Rezension zu »Du sollst nicht sterben« von Peter James

Du sollst nicht sterben

von


Thriller · Scherz · · Gebunden · 400 S. · ISBN 9783502101987
Sprache: de · Herkunft: us

Auf Highheels lebt sich's gefährlich

Rezension vom 29.01.2012 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Am Neujahrsmorgen entdeckt das Zimmermädchen in einem Hotelzimmer eine reglose nackte Frau. Offenkundig wurde sie vergewaltigt; nun liegt sie gefesselt und geknebelt wie eine Gekreuzigte auf ihrem Bett, aber, Gott sei Dank, sie lebt.

Der Taxifahrer Jak war in der Sylvesternacht im Einsatz. Zwar muss er irgendwie Geld verdienen, aber eigentlich hasst er seine Gäste, die, wenn sie zu ihm ins Auto steigen, seine Privatsphäre stören und, wenn alkoholisiert, seinen Wagen vollkotzen könnten. Am widerwärtigsten sind ihm zugedröhnte, drogenabhängige Frauen. Nur Frauen mit sexy Stöckelschuhen sind ihm immer willkommen. Kleine, feine Sandaletten in Rot und mit zarten Lederriemen erregen ihn; die muss er besitzen, in seiner Sammlung katalogisieren. Diese Nacht hat er wieder ein Paar mit nach Hause bringen können.

Jak, dessen Zuhause ein von Freunden gemietetes Schiff ist, ist schon seit Jahren in Therapie, denn normal ist er nicht – aber ist er auch gefährlich? Ist er der legendäre Schuh-Dieb, der vor neun Jahren mehrere Frauen vergewaltigt und dann als Trophäen Höschen und Designer-Highheels vom Tatort mitgenommen hatte?

Detective Superintendent Roy Grace sitzt vor den Aktenkartons. Fünf ungelöste Kapitalverbrechen lasten noch auf ihm und werden jetzt erst einmal ins nächste Jahr verschoben. Er freut sich auf den Sylvesterabend mit seiner Geliebten Cleo, die bald ihr gemeinsames Kind zur Welt bringen wird. Seine Ex-Ehefrau Sandy ist seit neun Jahren verschwunden; nun wird er sie offiziell für tot erklären und Cleo endlich heiraten können.

Zwei zeitlich versetzte Erzählstränge, rasant erzählt. Verschwundene, vergewaltigte, getötete Frauen, und allzu leicht möchte man jetzt schon Jak als mordenden Psychopathen erkennen.

Doch der Bestsellerautor Peter James entfaltet einen weiteren Kreis von Personen, die für den Leser bald zu den Verdächtigen zählen – aber nicht für Roy Grace, der sich ganz auf Jak eingeschossen hat. Der sitzt denn auch kurzzeitig in Untersuchungshaft, wird dann aber mangels Beweisen wieder entlassen – und schon hat der Täter wieder zugeschlagen ...

Roy Grace kann diesen komplexen Fall nur mit einer gigantischen Einsatztruppe lösen. Das führt natürlich zu einer Vielzahl namentlich genannter Personen, über die der Leser den Überblick behalten soll. Das ist kaum zu schaffen, und so erschlagen einen all die Namen, ehe man sie gleich wieder vergisst. Mir gefällt die Konzentration auf einige wenige Charaktere besser.

Das persönliche Schicksal des Ermittlers bedrückt den Leser. Roy Grace trauert um seine seit zehn Jahren verschwundene Frau, er sehnt sich nach Aufklärung dieses Falles. Gemein für ihn und uns Leser: Der Autor lässt uns tatsächlich bis zum Schluss verhungern ... •Wahrscheinlich hebt er sich die Lösung als Plot für den letzten Band seiner Krimi-Serie auf, und wir befinden uns ja erst im 6. ...)

Im Nachwort geht der Autor auf die Situation von Vergewaltigungsopfern ein. Zumeist stehen die Täter ihren Opfern durchaus nahe – sie stammen oft aus dem familiären oder dem Freundeskreis. "Vergewaltigung durch Fremde", so wie er sie in seinem Krimi "Du sollst nicht sterben" entwickelt, seien "extrem ungewöhnlich" (S. 396).

Peter James' Täter sind perverse, krankhafte Psychopathen, die an ihren kindlichen Traumata leiden und beispielsweise die Hass-Liebe zu ihren Müttern auf die gleiche Weise weitergeben, wie sie sie selbst durchleiden mussten. Dabei entwickeln sich die aufs tiefste gedemütigten und verletzten Seelen zu Monstern, die ihre perfiden Taten bewusst und gut durchdacht vorbereiten und in ihrer Triebsteuerung fast gefühllos ausführen. Immerhin scheint noch eine letzte Hemmschwelle vorhanden zu sein, die Opfer nach der Vergewaltigung zu töten. Doch warum musste die knapp 20-jährige Rachael vor neun Jahren sterben, und wohin verschwand ihre Leiche?

In seiner Intention, einen spannenden, aufwühlenden Thriller zu präsentieren, verschont uns Peter James nicht mit unvorstellbaren, abartigen Sexualpraktiken der Vergewaltiger. Immer wieder frage ich mich, ob es nicht dies genügt, so etwas nur anzudeuten – und ob es nicht sogar noch prickelnder wäre, solche letzten Details im Dunkel zu lassen •von Menschenwürde und ähnlichen Aspekten ganz zu schweigen ...)?

Nachdem der mutmaßliche Täter in Haft sitzt, ist der Fall für Roy Grace abgeschlossen; doch dann dreht Peter James auf den letzten Seiten noch einmal kräftig an der Spannungsschraube. Und tatsächlich muss man den Schluss besonders gelungen finden, verleiht James dem Vergewaltigungsopfer doch die Kraft, ihre große Angst zu überwinden und sich dem Täter zu stellen. Auf welche Weise sie das schafft, gestaltet der Autor nicht nur überzeugend, sondern er entlässt uns mit ihrer Kraft und der Zuversicht, sich wehren zu können – und wenn es sein muss, auch mit dem Risiko, sein Leben zu verlieren ...

Ein solider Krimi, der nicht nur die Täter sehr differenziert darstellt, sondern auch die Opfer, die zu solchen werden, weil sie aus der Norm fallen – hinsichtlich ihres Verhaltens, ihres Aussehens oder – wie in diesem Thriller – wegen eines Ticks, einer Manie. Es war ihr Hang zu Designerschuhen, der die Dame im Hotel und ihre Leidensgenossinnen zur Attraktion für den Täter werden ließ ...


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