Rezension zu »Abschiedsfarben« von Bernhard Schlink

Abschiedsfarben

von


Neun spannende Geschichten, in denen gereifte ältere Herren Episoden aus ihrem Leben erzählen, von unerfüllter Liebe, vor allem aber von verkannten Wegkreuzungen, Enttäuschungen und Schuld. Ihr Rückblick ist melancholisch, teils wehmütig, teils bitter, teils reuevoll.
Erzählungen · Diogenes · · 232 S. · ISBN 9783257071375
Sprache: de · Herkunft: ch

Leben – eine Einbahnstraße

Rezension vom 08.09.2020 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Ein apartes Wort genügt als Titel, um Thema und Stimmung dieser Erzäh­lungen zu evozieren. Eine weitere Tönung fügt das Gemälde »Odalisque 11« von Mary Jane Ansell (2004) auf dem Cover hinzu – eine junge Dame, dem Betrach­ter abgewandt auf dem Bettrand sitzend, im Begriff, ihr weites, aufrei­zend rotes Nacht­gewand abzulegen, ihre linke Schulter und ihr Rücken halb entblößt: Man darf in »Abschieds­farben« sinnliche, erotisch inspi­rierte Geschich­ten erwarten. Es ist der dritte Erzähl­band des inter­national aner­kannten Schrift­stellers Bernhard Schlink nach »Liebes­fluchten« (2000) und »Sommer­lügen« (2010) [› Rezension].

In neun Geschichten auf 230 Seiten erzählen gereifte, gebildete, kulti­vierte und wohl­situierte Männer von Erfah­rungen, die sie in ihrem Leben geprägt haben. Alt fühlen sie sich noch nicht, eher leiden sie unter Einsam­keit und ihrem unbe­friedig­ten Bedürfnis nach Sinnes­lust. Wie kommt man an eine Frau, wenn das Aufsuchen der Öffent­lichkeit nur als notwen­diges Übel vollzogen wird? Man kennt natürlich die Standard­empfeh­lungen, das Internet als Plattform zu nutzen, in einen Verein, einen Chor einzu­treten, einen Yogakurs zu besuchen. Allein, »der Geruch nach mensch­lichem Schweiß und indischem Rauchwerk, die medi­tative Dosen­musik, das ergrif­fene ›Om‹ – ich kann’s nicht.«

Meist in dritter Person, weniger aus der Ich-Perspek­tive schauen die Herren voller Wehmut und Melan­cholie zurück auf ihr Leben. Was sie da vorzugs­weise wahr­nehmen, sind ihre eigenen Versäum­nisse, die vertanen Chancen, Selbst­betrug, auch Schuld, und hernach martern sie sich mit der vergeb­lichen Sehnsucht, das Rad der Zeit zurückzu­drehen, an einem Wende­punkt innezu­halten und anschlie­ßend einen anderen Weg einzu­schlagen oder den schönen Augen­blick inten­siver auszu­kosten. Wer im vorge­rückten Alter hätte derlei Besinnung nicht durch­gemacht? Das ver­schafft beim Lesen Identifi­kations- und Soli­daritäts­erleb­nisse. Zwar schmeckt manche Geschichte nach indivi­dueller Biografie des 76-jährigen Autors, doch das weiter zu verfolgen bleibe Literatur­wissen­schaft­lern vorbe­halten und ist für den literari­schen Wert irre­levant.

In gewohnt bewundernswerter Weise setzt Schlink sprach­lich präzise um, wie die Erinne­rungs­pro­zesse um früheres Handeln, die Suche nach Antworten auf Sinn­fragen (letzte Dinge einge­schlossen) bei seinen so abge­klärten wie fein­füh­ligen Figuren zu späten Erkennt­nissen führen, aber oft mehr Selbst­mitleid als Selbst­kritik evozieren. Dabei sind künstle­rische Experi­mente nicht die Sache des einstigen hoch­rangigen Juristen. Die Prosa der vielfäl­tigen Erzäh­lungen überzeugt durch Klarheit und Prägnanz, die Handlungs­verläufe durch Stringenz, Spannung und Dynamik.

Gleich die erste Geschichte (»Künstliche Intelli­genz«) setzt die dunkle Tonlage, die alle weiteren Erzäh­lungen mehr oder weniger dominant durch­schwingen wird. Während der Ich-Erzähler über die Bedeutung von Beerdi­gungen als Hilfe beim Abschied­nehmen nachsinnt, schweifen seine Gedanken ab. Ihn martert das schlechte Gewissen, seinen besten Freund einst an die Stasi verraten zu haben, dennoch ergeht er sich immer wieder in Recht­ferti­gungen seines Handelns.

In »Picknick mit Anna« erliegt der Erzähler dem Liebreiz eines heranwach­senden Mädchens. Seit sie ein Kind war, gab er ihr Nachhilfe und genoss ganz unschul­dig ihre Nähe. Nach ihrem Abitur ist er über­flüssig, nimmt aber weiter Anteil am Leben der hübschen jungen Frau, trotz mancher Zurück­weisung und Demüti­gung. Als ihr ein feuriger Don Carlos den Hof macht, ist ihm bewusst, wie schlecht dieser Umgang für sie ist, und lässt dem verderb­lichen Schicksal dennoch seinen Lauf. Wie etliche der Ge­schichten ist dies ein kleiner Krimi, der Schuld­fragen aufwirft, ohne ein Urteil zu fällen.

So auch »Geschwistermusik«, ein raffiniertes, eigentlich tieftrauriges Meister­stück. Darin läuft Philip, einem Musik­histori­ker, Ü50, per Zufall eine ehe­malige Klassen­kameradin über den Weg (im Opern­haus, wo sonst?). Noch immer ist Susanne schön und apart. Schon zu Schul­zeiten war sie um­schwärmt. Aus bestem Hause, wusste sie sich hoheits­voll zu bewegen, war klug, konnte »geschickt Gespräche zuspitzen und die anderen in Bösartig­keit und zur Verzweif­lung treiben«. Rätsel­hafter­weise zog sie ausge­rechnet Philip, den Jungen aus dem Abseits einfacher Verhält­nisse, »in ihren Kreis und an ihre Seite«, wo er sich im Familien­kreis herzlich aufge­nommen fühlte und eine intensive Freund­schaft mit Susanne und ihrem Bruder Eduard (seit einem Unfall im Rollstuhl) erlebte. Nicht einmal ihm selbst ist so richtig klar, was ihn nach einem Jahr dazu trieb, ohne ein Wort des Abschieds nach Amerika zu fliehen. Das zufällige Wieder­sehen lässt die alten Zeiten erwachen, mündet in eine erneute Einladung in Susannes Haus und ihre Auffor­derung »Bleib über Nacht«. Doch die Erfüllung einer verpass­ten Jugend­liebe bleibt aus, die Gefühle fürein­ander haben sich verändert, aber die erneute Nähe gibt Susanne die Möglich­keit, dem Vertrauten ein quä­lendes Geheimnis zu offen­baren.

Jede der »Abschiedsfarben« hat einen besonderen Plot, eine besondere drama­tische Wendung, und die erzählten Lebens­erfah­rungen sind keine alltäg­lichen. So erzählt ein verant­wortungs­voller Vater von seiner nicht leib­lichen Tochter, die in einer gleich­geschlecht­lichen Beziehung lebt. Zur Vervoll­komm­nung ihres Glücks ersehnen sich die beiden ein Kind. Doch kein medizi­nisches Verfahren führt zum Ziel. In der Folge nähert man sich, obwohl ja gar keine Bluts­verwandt­schaft besteht, dem Tabu des Inzests und den damit verbun­denen Schuld­fragen – ein literari­scher Bogen­schlag über Max Frisch (»Homo Faber«) bis zurück ins Alte Testa­ment, der die Hoffnung lässt, dass »aus etwas Falschem etwas Richtiges werden« kann.

Die »Abschiedsfarben« sind gedämpft, und doch sind die Erzäh­lungen durchaus flüssig, unter­haltsam und spannend zu lesen. Manchmal verdich­tet sich der nüchterne Stil zu Poesie, an wenigen Stellen dampft gar Sinn­lichkeit aus den Buch­seiten, ohne aber zu Kitsch zu konden­sieren. Dazu ist der Autor – wie seine Figuren – viel zu be­herrscht. So erinnert sich der alte Professor nicht gänzlich unsenti­mental an Anna: »blonde Locken, rote Wangen, Lebens­lust und Neugier … Ich habe ihren Geruch gerochen, den unver­gleich­lichen, unwieder­bring­lichen Mädchen­duft nach Kind und Frau und frischen Früchten, dessen Ver­sprechen einen um den Verstand bringt.« Aber ach, es ist zu spät. Im Rückblick verwehen die Eindrücke, und die Lebens­last legt sich schwer darüber.


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