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Rezension zu »Die Menschen, die es nicht verdienen« von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt

Die Menschen, die es nicht verdienen

von


Kriminalroman · Wunderlich · · Gebunden · 544 S. · ISBN 9783805250870
Sprache: de · Herkunft: se

Ein Bumerang

Rezension vom 29.11.2015 · 4 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Wo er recht hat, hat er recht, der Verfasser des Briefes an die Tages­zei­tung »Öster­sunds-Pos­ten«. In schar­fem Ton prangert er an, wie das kultu­relle Niveau der Gesell­schaft ab­sinke. Den Bür­gern werde sug­ge­riert, sie könnten ein men­schen­wür­di­ges, be­frie­di­gen­des Leben füh­ren, in­dem sie sich einfach hän­gen lassen. Die Haupt­ver­ant­wor­tung für die­sen Verfall schreibt der Autor den Me­dien zu. Sie bö­ten nur noch an­stren­gungs­frei aufzu­neh­men­des fast food, seichte Themen, die Le­ser und Zu­schauer in Zu­frie­den­heit ein­lul­len. Den Kon­su­men­ten werde damit vor­ge­spie­gelt, bil­lige Ober­fläch­lich­keit, schlichte Dumm­heit und ab­sto­ßen­de Pein­lich­keiten seien eine er­stre­bens­werte Norm. Sich um seine Fort­ent­wick­lung zu mühen, weiter­zu­bil­den, mit al­ter­na­tiven Wert­sys­te­men aus­ein­ander­zu­setzen müsse ihnen als völlig nutz­los er­schei­nen.

Konkret fragt der Brief­schrei­ber, warum man bei­spiels­weise »gefühl­losen, egois­tischen, ober­fläch­li­chen Wesen, die mit vul­gären Täto­wie­run­gen über­sät, mit Metall­schrott im Mund und ihrem nied­rigen IQ sowie ihrer nied­rigen All­gemein­bil­dung durch die Gegend stol­zie­ren«, Platt­for­men biete, so dass die Öffent­lich­keit Zeuge wird, wie sie ihre Dumm­heit zur Schau stellen oder sich beim Ge­schlechts­ver­kehr fil­men las­sen. Statt­dessen fordert er, Vor­bil­dern mehr Raum zu geben, se­riöse Repor­ta­gen und diffe­ren­zier­te De­bat­ten zu ver­öffent­li­chen und in­tel­li­gente, streb­same Men­schen stärker zu för­dern.

Seinen wah­ren Namen verrät der Absender nicht. Er un­ter­zeich­net mit dem Pseu­do­nym »Cato der Älte­re«. Schloss jener römi­sche Se­na­tor seine Reden mit der be­schwö­ren­den Flos­kel »Cete­rum cen­seo Car­tha­gi­nem esse de­len­dam« ab, auf dass sich nie­mand mit der aus Karthago dro­hen­den Ge­fahr ab­finde, so geht der bil­dungs­be­flis­se­ne Kul­tur­för­de­rer einen gewal­tigen Schritt wei­ter. Er mor­det die Doofen.

Catos erstes Opfer ist Miroslav Petrovic, 21, genannt »Mirre«. Er war in der TV-Doku­soap »Para­dise Hotel« zu sehen und gewann den 3. Platz. Cato ent­führt den jungen Mann und unter­zieht ihn einer Prü­fung. Dazu hat er einen Ka­ta­log von sech­zig Bil­dungs­fra­gen zu­sam­men­ge­stellt, von denen der Pro­band we­nigs­tens ein Drittel rich­tig be­ant­wor­ten muss, um sich für das Weiter­leben zu quali­fi­zie­ren. Ob aus Un­ver­mö­gen oder vor Auf­re­gung (Mirre sitzt mit Hand­schel­len und Ketten ge­fes­selt am Tisch) ist unklar, je­den­falls schei­tert Mirre, und sein Richter und Henker schreitet zur Tat.

Kurze Zeit spä­ter findet eine ah­nungs­lose Schul­leiterin in einem na­tur­wis­sen­schaft­lichen Unter­richts­raum die nackte, mus­ku­löse, täto­wierte Lei­che eines Mannes, auf dessen Rücken sein Mörder zwei DIN-A4-Blätter ge­tackert hat – Cato lässt grü­ßen. Weitere Morde fol­gen, deren Muster leicht durch­schau­bar ist: Der Täter ver­ab­re­det sich mit einem »Pseudo­promi« in einem Lokal und löst ein paar Be­ruhi­gungs­tropfen in dessen Drink auf. Die an­schlie­ßende Ver­schlep­pung des Opfers ist ein Kin­der­spiel.

Da hat sich das schwedi­sche Auto­renduo Michael Hjorth & Hans Rosen­feldt für den fünften Teil sei­ner er­folg­rei­chen Serie um das Er­mitt­ler­team der Reichs­mord­kom­mis­sion Stock­holm einen gran­dio­sen Plot ein­fallen las­sen. Wer würde an­ge­sichts des all­täg­lichen Elends in den Mas­sen­me­dien, das Inter­net gleich ein­be­zogen, Catos Weh­klage nicht unter­schrei­ben? Schon sein Kon­zept, die geis­tige Ver­fas­sung eines Men­schen mit Hilfe eines schlich­ten Fra­gen­kata­logs be­stim­men zu kön­nen, ist frei­lich schwach­sin­nig, und die Hybris, Durch­ge­fal­le­ne zu töten, ist es noch viel mehr. Aber daraus ließe sich eine über­aus an­re­gen­de Hand­lung stricken, die re­le­vante Fragen auf­wirft, in der Gesell­schaft Dis­kus­sio­nen anregt, Stamm­tisch­pa­ro­len ent­larvt, unter­schied­liche Werte vor Augen führt – Cato also iro­ni­scher­weise be­stä­tigt und zu­gleich in seine Gren­zen weist.

Doch Hjorth & Rosenfeldt gehen einen anderen Weg, der das Thema Kul­tur­pes­si­mis­mus gerade­zu ver­höhnt.

Tatsächlich spielen Catos Motive über­haupt keine Rolle in die­sem Krimi. Es könnte auch ein x-be­lie­bi­ger Raub­mörder, Sexual­psy­cho­path oder aus­ge­flipp­ter In­vest­ment­banker sein, den die Reichs­mord­kom­mis­sion auf­spü­ren muss. Was Cato (und viele fried­li­che Mit­bür­ger) so wü­tend macht, in­teres­siert die Autoren so wenig, dass sie sich nicht einmal die Mühe machen, sei­nen Fragen­katalog über unge­fähr zehn Bei­spiele hinaus zu kon­kre­ti­sie­ren.

Im Mittel­punkt steht vielmehr, wie schon aus den vier Vor­gän­ger­ro­ma­nen ge­wohnt und bei den Fol­lowern be­liebt, was im fünf­köp­fi­gen Er­mitt­ler­team ab­geht. Das be­steht aus dem Leiter Torkel Hög­lund, Vanja Lithner, der Pa­tho­login Ursula, dem IT-Ex­per­ten Billy Rosén und dem Kri­mi­nal­psy­cho­logen Sebas­tian Berg­man. Ihre pri­vaten Nöte, Que­relen, Wün­sche, Be­zie­hungs­pro­bleme und Be­gier­den füllen min­des­tens die Hälfte der weit über fünf­hun­dert Seiten. Die Au­toren pflegen wohl eine ins Ex­trem getrie­bene Version des schon seit den Neun­ziger­jahren popu­lären Krimi-Typus des Noir, der sich gerade dadurch aus­zeich­net, dass seine Poli­zis­ten eher un­sym­pa­thisch er­schei­nen, weil un­freund­lich, las­ter­haft, hin­ter­häl­tig und der­glei­chen. Ihre per­sön­lichen Krisen bil­den einen gleich­wer­ti­gen Hand­lungs­strang ne­ben dem Er­mitt­lungs­fort­schritt. Zusam­men mit den oft knall­harten Be­schrei­bun­gen der Ge­walt­taten und ihrer Folgen ver­mit­teln diese Ro­mane eine zyni­sche, pessi­misti­sche Welt­sicht.

Schade nur, dass viel von dem, was Hjorth & Rosen­feldt er­zäh­len, prima in Catos Feind­bild passt. Die Er­mitt­ler sind selbst trau­rige Bei­spiele für die Ober­fläch­lich­keit und Sinn­ent­lee­rung, die Cato am An­fang des Bu­ches pub­li­kums­wirk­sam be­kla­gen darf. Ihnen geht jede Em­pa­thie ab, jeder be­schäf­tigt sich über­wie­gend mit sei­nem eigenen Be­geh­ren, und dabei scheint ihr Ge­hirn zeit­weise voll­stän­dig in tie­fere Re­gio­nen ab­zu­tau­chen. Ein paar Bei­spiele sollen be­legen, was für ver­korks­te Typen hier ver­sam­melt, wie hane­bü­chen die Cha­rak­tere kon­zi­piert sind, wie an den Haaren her­bei­ge­zo­gen die Hand­lung kon­struiert ist. Um nie­man­dem die Span­nung zu ver­der­ben, sind die In­halte ver­steckt.

Vanja, mit ihren dreißig Jahren an Schick­sals­schlä­gen ge­reift, bricht mit ihrer Mutter. Die hat ihre Tochter ein Leben lang be­logen und ihr den leib­lichen Vater ver­schwie­gen. Jetzt end­lich er­fährt Vanja, wer ihr Er­zeu­ger ist: Kol­lege Se­bas­tian Berg­man, der »noto­ri­sche Lügner«. »Ihre Welt geriet ins Wanken.«
Klar: Mit diesem Kerl kann sie nicht mehr zu­sam­men­ar­bei­ten. Ent­weder muss Sebastian das Team ver­las­sen, oder Vanja geht. Ihr Chef Torkel schasst Se­bas­tian.
Der »sexsüchtige« Sebastian ist kom­plett un­ter­leibs­ge­steuert. Nach­dem er es schon mit ihrer Schwes­ter ge­trie­ben hatte, war in einer »ero­tisch auf­ge­la­de­nen« Nacht Kol­le­gin Ursula dran. Se­bas­tian ver­folg­te da­bei die Neben­ab­sicht, mit der ein­deuti­gen Zweier­stel­lung seine Ex­freun­din zu pro­vo­zie­ren, die mit einer Pis­tole in der Hand am Tür­spion lauerte. Beim fol­gen­den Geran­gel verlor Ursula ihr rech­tes Auge und trägt seit­her eine Augen­pro­these.
Später führt Ur­sula eine »un­ver­bind­liche Affä­re« mit Torkel. »Nur wäh­rend der Ar­beit, nie zu Hause … Un­kom­pli­ziert und selbst­ver­ständ­lich. Für sie war es dabei nie um Liebe ge­gan­gen. Aber sie hatten ein Ge­fühl von Ge­mein­schaft er­lebt.« Dann gab es einen Bruch, als Tor­kel eine »ernst­hafte Be­zie­hung« wünsch­te. Das »war nicht mit ih­rem Cha­rak­ter und ih­ren Vor­stel­lun­gen ver­ein­bar«. Jetzt aller­dings über­kom­men sie ge­rade wieder »Phan­ta­sien«. Also würde sie Torkel am Mor­gen »be­rüh­ren, die Init­ia­tive er­grei­fen, … ihm eine ganz neue Seite von sich zeigen, … ihn ver­führen«.
Billy mag es gern gewalt­tätig. Schon in seiner Hoch­zeits­nacht ist er fremd­ge­gan­gen; um sich sexuelle Be­frie­di­gung zu ver­schaf­fen, er­dros­selte er eine Katze.

Ob so etwas bei der Fan­ge­meinde als be­sonders cool, trashy oder amüsant auf­ge­nom­men wird? Soll uns das ein Zerr­bild unse­rer ver­kom­me­nen Ge­sell­schaft vor Augen führen? Muss man erst Bände 1 bis 4 lesen, um zu be­grei­fen? Habe ich ein Ironie­signal über­se­hen? Muss ich meine Qua­litäts­kri­te­rien neu jus­tie­ren? Jeden­falls kann ich diesem Buch kaum gute Seiten ab­ge­win­nen. Span­nung wollte ein­fach nicht auf­kom­men. Die Auto­ren treiben die Krimi­hand­lung lieb­los wie als Ne­ben­sache voran, das Be­zie­hungs­gedöns ist allzu abstrus, die Figu­ren­zeich­nung wirkt lustlos, ober­fläch­lich aufs Papier ge­wor­fen. Es fehlt mir an psycho­lo­gi­scher Tiefe und Wei­ter­ent­wick­lung, an Per­spek­tiven über den Teller­rand der Ego­manen hinaus. Nicht ein­mal den psy­cho­lo­gi­schen Clou, den Se­bas­tian aus sei­ner Trick­kiste holt, um den Mör­der aus der Reserve zu lo­cken, finde ich über­zeu­gend.

Dabei steht au­ßer Zwei­fel, dass beide Auto­ren viel­sei­tige, an­er­kannt gute Medien­profis sind. Micha­el Hjorth hat zum Bei­spiel Dreh­bücher für die Ver­fil­mun­gen von Henning Mankells Wal­lan­der-Ro­ma­nen verfasst, Hans Rosen­feldt schrieb das Dreh­buch für »Die Brücke – Transit in den Tod«. Auch die Se­bas­tian-Berg­man-Reihe, in über dreißig Länder ex­por­tiert und wo­chen­lang in den Best­seller­listen, wird unter Be­tei­li­gung des ZDF ver­filmt.

Aber »Die Men­schen, die es nicht ver­die­nen« (»De Under­kända«, über­setzt von Ursel Allen­stein) ist be­stimmt nicht ihr Meister­werk. Wer weiß, was Cato der Äl­tere Hjorth & Rosen­feldt für Fragen stellen würde, wenn er sie in seine Gewalt bekäme ...


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