Rezension zu »Bella Ciao« von Raffaella Romagnolo

Bella Ciao

von


Giulia wird übel mitgespielt. Ihre beste Freundin betrügt sie mit ihrem Verlobten. Sie flieht aus ihrem rückständigen, bitterarmen Bergdorf nach New York – und findet dort ihr Glück. Ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 1946, kehrt sie zurück. Die Zeitläufte haben den Ort und die Menschen gezeichnet.
Belletristik · Diogenes · · 528 S. · ISBN 9783257070620
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Ligurien

Das erstaunliche Rätsel namens Leben

Rezension vom 23.06.2019 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Im gebirgigen Hinterland nordwestlich von Genua, wo die Flüsse Stura und Orba zusam­men­fließen und die Grenze zwischen Ligurien und Piemont verläuft, hat Raffaella Romagnolo das fiktive Dorf Borgo di Dentro angesiedelt, den Ausgangs­punkt der Handlung ihres jüngsten Romans. In dieser abgelegenen, ärmlichen Gegend leben um 1900 genügsame, fleißige Menschen, die sich alle Mühe geben, ihr täglich Brot zu erwirt­schaf­ten. Die Gesell­schafts­ord­nung ist einfach und gefestigt. Neben der Kirche und den Carabinieri hat vor allem die wohlhabende Familie Salvi das Sagen. Ihre Seiden­spinne­rei (»Filanda Salvi«) hat den Frauen des Ortes Arbeit zum Hungerlohn verschafft und den Fabrikanten Reichtum und Macht gesichert. Eine wichtige Stütze im Gefüge ist der Rechts­anwalt, ein »Männchen mit lenker­förmi­gem Riesen­schnauz­bart, Spitzbart und Kaiser­kote­letten«, spöttisch »Avucatein« (dialektal für »avvocatino«) genannt.

Die Handlung des Romans beginnt Ende des Jahres 1900. Da hat die Protago­nistin Giulia Masca bereits zwanzig schwere Jahre in ihrer Familie hinter sich. Ihre beiden Geschwister waren noch als Säuglinge verstorben. Ihre Mutter Assunta haben Ent­behrun­gen und Leid verhärtet, derb und ordinär gemacht. Ihr Vater Erminio war ständig betrunken, und Assunta versank keineswegs in Trauer, als der Tod den »Hundesohn« holte. Heilslehren von jenseitigen oder irdischen Paradiesen, versprochen von fetten Kanzel­predi­gern oder Revo­lutions­salba­derern mit roter Nelke im Knopfloch, schmetterte sie als »Ammen­märchen« und »Geschwätz für Säufer wie ihren Mann« ab.

Mit Skepsis begegnet Assunta auch dem Zusammenschluss der Fabrik­arbeite­rinnen, um für bessere Arbeits­bedin­gungen und höheren Lohn zu streiken. Solche »Kindereien« hatte es in Borgo di Dentro noch nie gegeben. Was soll schon dabei herumkommen außer noch mehr Hunger, wenn der bevorste­hende kalte Winter die Böden gefrieren lässt und man keine Kartoffel und keine Rübe mehr heraus­klauben kann?

Originalausgabe:
»Destino«
(2018, Verlag Rizzoli)
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Seit Giulia sechs Jahre alt ist, schuftet sie tagtäglich mit ihrer Mutter in der Seiden­spinne­rei. Dort arbeitet auch Anita Leone, eine bildschöne »Prinzessin«, am selben Tag geboren wie sie. Doch ihre beste Freundin wird ihr Schicksal (italienisch: »destino«, der Original­titel des Romans) vollständig wandeln. Denn Giulia ist schwanger und wird den Vater ihres Kindes, Pietro Ferro, bald heiraten. Doch dann muss sie mitansehen, wie Anita sie mit Pietro betrügt. Tief enttäuscht verlässt die Hinter­gan­gene bei Nacht und Nebel das Dorf und flieht mit nichts als dem wenigen, das sie auf der Haut trägt, über den Ozean nach New York.

Wie es ihr in Amerika ergehen würde, hätte sich Giulia niemals erträumen können. Ein Lebens­mittel­händler in Manhattan nimmt sie mit ihrem Kind auf, heiratet sie, gemeinsam bauen sie ein Imperium von Filialen auf. Als wohlhabende, stolze, elegante Frau reist sie 45 Jahre nach ihrer Flucht nach Genua, diesmal in einer Kabine auf dem Erste-Klasse-Deck und begleitet von ihrem Sohn Michael, der ge­schäft­lich in Mailand zu tun hat. Ein Chauffeur bringt sie in einer Limousine nach Borgo di Dentro.

Was zieht Giulia zurück in ihr Heimatdorf? Tief in ihrem Inneren mag sie auch über Rache nachgedacht haben, doch sie ist ein ganz anderer Typ als Claire Zacha­nas­sian in Dürren­matts »Der Besuch der alten Dame«. Tatsächlich möchte sie keinen großen Auftritt, sondern unerkannt durch die Gassen flanieren, in Ruhe die Orte ihrer Ver­gangen­heit aufsuchen, alte Erinne­rungen zum Leben erwecken, Verände­rungen wahrnehmen. Sollten Anita, Pietro und andere noch leben, so möchte sie Antworten hören, warum man sie hinter­gangen hat. Und sie möchte erspüren, wie ihr Leben ausgesehen hätte, wenn sie eine Ehe mit Pietro und ihrem gemeinsamen Kind geführt hätte.

Die schlimmen Ereignisse der vergangenen Jahre bis zur Befreiung durch die Alliierten, die Giulia nur sporadisch in den Zeitungen verfolgt hatte, haben im ganzen Dorf Spuren hinter­lassen. Viele der Menschen, die Giulia kannte, sind für ihre Überzeu­gungen – auf welcher politischen Seite sie auch immer standen – in die Kriege gezogen, haben als Soldaten oder Partisanen gekämpft und Gesundheit oder Leben gegeben. Die Zurück­geblie­benen haben ihr schweres Joch oft mit über­mensch­lichen Anstren­gungen getragen und sind jetzt alt und schwach.

Giulias Aufenthalt in ihrer Heimat ist die eigentliche Erzähl­situation dieses beein­drucken­den Romans. Aber die Autorin macht es uns nicht so einfach, dass sie das Leben ihrer Protago­nistin so geordnet wiedergibt wie die Absätze, die Sie soeben gelesen haben. Vielmehr folgt sie Giulias Gedanken­fluss während ihres Besuchs, wie er von äußeren Ereignissen und Impres­sionen, von Emotionen und Erinne­rungen beeinflusst und voran­getrie­ben wird. So springt die Erzählung bisweilen mitten im Satz zwischen den Jahren (um 1900, um 1946), den Orten (das kleine Borgo di Dentro – die Metropole New York) und den Themen. Zwar erleichtern Kurz­porträts der Figuren und Stammbäume, die den Kapiteln voran­gestellt sind, die Orientie­rung, trotzdem überwältigt die Fülle der Namen, Eindrücke und Anspie­lungen auf unbekanntes Vergangenes den Leser auf den ersten Seiten, bis er langsam heimisch wird.

Raffaella Romagnolo verbindet das gegenläufige Schicksal zweier Frauen mit der differen­ziert dar­gestell­ten Historie auf beiden Kontinenten. Die eine geht fleißig und zielstrebig ihren Weg, der nur eine Richtung kennt: aufwärts. In der Fremde findet sie einen liebenden Partner, der sie gegen den Willen der oppo­nieren­den Mutter samt »Bastard« aufnimmt und heiratet. Der anderen ist nur eine kurze Zeit des Glücks vergönnt. Ihre Liebe ist über­schattet vom ungeklärten Schicksal Giulias, die alle für tot halten und vermissen. Die beiden Weltkriege nehmen ihr, wie vielen anderen im Dorf, alles, was ihr im Leben lieb ist.

Die privaten Erzählschienen ergreifen und binden den Leser emotional an Liebe, Schmerz, Über­lebens­kampf, Krankheit, Trauer und Tod im Leben der Haupt- und Neben­figuren. Wir lernen zu schätzen, mit welch detail­lierter Aus­führlich­keit, sprach­licher Präzision und wunderbarem Stil Raffaella Romagnolo formuliert. Ihre Erzählung schildert anschaulich und ergreifend die Lebens­um­stände ihrer Charaktere, und dicht gestaltet sie die Atmosphäre der Schauplätze und Episoden zu den jeweiligen Zeiten. Überzeugend kontras­tiert sie die zwei Parallel­welten: Amerikas Boom nach der Welt­wirt­schafts­krise und der Niedergang in Italiens Provinz, wo Armut, Unter­drückung, Ausbeutung und Aus­sichts­losig­keit die Menschen lähmen. Giulias gelegent­lich spöttischer Ton und verhaltener Zynismus geben dem Ganzen eine feine Würze.

Mit Erstaunen nimmt Giulia wahr, wie die Bausubstanz im Dorf verfallen ist: »ärmlich, baufällig … ab­gebrö­ckelte Stellen … Kratzspuren von Hunden … Nagespuren von Holzwurm und Mäusen«. Das spiegelt für sie die Wunden und Risse in den Seelen der Über­leben­den, die in Abgründe blicken mussten. Ihre einstige Freundin und Rivalin erkennt Giulia nur an der unver­änder­ten Stimme. Ihr Äußeres raubt ihr den Atem: »Anitas Gesicht wirkt auf sie wie geronnener Schmerz«, die Zeichen darin wie »in Holz geschlagene Nägel«, »Handgelenke schmal wie ver­trock­nete Zweige«.

Mit »Destino« ist Raffaella Romagnolo, die 1971 in der Gegend von Borgo di Dentro geboren wurde und seit 2007 Romane schreibt, ein großer literari­scher Wurf gelungen. Die ausge­zeich­nete Übersetzung von Maja Pflug wird die Gym­nasial­lehrerin aus dem Piemont auch bei uns bekannt machen. Dass der hochge­schätzte Diogenes-Verlag den schönen, ernsthaften Original­titel allerdings zugunsten von »Bella Ciao« geopfert hat, finde ich eine unpassende inhaltliche Verengung und literarisch einen Verlust. Das tra­ditions­reiche, kämpferisch-me­lancholi­sche Lied dieses Titels war seit seiner Entstehung vor über hundert Jahren ein Ausdruck von Protest und Schmerz, im Zweiten Weltkrieg wurde es zum ver­herr­lichen­den Kampflied der italieni­schen Partisanen und gehörte danach zum Standard­reper­toire politisch meist links engagierter Künst­lerin­nen und Künstler wie etwa Lucilla Galeazzi. 2018 fand eine Pop-Version des Liedes Verwendung in einer populären spanischen TV-Serie, stürmte inter­natio­nal die Charts und wurde vielfach gecovert, unter ande­rem von dem Deutsch­rapper-Trio Juri, Sun Diego und Scenzah. Der für kurze Zeit all­gegen­wärtige »Sommer­hit« machte den Titel weltbekannt – als sinn­ent­leerte Worthülse und Sound Sample. In »Destino« wird das alte Parti­sanen­lied zwar einmal erwähnt, spielt aber keine Rolle – zu wenig, um als Titel zu taugen. Allerdings taugt der inzwischen populäre Titel ganz sicher zur besseren Vermark­tung dieses an­spruchs­vollen, komplexen und inten­siven Romans.


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