Rezension zu »Madame Hemingway« von Paula McLain

Madame Hemingway

von


Belletristik · Aufbau · · Gebunden · 456 S. · ISBN 9783351033583
Sprache: de · Herkunft: us

Der Tanz auf dem Vulkan

Rezension vom 04.08.2011 · 19 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Aus dem Zusatzmaterial über "Fiktion und Wahrheitsgehalt der Madame Hemingway" am Ende des Buches erfährt der Leser, wie Paula McLain ihren Roman "Madame Hemingway" entwickelt hat. Biographien und Briefwechsel über Hemingway lieferten ihr den historischen Background, in dessen Rahmen sie ihre fiktiven Szenen entworfen hat. Während man des Schriftstellers erste Ehefrau in den diversen Dokumentationen nur in Kurzdarstellung findet, stellt McLain sie in den Mittelpunkt ihres Romans und wertet sie auf, indem sie sie als seine Wegbegleiterin präsentiert, die ihm in seiner ersten Schaffensphase – er war gerade als traumatisierter junger Mann aus dem ersten Weltkrieg zurückgekommen – Liebe, Vertrauen, Stärke und Zuspruch gab. Detailgenau beschreibt Paula McLain den Lebenslauf der Frau, gibt ihr eine eigene Stimme und lässt sie aus ihrer Perspektive erzählen.

Elizabeth Hadley Richardson wird 1891 in St. Louis, Missouri, als jüngstes von vier Kindern geboren. Sie wächst in einer gutbürgerlichen, wohlhabenden Familie auf, in der viktorianisch-konservative Moralvorstellungen galten: Die Ehefrau ist ein geistig reines Wesen und ihrem Gatten untertan. Aber im Haushalt der Richardsons herrscht die egoistische, verhasste Mutter; die trifft sich allwöchentlich mit gleichgesinnten Suffragetten, für die, so scheint es Hadley, die Ehe das Schlimmste auf Erden ist.

Die Eltern ermöglichen ihren Kindern die beste Ausbildung. An zwei Steinway-Flügeln erhalten Hadley und ihre Schwester regelmäßig Privatstunden. Aber Hadleys turbulente Lebensweise endet jäh, als sie im Alter von sechs Jahren aus ihrem Fenster stürzt. Monatelang muss sie das Bett hüten, wird in einem umgebauten Kinderwagen spazierengefahren. Nach ihrer Genesung hält ihre jetzt verängstige Mutter sie weiterhin im Haus fest und sucht sie vor jeglicher Gefahr zu schützen.

Gesundheitlich angeschlagen, fällt Hadley über viele Jahre immer wieder in Depressionen, und auch den selbstmörderischen Schuss aus dem Arbeitszimmer des Vaters wird sie immer wieder hören. Als ihre Mutter schwer erkrankt, pflegt Hadley sie bis zu ihrem Tode.

Nun ist Hadley 28 Jahre alt und am Ende ihrer Kräfte. Dankbar nimmt sie eine Einladung ihrer ehemaligen Klassenkameradin Kate nach Chicago an.

Welch ein Kontrastprogramm: In Kates Wohnung steppt täglich der Bär, Freunde gehen ein und aus, man trinkt bis zum Umfallen – es ist die Zeit der Prohibition und des Jazz. Hier lernt sie den acht Jahre jüngeren Ernest Hemingway kennen, und beide entdecken schon bei der ersten Begegnung, dass sie für einander bestimmt sind. Sie lieben sich. Als Hadley wieder nach St. Louis zurückkehrt, wechseln sie täglich Briefe, und Hemingway schreibt, dass sie das Mädchen ist, das er heiraten will.

Auf Anraten eines Freundes ziehen die frisch Vermählten nach Paris, was sie sich nur erlauben können, weil Hadley ein kleines Vermögen geerbt hat. Bei Gertrude Stein trifft sich die ganze Szene, und auch hier rinnt der Alkohol: das Modegetränk Absinth.

So richtig passt Hadley nicht in das Paris der zwanziger Jahre. Es sind die turbulenten Nachkriegsjahre, der Tanz auf dem Vulkan. Die Frauen kleiden sich in Coco Chanels Design, rauchen, tragen Bubiköpfe und leben in freier Liebe. Während Hemingway sich mit zeitgenössischen Künstlern austauscht, fühlt Hadley, die ebenso interessierte Frau, sich abgeschoben in die Damenecke. Hadley erlebt ihren Mann in einem Wechselbad der Gefühle: Mal ist er der starke Boxkämpfer, der immer siegen muss – mal der Workaholic, dem nichts mehr bedeutet als sein Schreiben – an manchen Tagen wiederum ist er völlig entmutigt, melancholisch, sensibel. Sie erträgt jede Stimmung, seine Wutausbrüche ebenso wie seine liebevollen Zärtlichkeiten; sie reist mit ihm durch Europa und steht immer zu ihm, aber leidet an dem mentalen Ungleichgewicht und ihrem Altersunterschied. Das kann eigentlich nicht gut gehen. Einen nicht zu heilenden Riss erhält ihre Beziehung, als in Folge eines furchtbaren Missgeschicks Hadleys alle bisher geschriebenen Manuskripte Hemingways gestohlen werden. Auch die Geburt eines Sohnes, Jack, bringt kein Glück, denn ein Kind passt überhaupt nicht in Hemingways Lebensplanung. Schließlich verliebt er sich in eine Freundin Hadleys. Er schlägt vor, in einer Dreiecksbeziehung mit beiden Frauen zu leben, doch dies ist für Hardley unerträglich, und sie lässt sich scheiden.

Der Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway kommt in Paula McLains Roman gar nicht gut weg. Auf dem Weg nach oben ist er egoistisch und machohaft und verprellt all seine Freunde, die ihm einst hilfreich den Weg bereitet haben. In seinem Roman "Fiesta" blamiert er sogar einige von ihnen als streitsüchtige Figuren. Der Kontakt zu Gertrude Stein, Ezra Pound und anderen bedeutenden Persönlichkeiten der Zeit ist beendet.

Der Roman "Madame Hemingway" erstürmte in Amerika die Bestsellerliste. Er zeichnet ein unterhaltsames, aufschlussreiches, plausibles Portrait der ersten Frau an Hemingways Seite, und wer weiß, ob der nach vier weiteren Ehen nicht feststellen musste, dass die erste doch die beste war ... In seinen Erinnerungen an die Pariser Jahre schreibt er: "Wir waren sehr arm und sehr glücklich."


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