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Rezension zu »Der Susan-Effekt« von Peter Høeg

Der Susan-Effekt

von


Kriminalroman · Hanser · · Gebunden · 400 S. · ISBN 9783446249042
Sprache: de · Herkunft: dk

Wieder mal die Welt retten

Rezension vom 28.11.2015 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Die Svendsens sind eine phänomenale Familie. Jeder der vier »Extrem­indi­vi­dua­lis­ten« voll­bringt Auf­sehen­er­regen­des. Deshalb hat »Time Maga­zine« ihnen erst kürz­lich ein Feature in­klu­sive Porträt auf der Titel­seite gewid­met (»The Great Danish Fa­mily«). Susan Svend­sen, 43, ist pro­mo­vierte Ex­peri­mental­phy­si­kerin, ihr Mann Laban, 45, Kon­zert­pia­nist, und die blond­ge­lock­ten Zwil­linge Thit und Ha­rald, 16, glän­zen auf der Violine.

Sie können sich aber auch ganz schön ins Schla­mas­sel reiten, wenn sie sich selbst freien Lauf lassen. So ge­sche­hen wäh­rend ihrer In­dien-Reise. Susan wurde wegen »ver­such­ten Tot­schlags mit bloßen Hän­den« an­ge­klagt und inhaf­tiert. Laban, den alle Frauen an­him­meln, hat sich mit der sieb­zehn­jähri­gen Tochter eines Maha­rad­schas nach Goa ab­ge­setzt, ver­folgt von einem Kon­voi der »ver­sam­mel­ten süd­indi­schen Ma­fia«. Thit ist eben­falls durch­ge­brannt, mit »einem Pries­ter des Kali­tem­pels in Kal­kutta«, wäh­rend Sohn Ha­rald in der Grenz­stadt Amo­eda beim Anti­quitä­ten­schmug­gel nach Nepal er­wischt wurde.

Jeder Nor­mal­bürger müsste sich mit sol­chen Be­schuldi­gun­gen im Nacken auf eine unge­wisse Zu­kunft mit langen Jah­ren dunk­ler Ker­ker­haft ein­stel­len. Doch wel­che Regie­rung würde die ge­samte Vor­zeige­fami­lie ihres Landes in so einer Lage hän­gen lassen? Kein Wunder also, dass sich kein Gerin­gerer als der Staats­sekre­tär im däni­schen Justiz­minis­te­rium persön­lich der Sache an­nimmt: Thorkild Hegn be­sucht Susan in ihrer Fünf­zehn-Quad­rat­meter-Zelle, die sie sich, ebenso wie »türki­sches Klo«, Wasser und Reis, mit drei­ßig ande­ren Frauen teilt.

Dies ist der Stand der Dinge nach einer Hand­voll Seiten von Peter Høegs Kri­mi­nal­roman »Effekten af Susan« (Peter Urban-Halle hat ihn über­setzt). Eine wahr­lich il­lustre Fami­lie, eine ver­fah­rene Aus­gangs­situa­tion, eine du­bi­ose Vor­ge­schichte – das ver­spricht Span­nung und Kurio­ses. Aber weit ge­fehlt: Über die Hinter­gründe der Misse­taten und die Mo­tive der ex­klusi­ven VIP-Familie er­fah­ren wir auf den rest­lichen fast vier­hundert Seiten so gut wie nichts. Statt­des­sen ent­führt uns der durch »Fräu­lein Smillas Ge­spür für Schnee« (1992) be­rühmt ge­wor­dene Autor auf eine ganz andere Lese-Reise.

Irgendwie be­werkstel­ligt Thorkild Hegn das Wunder, dass die indi­sche Justiz die Svend­sens aus ihren Klauen ent­lässt. An diesem glück­lichen Aus­gang hatte Susan nie ge­zwei­felt. Sie fragte sich nur, was den Staats­sek­re­tär zu seinem Einsatz moti­vieren mochte. Kaum wieder zu Hause, er­fährt sie die Antwort. »Einen ganz kleinen Ge­fal­len« er­wartet Hegn als Gegen­leis­tung. Dazu über­reicht er ihr ein paar Un­ter­lagen über Mag­rethe Spliid, seit den Sieb­zi­ger­jahren hoch­ran­gige inter­natio­nale Militär­bera­terin, dazu zwei Auf­gaben­stel­lun­gen, mini­ma­lis­tisch in Block­buch­staben ge­fasst: »Letzte zwei Proto­kolle Zu­kunfts­kom­mis­sion des Folke­tings? Mit­glie­der­ver­zeich­nis Kom­mis­sion?«.

Damit be­ginnt der ziemlich über­drehte Krimi-Plot, der sich, wis­sen­schaft­lich ange­haucht, im ex­klu­si­ven Milieu von Nobel­preis­trägern, Think­tank-Kory­phäen und füh­ren­den Politi­kern ent­fal­tet. Hier kann die Prota­gonis­tin und Ich-Er­zäh­le­rin Susan locker mit­mischen, denn sie hat viele Quali­täten: ein scharfes Denk­ver­mö­gen, intel­lek­tuel­le Neu­gier, ein wa­ches gesell­schaft­liches Be­wusst­sein, breite Bil­dung, Durch­set­zungs­kraft, dazu erfreut sie sich ihres weib­lichen Sex-Appeals. Nie­der­lagen musste sie allen­falls am heimi­schen Herd hin­neh­men, hat sich aber nicht ein­mal dort un­ter­kriegen las­sen. Vor fünf­und­zwan­zig Jah­ren ging sie die Ehe mit Laban ein, eine Be­zie­hung, die »am liebs­ten bis in alle Ewig­keiten halten« sollte wie ihr Haus, er­baut aus lang­lebigen Mate­ria­lien. Ihr kom­ple­xes Fami­li­en­leben zu leiten ist für Susan wie die medi­ta­tive Be­schäf­tigung mit den Para­doxa fern­öst­li­cher Rätsel – eine per­ma­nente Heraus­for­de­rung.

Susans ver­blüf­fendste Gabe ist je­doch, dass sie Men­schen Dinge zu ent­locken vermag, die sie anderen niemals preis­ge­ge­ben hätten. Die­sen »Susan-Effekt« will der däni­sche Ge­heim­dienst jetzt nutzen, um an In­for­ma­tio­nen über eine obs­kure »Zu­kunfts­kom­mis­sion« zu gelan­gen. Susan soll die Mit­glie­der aus­findig machen und be­fragen. So gerät sie in einen span­nen­den Pro­zess, der un­be­ab­sich­tigt grau­same bis töd­li­che Ne­ben­effek­te zei­tigt. Ein sadis­ti­scher Mörder folgt Susans Spur, er­dros­selt ein be­frag­tes Kom­mis­si­ons­mit­glied, schleu­dert ein anderes in der Wasch­ma­schi­ne, und es fehlt nicht viel, dass ein Bagger den Fami­lien-Volvo der Svend­sens ein­schließ­lich der In­sassen plättet ...

Die Ur­sprünge für Susans Auf­trag reichen zu­rück bis in die frühen Sieb­zi­ger­jahre. Da­mals schloss sich eine kleine Gruppe von anfangs sechs Perso­nen unter­schied­lichs­ter beruf­li­cher Aus­rich­tung (Land­ver­mes­ser, Maler, Pfar­rer ...) zu­sam­men. Ihre Treffen wa­ren geheim, die Mitglie­der »anony­misiert«. Sie sollten sich Gedan­ken da­rüber ma­chen, wie sich die Welt zu­künf­tig ent­wickeln würde, und mit ihren Er­kennt­nis­sen der Re­gie­rung bera­tend zur Seite stehen. Er­staun­li­cher­weise prophe­zeiten sie, wie sich im Laufe der Jahre he­raus­stellte, nicht nur welt­um­span­nen­de Er­eig­nisse, sondern so­gar deren zeit­lichen Ein­tritt mit einer gerin­gen Ab­wei­chung von weni­gen Wochen. Ein ato­marer Su­per­gau, Kli­ma­wan­del, Um­welt­ver­schmut­zung, Hungers­not, Kriege, der Welt­unter­gang – wel­che Regie­rung wollte da­rauf nicht vor­be­rei­tet sein?

»Der Susan-Ef­fekt« spielt im Jahr 2016. Ein wenig sur­real, ein we­nig Science-fiction, hin und wieder über­zogen bis zum Haa­re­rau­fen, gut gewürzt mit trocke­nem Humor, dazu eine Portion Zy­nis­mus, sprach­lich solide bis ni­veau­voll, bie­tet dieser Roman gute Unter­hal­tung, ein iro­ni­sches Spiel mit un­se­ren Zu­kunfts­ängs­ten, denen wir uns nicht unter­wer­fen soll­ten. An­ge­sichts der »apo­kalyp­ti­schen Szena­rien«, auf die wir (laut seinem Thriller-Plot) nahe­zu unge­bremst zu­steu­ern, könnte es einem zwar angst und bange wer­den. Gut, dass die Welt­retterin Susan samt ihren nicht minder au­ßer­ge­wöhn­lichen Fa­mi­lien­mit­glie­dern zur Stelle ist und das Schlimmste zu ver­hin­dern weiß. Sie ist keine un­sym­pathi­sche Person, aber nahe kommen wir ihr nicht – abge­hoben und exaltiert wie sie selbst und ihre Kreise sind, bleiben uns die Svend­sens ähn­lich fremd wie die Kunst­fi­gur James Bond.


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