Rezension zu »Die Umkehrung der Liebe« von Maria Paola Colombo

Die Umkehrung der Liebe

von


Belletristik · Blessing · · Gebunden · 432 S. · ISBN 9783896674906
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Apulien

Zwei gegensätzliche Ausnahmecharaktere

Rezension vom 20.07.2013 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Texas Ranger Walker ist verliebt. Das hübsche Mädchen hat er kürzlich am Strand kennengelernt. Erst ha­ben sie ein wenig im Sand gespielt, dann hat sie ihm sogar einen Kuss auf die Wange gegeben. Da hat er beschlossen, sie zu heiraten. Deshalb steht er jetzt in seiner kompletten Uniform bereit, um wieder ans Meer zu fahren und seine Freundin zu beeindrucken.

Mehrere Umstände stehen seinem Vorhaben allerdings entgegen. Erstens: die brüllende Hitze; dafür ist seine Texas-Rangers-Montur denkbar ungeeignet. Zweitens: Das Mädel ist knapp sechs und Walker mit neun Jahren nicht viel älter. Drittens: Walker ist gar nicht sein richtiger Name; Tommaso Fran­ciosco heißt er, und er lebt auch nicht in Texas, sondern im apulischen Ostuni im Südosten Italiens. »Walker« nennt er sich nach seinem Lieblingsstar aus der TV-Serie »Texas Rangers«. Und viertens: Er ist mit dem Gendefekt des Down-Syndroms in diese Welt gekommen, die damit für ihn noch ein wenig schwieriger ist als für die anderen.

Gut, dass sich seine Großfamilie zuverlässig um ihn kümmert. Denn Walker ist nicht nur pfiffig, sondern hat auch seinen eigenen Kopf. Gegen Mamas Widerstand setzt er seine Bekleidung durch und wartet darin den ganzen Tag in der prallen Sonne auf die Freundin. Doch die erscheint nicht. Nach der Kussszene am Tag zuvor hatte ihre Mutter sie entsetzt weggerissen ...

Zur gleichen Zeit wächst im klimatisch und mental kühleren Norden Italiens ein Mädchen auf, das von Sorgen ganz anderer Art geplagt wird, dabei jedoch weitgehend sich selbst überlassen ist. Christiana Ri­vetti ist acht und hat ebenfalls einen Spitznamen: »Cica«. Der spielt auf die Narben (»cicatrici«) auf ihrem Rücken an, die sie seit dem Tod ihrer Mutter trägt.

Was damals geschah, war stets ein Tabuthema; ihr Vater, ein Ingenieur, hat nie mit ihr darüber gesprochen. Sie erinnert sich, dass es ihrer Mutter immer schlecht ging, dass sie sich in ihr Zimmer einschloss, viel weinte und die einfachsten Hausarbeiten nicht schaffte. Nach einem Ehestreit packte sie ihre Tochter, lief und lief mit ihr, und am Ende sprangen sie beide in einen Fluss. Irgendwie kam Cica wieder an die Wasser­oberfläche, aber die Spuren der Fingernägel ihrer Mutter, die ihr Kind nie mehr loszulassen entschlossen schien, hatten sich unauslöschlich wie Tätowierungen eingegraben. Noch tiefer sind allerdings die Narben, die jener Tod in Cicas Seele hinterlassen hat.

Nun hat Ingenieur Rivetti sein Töchterchen in ein Ferienlager an die Küste geschickt. Aber Cica fühlt sich dort abgeschoben und einsam. Mit ihrer panischen Angst vor Wasser will sie nicht ins Meer, und selbst das gemeinsame Duschen umgeht sie heimlich, trotz des strengen Regiments der Nonnen. Beeindruckt hat Cica einzig das Wunderwasser aus Lourdes, denn das, so hatte eine der Schwestern erzählt, kann tote Fische in ihrem Aquarium wieder zum Leben erwecken. Könnte Cica damit vielleicht auch ein Wunder an ihrer ar­men Mama bewirken?

Zehn Jahre später laufen die beiden Handlungsfäden im Süden zusammen. Ingenieur Rivetti ist inzwischen im Ruhestand und mit Cica in seinen Heimatort Ostuni gezogen. In der Schule ist das sehr begabte Mäd­chen bald als Streberin verrufen. Einer ihrer Mitschüler ist Antonio, Walkers Bruder. Der Aufschneider und Wichtigtuer (Spitzname »Geco«) engagiert sich in der Schulversammlung, aber seine Anmache geht Cica auf die Nerven.

Walker ist mal wieder verliebt. Täglich schreibt er seiner Angebeteten mit äußerster Anspannung Buch­stabe für Buchstabe: »Du bist schön.« Außerdem macht er sich auf Arbeitssuche, fragt in einer Bar und bei einem Friseur. Aber überall erhält er fadenscheinige Absagen. Doch Walker selbst empfindet diesen Af­front nicht – im Gegenteil: Er tröstet sich damit, dass in diesen Zeiten wirtschaftlicher Misere auch andere keine Anstellung finden.

Die Autorin Maria Paola Colombo gestaltet auf einfühlsame Weise zwei Ausnahmecharaktere, die auf Grund ihrer Behinderung bzw. ihres Traumas auf unterschiedlichen Ebenen mit sich und ihrer Umwelt zu kämpfen haben. Cica hat zwar den Verstand zu reflektieren, kann aber die Geschehnisse ihrer Kindheit nicht überwinden, weil sie in ihrer Vorstellungswelt nur diffus haften geblieben sind. Ihren verschlossenen Vater lehnt sie mehr und mehr ab. Als sie Liebe, Fürsorge und Erklärung am meisten gebraucht hätte, überlässt er sie sich selber. Er geht zur Arbeit, verbietet ihr, die Wohnung zu verlassen. Zwischen seinen regelmäßigen Kontrollanrufen macht sie sich heimlich auf die Suche nach Mutters Grab auf dem städti­schen Friedhof. Signora Carmelina, eine alte, vereinsamte Nachbarin, beobachtet das seltsame Vater-Tochter-Verhältnis genau und bietet sogar ihre Hilfe an. Während der Vater diese schroff zurückweist, öff­net sich Cica zaghaft der alten Dame, und die spürt die seelische Not der Kleinen, ihre Sehnsucht nach wär­men­der, mütterlicher Liebe. Die beiden werden Freundinnen und Verbündete, denn Cica hat noch an­dere Geheimnisse, die ihr Vater niemals tolerieren würde.

Dagegen lebt Walker, der Texas Ranger, im schützenden Kokon seiner Familie. Was Cica an elterlicher Liebe mangelt, erhält er im Übermaß, denn eifersüchtig beneiden ihn seine beiden Geschwister. Teils un­bewusst, teils bewusst versucht sich Walker aus seiner behüteten Welt hinauszubewegen. Dabei erscheint er wie ein tapsiger Bär, der eigentlich nie von der Kette gelassen werden kann. Mitten in der Pubertät ste­ckend, ist er fasziniert davon, was ihm da nachts im Fernsehen geboten wird, hört auf die Frau auf dem Bildschirm und wählt die eingespielte Telefonnummer. Bald wundern sich die Eltern über die ungewöhn­lich hohen Rechnungen. Als er ertappt wird, verspricht er kleinlaut Gehorsam. Urkomische Situationen wie diese entkrampfen den Diskurs, der ja insgesamt von ernsten Themen bestimmt wird.

»Il negativo dell’amore« Maria Paola Colombo: »Il negativo dell’amore« bei Amazon wurde von Bruno Genzler ins Deutsche übersetzt.


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