Rezension zu »Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry« von Rachel Joyce

Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

von


Belletristik · Krüger · · 384 S. · ISBN 9783810510792
Sprache: de · Herkunft: gb

Was wirklich zählt im Leben

Rezension vom 16.06.2012 · 27 x als hilfreich bewertet mit 2 Kommentaren

»Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen«, formulierte schon Matthias Claudius (1740-1815), und wer sich zu Fuß auf eine wochenlange Pilgerreise begibt, erlebt mit Sicherheit Außergewöhnliches. Aber Harold Fry, 65 Jahre alt, hat gar nicht vor zu pilgern; er will nur ein Antwortschreiben an seine frühere Kollegin, die Buchhalterin Queenie Hennessy, zum Briefkasten bringen. Zwanzig Jahre lang hatte er nichts mehr von ihr gehört, ehe er jetzt einen Abschiedsbrief von ihr erhalten hatte – aus einem Hospiz in Berwick-upon-Tweed an der schottisch-englischen Grenze.

Der erste Briefkasten liegt so nah, bis zum nächsten ist es nicht mehr weit, das Wetter ist schön, Harold hat nichts zu tun, und nach Hause umkehren, während Queenie im Sterben liegt, das bringt Harold nicht über sich. So geht er einfach weiter und weiter. Kingsbridge, sein Wohnort am Ärmelkanal, liegt fast hinter ihm, als erste Anzeichen von Erschöpfung und Gedanken ans Umkehren sich bei Harold anmelden. An einer Tankstelle stärkt er sich mit einem Snack. Das Mädchen an der Kasse wundert sich, dass er nicht mit einem Auto vorgefahren ist, und so berichtet er ihr ganz frei heraus, was ihn hierher geführt hat. Ihre Tante hatte auch Krebs, erzählt ihm das Mädchen. Positiv denken und den Glauben nicht verlieren, das könne einen Menschen wieder gesund werden lassen – das ist wie eine Botschaft an Harold. Fest entschlossen, nie mehr zu zögern, tritt er nun seinen weiten Weg an.

Ungefähr tausend Kilometer liegen vor ihm. Ohne Wanderausrüstung kehrt er zunächst noch in Hotels ein, belastet seine Kreditkarte, doch irgendwann entledigt er sich allen Ballasts, schläft in Gottes freier Natur und lebt von Wildkräutern, Beeren und dem, wozu er zwischendurch spontan eingeladen wird. Mehr und mehr körperliche Blessuren stellen sich ein, er durchlebt Hochs und Tiefs, lernt Mitmenschen unterschiedlichster Art kennen. Zeitweise schließen sich ihm sogar Gruppen an, und die Presse bekommt Wind von dieser einzigartigen Bewegung. In den langen Stunden seines Wanderns beschäftigen Harold viele Gedanken; die meisten kreisen natürlich um Queenie und bedrücken ihn so, dass er oft nicht schlafen kann. Sie verlor damals ihren Job, weil sie für eine Dummheit Harolds den Kopf hinhielt. Mit ihrer Kündigung war sie von heute auf morgen verschwunden, so dass Harold sich nie bedanken konnte. Doch nun wird er sie bald wiedersehen ...

Ebenso viel denkt er an seinen Sohn David. Wie oft hatte er als Vater versagt. Der Junge hatte Angst, in die Schule zu gehen, doch statt ihn in die Arme zu schließen und zu drücken, zischte Harold mit dem Auto zur Arbeit ab. Einmal wäre der Junge fast im Meer ertrunken, wäre nicht ein Mann beherzt in die Wellen gesprungen, um ihn zu retten – als Harold immer noch an seinen Schuhen herumschnürte. Das hat ihm Maureen, seine Frau, bis heute nicht verziehen. Schon mit der Geburt des Jungen war ein Riss zwischen ihnen entstanden. Je älter der Junge wurde, desto größer wurden die Probleme, und immer versagte Harold. Seine Ehe ist nur noch ein liebloses Nebeneinander, und dabei hatte Harold seine Maureen einstmals so geliebt ...

Die Zurückgelassene wütet zu Hause vor sich hin, lässt ihren Gefühlen der Eifersucht und ihren Vorwürfen gegen Harold freien Lauf. Seine fast täglichen Telefonate beantwortet sie kühl. Doch langsam wandelt sich ihr Inneres. Sie bereut vieles, was sie Harold früher vorgeworfen hatte, erkennt eigene Versäumnisse, bis sie schließlich voll und ganz hinter Harolds Unternehmung tritt und ihn, als er fast nicht mehr kann, zum Durchhalten ermutigt.

Als Harold in Berwick-upon-Tweed ankommt, ist auch Maureen mit dem Auto nachgereist. Queenie hat auf ihn gewartet, doch dann verlassen sie ihre Kräfte. Maureen und Harold werden es schaffen, wieder aufeinander zuzugehen. Sie wissen nun, was wirklich zählt im Leben.

Die Jahrhunderte alte Tradition des Pilgerns, nach der Säkularisation ganz aus der Mode gekommen, erfreut sich in den letzten Jahren überraschend wachsender Beliebtheit. Die Motivation der Wandernden, ob jung oder alt, ob arm oder reich, ist sehr unterschiedlich: Viele suchen das ursprüngliche religiöse Erlebnis, das Ankommen an einem symbolmächtigen Wallfahrtsort. Manche wünschen sich Erkenntnisse und Anregungen aus Begegnungen und Gesprächen mit anderen Pilgern. Wohl alle erhoffen sich in der über weite Strecken einsamen Ruhe des gleichmäßigen Wanderns Befreiung von den gedanklichen Fesseln des Alltags, Neuorientierung abseits des überhand nehmenden Konsumismus, Besinnung auf sich selbst. In freier Natur, prasselndem Regen und brennender Sonne ausgesetzt, lernt man, sich mit dem Allernotwendigsten zu bescheiden. So ist für die meisten der Weg das Ziel, und nach solchen Erfahrungen nimmt ihr Leben einen anderen Verlauf.

Rachel Joyces Roman »Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry«, den Maria Andreas übersetzt hat, ist authentisch und anrührend. Die Protagonisten Maureen und Harold sind psychologisch einfühlsam gezeichnet. Beiden hat das Schicksal übel mitgespielt; über Jahre haben sie daran geknabbert, den anderen mit Missachtung gestraft. Ihre Selbsterkenntnis, ihr Wunsch zur Veränderung am Ende des Romans ist ein vorsichtiger Hoffnungsschimmer und kein plattes Happy End.

Übrigens: Ab 24. Juli 2012 ist die englische Originalausgabe (»The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry« Rachel Joyce: »The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry« bei Amazon) auch als Audiobook (in englischer Sprache) Rachel Joyce: »The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry« bei Amazon erhältlich.


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Kommentare

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Zu »Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry« von Rachel Joyce wurden 2 Kommentare verfasst:

Lore Falkenstörfer schrieb am 29.10.2017:

Es ist ein sehr pessimistischer Roman. Es gibt nach der langen Reise kein letztes Treffen, kein letztes Lächeln oder Erkennen.
Er hat nichts Rührendes oder Sentimentales, sondern er ist sehr hart.
Selbstmord des Sohnes. Versagen der Mutter, Versagen des versoffenen Vaters, der ihn mit 16 aus dem Haus wirft, eigenes Versagen in der Nichtrettung seines Sohnes auf zwei Ebenen, vor dem Ertrinken und vor dem Sebstmord.
Kein Wort, kein Lächeln von Queenie am Schluss für all diese Mühe, die 1000 Kilometer, nur ein unerkennbares Gesicht, ein Mund, der nicht mehr sprechen kann, zerstört vom Krebs.
Für mich ist es ein schrecklicher Roman.
Ich habe selten so etwas Hoffnungsloses gelesen.

Julia schrieb am 04.09.2018:

ein toller Roman! Überraschende Wendungen, man sollte NICHT SPOILERN!!! Nicht jedes Buch muss lustig sein. Hat mich sehr bewegt.

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