Rezension zu »Die romantischen Jahre« von Paul Ingendaay

Die romantischen Jahre

von


Belletristik · Piper · · Gebunden · 480 S. · ISBN 9783492054744
Sprache: de · Herkunft: de

Der Held des Antragsformulardurchschlags

Rezension vom 26.03.2012 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Das Cover spricht den Betrachter auf etlichen Ebenen an: Wir sehen zwei Autos – Modelle aus den Sechzigern -, die, ehe sie aneinander vorbeigebraust sind, angehalten haben. Die beiden Fahrer strecken sich zum Anderen hinüber – der gepflegte junge Herr aus dem Fenster seines himmelblauen Kompaktwagens und die aparte junge Dunkelhaarige vom schwarzen Ledersitz ihres roten Cabrioflitzers – und küssen einander zärtlich. Darüber der Titel "Die romantischen Jahre" ... Der Klappentext kündigt als "Helden" einen Versicherungskaufmann an, der eine Affäre mit einer verheirateten Frau beginnt – aber sein Leben in "tragikomischer Tradition als mittelschweren Schadensfall" betrachtet ... Also bürgerliche Wohlstandskinder-Idylle? Unterhaltsame Sixties-Nostalgie? Vielleicht doch irgendwo Hippie-Aufbruch? Achtundsechziger als Existenzgründer? Gesellschaftlicher Konflikt Romantik versus Materialismus? Da kann uns vielerlei erwarten zwischen heiler und gebrochener Welt.

Doch welch eine Mogelpackung! Ein junges Pärchen, auf der Höhe der Zeit, chic motorisiert, das sich möglicherweise auf verschlungenen Pfaden kennenlernt, ihr zartes Liebespflänzchen hegt und pflegt, in Konflikte der Umbruchsjahre gerät oder auch eine Idylle dagegen hält – egal was: Man sucht es vergeblich. Die Schnittmenge zwischen den geweckten Erwartungen und dem nachfolgenden Inhalt ist nur mit der Lupe aufzuspüren.

Für seinen Debütroman "Warum du mich verlassen hast" wurde Paul Ingendaay 2006 mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Angesichts dieser Vorschusslorbeeren ignorieren wir also unsere Enttäuschung, um hoffentlich zum wahren inneren Wert des Romans zu finden.

Der Versicherungskaufmann Marko Theunissen hängt nach Jahren sein Literaturstudium an den Nagel. Orientierungslos wie er ist, lässt er sich von Anton Orzegowski, dem persönlichen Versicherungsagenten seiner damaligen Freundin Martina, belehren, wie man schnell zu Geld kommt: Kurze Ausbildung, schon besteht man die Prüfung zum Versicherungsvertreter und verdient, je nach Engagement und Überzeugungskraft, die schnelle Mark. Mit 37 Jahren muss Marko doch nun endlich was aus seinem Leben machen!

In Kleinhoek, einem Kaff am linken Niederrhein, kann er eine Agentur übernehmen. Doch anders als sein Vorgänger Willi, der manchen Schaden zum Besten seiner Dörfler zu regeln wusste, hat's der Marko schwer. Als Zugezogener Versicherungen an den Bauern zu bringen ist schier ein Ding der Unmöglichkeit, und daran wird sich auch in dreißig Jahren nichts ändern.

So lesen wir alles, was wir sowieso schon über die Versicherungsbranche wussten oder wenigstens ahnten – über Policen, Provisionen, Platzhirsche und die Pirsch auf die ahnungslosen Kunden, bei der allein die Quote zählt. Auf der Hauptversammlung am Jahresende wird die Bestenliste der bitter rivalisierenden Topverkäufer zelebriert und mit Boni aufgewertet. Ja, da schwingt zwischen den Zeilen des Autors Ironie, aber solch zarter Esprit schafft es kaum, den Leser über Hunderte Seiten an ein Thema zu fesseln, das mittlerweile wirklich jedem einigermaßen informierten Bürger vertraut sein muss und mit dem sogar die Werbung recht kess ironisch umgeht.

Es gibt auch ein bisschen Nachdenklichkeit anlässlich zweier Selbstmorde, die Marko immer wieder beschäftigen: Einen hat Bruder Gregor, sein Lehrer im katholischen Internat, begangen, den anderen eine Kollegin, die die Intrigen der Branche nicht mehr ausgehalten hat. Doch das bleiben nur angerissene, nicht zu Ende geführte menschliche Ausnahmesituationen.

Und die Liebe vom Titelbild? Wenn denn wenigstens Markos heimliche Beziehung zur seitenspringenden Angela ein prickelndes, geheimnisvolles Abenteuer wäre, bei dem man gerne Mäuschen sein möchte! Aber auch hier erwarten uns mehr Frust als Lust.

So bleibt nur noch die Hoffnung auf den runden Geburtstag von Vater Rudolf. Der alte Herr wird 75, hat eine Makulaerkrankung und ist leicht dement. Vor langer Zeit hat der angesehene und wohlhabende Notar seine Frau Irene förmlich vom Centrecourt weg geheiratet – eine Toptennisspielerin, gerade siebzehn Jahre alt. Die Ehe war von Anfang an eine Farce, wiewohl sie mit drei Kindern gesegnet wird. Aber Sonja leidet unter der verlogenen Beziehung der Eltern und zieht in die Welt hinaus, um sie zu verbessern; Marko kennen wir schon; wenigstens aus dem jüngsten Sohn Robert wird was Anständiges: Psychologe, verheiratet, zwei Kinder. Schließlich schafft Frau Irene den Absprung, und sie trennt sich von Rudolf. Zu seinem Ehrentag sollen nun alle zusammenkommen, um in trauter Runde zu feiern, wie es sich in diesem ehrenwerten Haus schickt – oder will man etwa die große Abrechnung mit ihm machen? Lassen Sie sich überraschen – es kommt alles ganz anders.


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