sie mehr Alltag zu: In vor­neh­men Herren­häusern wie Pem­ber­ley gab es ein Wasser­klosett; in den Städten und ein­fachen Häusern stanken die Ver­hält­nisse dagegen be­kannt­lich zum Himmel. Die pri­vile­gier­ten Kreise lebten ange­nehm (wenn auch noch nicht an­nähernd ›kom­for­tabel‹ in unse­rem Sinne), dezent umsorgt von einer Diener­schaft, die ihre oft er­erb­ten Aufgaben­bereiche eifer­süchtig ver­teidig­te und für eine halb­wegs sichere Un­ter­kunft geringes Ein­kom­men und manche De­müti­gung hin­nahm.

Frauen waren in allen Schichten enge Grenzen gezogen. Sinn und Zweck ihres Daseins ist allein die Ver­hei­ra­tung, und sie dient in erster Linie der Ab­siche­rung. Glücklich können die sein, deren Ehe­mann auf­ge­klärt genug ist, um einzu­räumen, »dass auch Frauen eine Seele besitzen«. Anzuer­kennen, dass »sie auch über Ver­stand verfügen«, wäre revolu­tionär, denn müsste man ihnen dann nicht sogar ein »Mit­sprache­recht« zu­ge­stehen?

Den Ritterschlag erteilte »Death Comes to Pemberley«Phyllis Dorothy James: »Death Comes to Pemberley« bei Amazon die BBC, indem sie den Roman in eine vier­tei­lige Mini­serie wan­delte (soeben auf DVD er­schie­nen: »Death Comes to Pemberley – BBC«Phyllis Dorothy James: »Death Comes to Pemberley – BBC« bei Amazon). Gewiss wird sie auch bald im deutsch­sprachi­gen Fern­sehen aus­ge­strahlt und der harschen, kom­plizier­ten Gegen­wart schöne Bilder und ge­pfleg­te Sitten aus einer (ver­meint­lich) bes­seren Ver­gangen­heit im einst großen Britannien ent­gegen­setzen..

Ach wie schön, dass P.D. James (von Michaela Grabinger stil­sicher über­setzt) die gute alte Lite­ra­tur­epoche um Jane Austen, George Eliot und die Brontë-Schwestern noch einmal auf­leben lässt. Das reicht dann aber auch wieder für ein paar Jahr­zehnte.


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